Vor einer Stunde noch war er im Wald gleich vor dem Schloss gewesen. Nur er, sein Bruder und ein paar Soldaten der hoheitlichen Garde. Es war ein ruhiger Nachmittag gewesen, als sie die Glocken hörten. Kein Regen und fast kein Wind. Still, friedlich. Seine Frau hatte erklärt, dass sie Hase verlangte und sein Bruder hatte nicht gezögert seine Bogen zu schnappen. Stana war immer froh ein wenig Zeit allein mit den Kindern zu verbringen, seitdem sie vereinbart hatten, dass deren Erziehung Rheos Beitrag zu ihren gemeinsamen Pflichten war, während sie sich um die öffentliche Arbeit kümmerte. Selbst in ihrem derzeitigem Zustand bestand sie darauf sich zu überarbeiten, also war er froh ihr jeden Wunsch zu erfüllen.
Als die Wache auftauchte, war ihm als wäre die Zeit stehen geblieben. Alle standen so still, dass selbst eine Brise sie hätte umwerfen könnte.. Dieser Reiter war kein einfacher Fußsoldat sondern einer von Stanas persönlicher Leibgarde und wenn sie ihn allein losschickte, konnte es nur ein Notfall sein. Vielleicht war sie verletzt oder war in den Wehen. Beide annahmen waren falsch gewesen. Oh, wie er es hasste falsch zu liegen.
Ihn nur zu sehen drehte ihm den Magen um und sobald er seinen verängstigten Blick sah, wusste er um was für einen Notfall es sich handelte. Als der Blick des Reiters den des Titularkönigs fand, sprang er von seinem Pferd um ihn anzusprechen, doch dieser kam ihm nicht entgegen. Er stand still, verengte den Griff um seinen Bogen und gab seinem Bruder einen intensiven Blick. Aurelys verstand sofort und übernahm die Situation, wie er es immer tat. Der Wortwechsel zwischen dem beiden war kurz und Rheo konnte nicht verstehen was sie sagten. Er versuchte es nicht mal, er starrte bloß vor sich her. Aus seinem Augenwinkel sah er wie sich seine Wachen um ihn versammelten und in ihrer Umgebung nach einer Bedrohung Ausschau hielten, aber er ahnte dass sie nichts finden würden.
Viel zu schnell war sein Bruder wiedergekehrt und hatte ihn bei den Schultern gepackt, um ihm in die Augen zu schauen. Er konnte ihn durch das rauschen in seinen Ohren kaum hören aber verstand genug um seinen Bogen fallen zu lassen. Der Morgen waren immer kalt, egal zu welcher Jahreszeit, aber es war nicht der Frost, der seine Augen tränen ließ. Seine Finger waren wund vom spannen seines Bogens, seine Knie schmerzten vom stundenlangen im Dreck hocken. Der Rest seines Körpers war taub und beinahe regungslos. Trotzdem zwang er sich aufs Pferd, um so schnell wie möglich sein zuhause zu erreichen.
Als er beim Schloss ankam, meidete das Personal jeglichen Augenkontakt aber dennoch bemerkte er die Nässe auf ihren Wangen und wie sie ihren Kopf wegdrehten. Er sah nicht genug Chaos für einen Eindringling oder andere Bedrohungen. Er wusste sofort dass seine Eile vergeblich war und er nichts tun konnte. Normalerweise würde er sich um sie sorgen aber in diesem Moment wollte er nicht wissen was sie wussten und auch nicht fühlen was sie fühlten. Aber jeder Schritt brachte ihn näher an die Quelle ihres Leidens. Ein Leid dem er sich stellen musste. Eine Angst die er nicht bestätigen wollte. Ein Schmerz den er nicht umgehen konnte. Die Glocken läuteten erneut. Sie läuteten für Hochzeiten, Feiern und anderen Anlässen. Aber niemals so spät. Nicht wenn Menschen von der Arbeit nach Hause kamen oder sich fürs Bett fertig machten. Die Glocken läuteten für Gefahr und Tod.
Gerade als er glaubte seinen Platz in der Welt gefunden zu haben, wurde sein Frieden zerstört Mehrfach blieb er stehen, sein Körper drängte ihn dazu umzudrehen und vor dem was ihn erwartete wegzulaufen. Niemand kam ihm zur Hilfe. Nach jahrelangen zusammenleben wussten sie, wann sie alleine lassen sollten. Trotzdem spürte er ihre besorgten Blicke. In ihm regte sich der drang zu ihn zu gehen aber wie könnte er helfen wenn er selbst so schwach war. Er schluckte den Brechreiz hinunter und hob den Kopf, um die Tür am anderen Ende des Korridors zu fixieren. Seine Familie brauchte ihn, also zwang er sich vorwärts.
Er hatte Grauen öfter empfunden als jede andere Emotion, doch nichts davon war vergleichbar mit dem Gefühl drohenden Unheils, das ihn jetzt überkam. Er ging mit nur einem Gedanken im Kopf weiter, trieb sich vorwärts, bis er die Eichentür zum Zimmer seiner Tochter erreichte und sein Ohr ans Holz presste. Sie weinen zu hören war schlimm, gar nichts zu hören, war schlimmer. Seine Hand verharrte viel länger als nötig über dem Türknauf, bis jemand von innen die Tür öffnete. Das blasse Gesicht seiner Frau blickte ihn an, auch sie brachte kein Wort hervor. Tränen und Rotz klebten an ihrem müden Gesicht. Ihre geschwollenen Augen waren trüb. Still nahm sie seine Hand und führte ihn den Flur entlang in ihr Schlafzimmer. Dort legten sie sich gemeinsam auf den Teppich und atmeten ruhig durch den Schock. Er streichelte ihr sanft über das Haar und wartete darauf, dass sie die Stille brach. Als sie es tat, schmiegte er sich an sie und summte das Lieblingswiegelied ihrer Kinder.
Über den Tag hinweg, hatte er die Feier für den Frühlingsanfang geplant und jetzt würde er die Beerdigung seiner ältesten Tochter planen.
Die Glocken läuteten immer noch.
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Wassertropfen - Die "Sternfall" Reihe Teil 1
FantasyFast zweihundert Jahre nachdem eine Naturkatastrophe den Kontinent zerstörte, haben die Überlebenden ihre Welt wieder aufgebaut. Neue Monarchen regieren in einer neuen Ordnung ohne Disharmonie, zu mindestens scheint es so. Gier, Angst und Zweifel sc...
