Kapitel 1: Das Eis bricht nicht von allein

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Der Campus der Silverwood University im Norden Vermonts war im November ein Ort, an dem Mode gegen Funktionalität verlor. Wer nicht in dicken Wollmänteln oder übergroßen Hoodies herumlief, hatte den Kampf gegen den schneidenden Wind bereits aufgegeben. Anastasia zog den Kragen ihrer khakifarbenen Parka höher und fixierte ihre beste Freundin Maya mit einem Blick, der Glas hätte schneiden können. Ihre braun-grünen Augen funkelten gefährlich, während sie versuchte, ihren Schal fester um ihren Hals zu wickeln.

„Nein", sagte Anastasia. Es war ein kurzes, direktes Wort. Endgültig.

„Komm schon, Ana! Nur ein Spiel. Es ist das Eröffnungsspiel der Saison gegen die State University. Die Stimmung wird wahnsinnig sein", bettelte Maya und hüpfte auf der Stelle, teils aus Aufregung, teils um ihre Füße warmzuhalten.

„Eishockey ist nichts weiter als eine organisierte Schlägerei auf Schlittschuhen, bei der sich Männer mit zu viel Testosteron gegenseitig gegen Plexiglas hämmern", erwiderte Anastasia trocken. Sie war 1,73 m groß und stand kerzengerade, was ihr in Diskussionen oft eine natürliche Autorität verlieh. „Und das Schlimmste daran ist nicht das Spiel. Es ist das Klientel. Ich habe keine Lust, den Abend in einer Halle voller kreischender Mädchen zu verbringen, die Trikots mit den Namen von Typen tragen, die ihren eigenen Namen nicht ohne Rechtschreibfehler buchstabieren können."

Maya stöhnte theatralisch auf. „Du bist so ein Snob, wenn es um Sportler geht. Nur weil dein Ex-Freund in der Highschool dachte, ein Quarterback-Trikot sei ein Freifahrtschein zum Fremdgehen, sind nicht alle so."

„Es geht nicht nur um meinen Ex", entgegnete Anastasia und ihre Stimme wurde noch eine Spur schärfer. Sie war bekannt für ihre direkte Art. „Es ist das System. Diese Jungs werden wie Götter behandelt, nur weil sie ein Stück vulkanisierten Gummi in ein Netz befördern. Sie bekommen die besten Noten für die geringste Arbeit, die Aufmerksamkeit jeder Frau auf dem Campus und entwickeln dadurch ein Ego, das kaum durch die Hallentür passt. Sportler sind Frauenhelden aus Prinzip. Das ist in ihrer DNA verankert."

Maya griff nach Anastasias Arm und zog sie in Richtung der Cafeteria. „Bitte. Ich habe versprochen, dass wir kommen. Marc spielt in der Verteidigung, und er hat mir VIP-Tickets besorgt. Wir sitzen direkt hinter der Bande. Es gibt heiße Schokolade und danach gehen wir zu dieser neuen Bar in der Innenstadt. Wenn du mitkommst, schreibe ich deine Zusammenfassung für die Ethik-Vorlesung am Montag."

Anastasia hielt inne. Das Ethik-Seminar war eine Qual, und die Zusammenfassung würde sie mindestens fünf Stunden kosten. Sie wog ihre Prinzipien gegen ihre Freizeit ab.

„Die ganze Zusammenfassung?", fragte sie misstrauisch.

„Jedes einzelne Kapitel. Inklusive Fußnoten im Chicago-Stil", versprach Maya und hielt sich die Hand aufs Herz.

Anastasia seufzte schwer. „Fein. Aber ich werde mich nicht schminken, ich werde nicht jubeln, und wenn mich einer dieser verschwitzten Neandertaler anspricht, gehen wir sofort."

Die Silverwood Arena war ein Hexenkessel. Der Geruch von schmelzendem Eis, Hotdogs und billigem Parfüm hing in der Luft. Anastasia fühlte sich fehl am Platz. Während alle um sie herum in Blau und Gold gekleidet waren – den Farben der Universität –, trug sie einen schlichten schwarzen Rollkragenpullover. Sie saßen tatsächlich in der ersten Reihe, direkt hinter dem dicken Plexiglas.

„Dort ist er!", rief Maya und deutete auf das Eis, wo sich die Spieler gerade aufwärmten.

Anastasia ließ ihren Blick lustlos über die Fläche schweifen. Die Spieler wirkten in ihren Polstern und Helmen wie anonyme Panzer. Sie schossen Pucks gegen die Bande, die mit einem ohrenbetäubenden Knall einschlugen, und grinsten sich gegenseitig zu. Das typische Imponiergehabe, dachte sie genervt.

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