Schwungvoll komme ich ins Sitzen und finde mich hellwach in meinem Bett wieder. Warme Sonnenstrahlen kitzeln durch die Gardienen mein Gesicht und legen sich auf meiner schwitzigen Haut nieder. Es ist für mich nichts Neues, dass mich meine absurden Träume in letzter Zeit immer wieder aus dem Schlaf hochfahren lassen. Ein paar dunkelbraune Strähnen fallen in mein klebriges Gesicht und ich habe das Verlangen, mir diese schnell von den Schläfen zu streifen. Ich werfe einen Blick neben mich, wo Niklas nach wie vor schläft und scheinbar nichts von meinem Aufschrecken mitbekommen hat. Ein Glück, denke ich mir und lege meine Beine sanft auf den Holzboden neben dem Bett ab, um ihn nicht zu wecken. Wenn er mich so durcheinander sieht, wird er mich wie immer für verrückt halten und sich vielleicht noch über mich lustig machen, wofür ich heute wirklich keine Zeit habe. Und vor allem keine Nerven. Auf Zehenspitzen laufe ich durch unser Schlafzimmer Richtung Bad und schnappe mir im Vorbeigehen meine Klamotten von gestern. Vorsichtig gehe ich wie bei einem Hundeparcour um die Stellen des Fußbodens herum, welche Niklas durch das Knarren der alten Dielen wecken könnten. Wir leben nun bereits seit zwei Jahren in dieser Altbauwohnung im dritten Stock, weshalb ich jeden Winkel in und auswendig kenne. Als wir frisch eingezogen waren, saßen wir abends oft zusammen auf unserem Balkon und erzählten uns von unserem Tag. Wir lachten über unsere Probleme auf der Arbeit und die viel zu lauten Nachbarn, die bereits früh am Morgen über uns durch ihre Wohnung stampften. Heute tun wir das nicht mehr. Die meiste Zeit gehen wir uns aus dem Weg, da wir ansonsten entweder über unsere Gewohnheiten diskutieren oder uns anschweigen. Wobei mir das Anschweigen deutlich lieber ist. Mein Magen beginnt zu grummeln und ich bin mir nicht sicher, ob der Hunger oder die Gedanken an meine in den Abgrund stürzende Beziehung schuld daran sind.
Das kalte Wasser läuft an meinem Körper herab und ich genieße den Gedanken daran, wie die ganze Last der Nacht den Abfluss hinunterfließt. Ich schlafe schon seit einer ganzen Weile schlecht. Wenn ich endlich einmal eingeschlafen bin, träume ich verrückte Dinge und wache mit einem Gefühl von Panik wieder auf. Auch wenn ich eine Erlösung verspüre, aus diesen verstörenden Träumen gerissen zu werden, merke ich meist sofort, dass ich eigentlich noch viel zu müde bin. Ich stelle das Wasser aus und erkenne, wie Niklas die Tür öffnet und in Richtung des Waschbeckens geht. Meine Bemühungen, ihm heute Morgen aus dem Weg zu gehen, haben also nicht ihren Zweck erfüllt. Wie erwartet würdigt er mich jedoch nicht mal eines Blickes. Auch wenn mich das nicht überrascht, trifft es mich immer wieder aufs Neue. Früher haben wir uns morgens mit einem zärtlichen Kuss begrüßt. Wie konnten wir uns so verändern? Ich beschließe, nicht weiter darüber nachzudenken und greife mit meinen tropfend nassen Händen nach meinem Handtuch neben der Duschwanne. Während ich mich abtrockne, riskiere ich einen Blick zu Niklas, der sich gerade die Zähne putzt. Bei ihm sieht das immer so aus, als würde er mit der Zahnbürste einen dreckigen Elefanten schrubben und bereits der Gedanke, was das mit seinem Zahnfleisch macht, löst in meinem Mund ein unangenehmes Gefühl aus. Ich muss schmunzeln und bereue es sofort, da Niklas mich in diesem Moment durch den Spiegel ansieht. „Ist was?", fragt er mich mit kratziger Stimme und ich denke darüber nach, ob in der Bar gestern zu laute Musik abgespielt wurde und sich seine Stimme deshalb so anhörte, als hätte er seiner Fußballmannschaft über Stunden hinweg vom Spielfeldrand zugerufen. Dass ich nicht mitgehen konnte, da ich heute eine weitere Schicht im Café habe, scheint ihn nicht weiter gestört zu haben. Wahrscheinlich hat er das Treffen auch genau deshalb auf den gestrigen Abend gelegt. „Nein" antwortete ich knapp, um einem weiteren Gespräch aus dem Weg zu gehen. Niklas scheint ebenfalls nicht daran interessiert zu sein, unsere Unterhaltung weiterzuführen und geht der Arbeit des Zahnfleisch-Blutig-Schrubbens weiter nach. Ich ziehe mir die Klamotten vom Vortag über und begebe mich in die Küche, um noch schnell etwas zu frühstücken, bevor ich los zur Arbeit muss.
Das Café ist zum Glück nur wenige Minuten zu Fuß entfernt, sodass ich es meistens pünktlich schaffe, da zu sein. Ursprünglich wollte ich hier nur so lange arbeiten, bis ich mich entschieden habe, was ich mit meiner Zukunft anfangen möchte. Da ich aber immer noch nicht weiß, was mir gut liegt und was mich in meinem Leben glücklich macht, bin ich nun seit drei Jahren hier angestellt. Ich verdiene genug, dass ich meinen Beitrag zur Wohnung und der Lebensmittel beisteuern und am Ende des Monats etwas zur Seite legen kann. „Einen Cappuccino zum mitnehmen bitte".
Blitzartig werde ich aus meinen Gedanken gerissen und zucke zusammen. Gegenüber an der Theke steht ein Mann, den ich hier noch nie zuvor gesehen habe. Seine blonden Locken fallen ihm ins Gesicht und schmeicheln den ausgeprägten Wangenknochen. Er ist braungebrannt, als würde er gleich zum Surfen ans Meer fahren und hübsche Frauen würden ihm dabei vom Strand aus zujubeln. „Ist das hier eure Art der Kundenbindung?" lacht mich der gutaussehende Mann an und ich werde rot. Ich realisiere erst jetzt, dass ich ihn viel zu lange angestarrt habe. Etwas verlegen streiche mir schnell mit den Händen die klebrige Schürze glatt und bemerke, dass ich schon wieder vergessen habe, sie zu waschen. „Sorry, ich hatte eine harte Nacht" antworte ich ihm mit einem Lächeln, was nicht gelogen ist. „Dann zwei Cappuccinos" bringt er mit einem Lächeln über die Lippen. Wieder starre ich ihn an. Hat er gerade einen Cappuccino für mich bestellt? Den ich mir nun selbst zubereiten soll? Der Mann lehnt sich von Selbstvertrauen strotzend an die Theke und schaut mich erwartungsvoll an: „vorausgesetzt du trinkst Kaffee?". Ich streiche mir erneut über die Schürze und versuche, entspannt zu wirken: „ja, das tue ich, danke" zwinge ich hervor und drehe mich zur Kaffeemaschine. So kann er zumindest nicht sehen, wie ich drei Tiefe Atemzüge nehme, um mein Nervensystem wieder herunterzufahren. Obwohl ich die Kaffeemaschine jeden Tag betätige, fühle ich mich gerade wie ein Kind an seinem ersten Schultag, das sich verloren nach seiner Mama umsieht. Während ich unter Anspannung versuche, den Kaffee wie gewohnt zuzubereiten, spüre ich den musternden Blick des Mannes auf mir. Ich war noch nie so nervös dabei, einer alltäglichen Aufgabe nachzukommen und ich weiß nicht einmal, wieso ich es bin. Als ich die beiden Cappuccinos über die Theke schiebe, schaut der Mann mich mit einem herausfordernden Blick an und schiebt mir einen der beiden Kaffees wieder zurück. „Der ist doch für dich". Unwissend, wie rot mein Gesicht mittlerweile angelaufen sein muss, nehme ich den vor mir stehenden Becher und erwidere mit einem Schmunzeln: „Wie gesagt, es war eine harte Nacht".
Während er mir das Geld für die beiden Kaffees entgegenstreckt, nehme ich einen tiefen Schluck vom Cappuccino, den ich mir gerade zubereitet habe und den der fremde Mann für mich bezahlt hat. Wie absurd. Immerhin schmeckt er so gut wie gewohnt und ich habe vor Aufregung nicht die falsche Milch oder zu viel Kaffeepulver verwendet. Ich kann also doch etwas, wenn auch nicht viel. Der Mann nimmt ebenfalls einen Schluck und einen Moment lang wirkt es so, als würde er den Kaffee genauestens mit seinem Gaumen inspizieren. Während er in Richtung Ausgang geht, hebt er seinen Becher triumphierend in die Höhe und ruft mir mit Blick Richtung Türe zu: „Schmeckt gut, ich komme wieder!". Noch nie hat mich ein so kurzes Gespräch dazu gebracht, den restlichen Tag an nichts anderes mehr zu denken. Wenn man das überhaupt schon ein Gespräch nennen kann.
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Zwischen gestern und mir
RomanceAls Claire eine unverhoffte Begegnung auf der Arbeit macht, ahnt sie noch nicht, dass diese ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen wird.
