Körper im Mond

5 0 0
                                        

Lange hasste ich diese Nase,
fasste sie an der Spitze
und drückte sie nach oben,
dass sie sich verbog

Lange hasste ich diese Augen,
zog sie zu den Brauen,
malte sie schwarz und weiß,
dass sie nichts mehr sahen

Oft schnitt ich in diese Arme,
fiel auf meine Knie
und brach meine Zehen,
spreizte die Nägel in zwei Hälften
und ging zu Bett in einem brennenden Körper

Zu oft zog ich meine Brust auf
fasste mich an den Armen
und zerrte im er weiter,
bis ich zersprang
Und an meinen Fingern klebte die Haut,
klebten die Sehnen und Adern
Zu oft zerriss ich meinen Brustkorb,
um das Feuer zu verteilen,
um mich selbst brennen zu sehen

Und heute leuchte ich unter der Sonne
In blonden Strähnen liegt das Licht
in meinem Gesicht
Auf meiner Nase fallen kleine Tropfen und Hügel,
meine Augen sind schief wie die Wimpern
und Brauen und das Leben
Meine Hände so groß wie Kastanienblätter,
so dick wie die Beine und Stämme
Die Zehen so kurz wie die Dornen der Rosen,
wie die Arme
und Hände und Füße der Kinder

Heute brenne ich unter dem Licht der Sterne,
in den Augen eines anderen,
im Mond
Uns ich bin gar nicht mehr hässlich
Meine Fingerspitzen tauchen in den Meersand hinein
wie mein Kopf
Heute tut meine krumme Nase mir nicht mehr weh
und auch nicht mein Bauch
und auch nicht meine Hüfte
und auch nicht meine Lieder
und Träume und Wünsche
und Gedanken
Heute bin ich gar nicht mehr hässlich
Heute bin ich nur noch schön
und einfühlsam
und einfallsreich
und einzigartig
und meine Haare sind braun wie die Erde
und meine Augen sind blau wie der Himmel
am Morgen
und meine Hände sind weich wie die Meere
und hart wie die Steine
und formlos wie die Asche,
zu der wir alle zurückkehren,
aus der alle wir entstehen

Heute bin ich am Leben
und genau deswegen bin ich so schön

Selbstporträt ohne SelbstbildGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt