Kapitel 1

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Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen über den Horizont des Meeres, um dem neuen  Sommertag ihre Wärme zu schenken. Sie wanderten über die steinernen Klippen am Rande des Ozeans und weiter ins Landesinnere und ließen den Himmel in den schönsten rot- und violett- Tönen leuchten.

 Der wunderschöne Sonnenaufgang reflektierte in den Fensterscheiben der dicht aneinandergereihten Häuschen des hübschen Dorfes Aerinmire. Lichtstrahlen fingen sich in dem Wasser des Brunnens auf dem kleinen Marktplatz, fanden ihren Weg durch die vielen Bäume in den Gassen, weckten einige Vögel auf, erkundeten mit ihnen die grasgrünen Anhöhen und erreichten schließlich das Gebäude, das auf dem höchsten Hügel thronte.

Obwohl, "Gebäude" konnte man die Errichtung dort kaum nennen. Einst war dort ein riesiger Findling gewesen, aus dem die ersten Bewohner Aerinmires sechs riesige, reich verzierte Säulen gemeißelt hatten, die nun eine marmorne Decke trugen, sowie ein großes, steinernes Becken, das die Mitte des Raums erfüllte. Der Boden war, ebenso wie die Decke, aus Marmor gemacht, wo zwischen den Ritzen Überreste des Findlings zu sehen waren. 

Dies war der heilige Tempel von Aerinmire.

Wenn man diesen von der richtigen Seite aus im richtigen Augenblick betrachtete, konnte man Zeuge eines wunderschönen Lichtspektakels werden. Wenn die Sonne hinter dem Hügel hervor kam, wurde der Tempel von einem unbeschreiblichen, goldenen Glanz erfüllt, der jedem Zusehenden mit einen wohligen Schauer zurückließ. Hier demonstrierten die Mächte der Natur ihre volle Kraft.

Genau dieses Schauspiel beobachtete Keira Devore am Morgen dieses Sommertages. Sie kam fast jeden Morgen hierher, um die Ruhe zu genießen, bevor der  triebsame Alltag in den Gassen ihres Dorfes begann. Später arbeitete sie als Händlerin auf dem Marktplatz, wo sie handgewebte Stoffe verkaufte. 

Heute jedoch war sie nicht allein. Heute war das gesamte Dorf vor dem Tempel versammelt, um das Große Ritual mit anzusehen. Sie alle warteten auf den Doyan, der nun mit großen Schritten zwischen die Säulen des Tempels trat.

"Wir haben uns hier versammelt, um dem Großen Ritual beizuwohnen. Wir werden Zeugen der göttlichen Macht, die uns heute wieder zuteil wird. Tretet ein", erhob der alte Mann seine Stimme.

Gehorsam folgte Keira, wie auch die restliche Gemeinde, seinem Beispiel und nahm auf dem marmornen Boden des Tempels Platz.

Wieder trat der Doyan vor und stellte sich hinter das große Steinbecken. Er war der Älteste des Dorfes, weshalb er diese Position innehatte. Man respektierte ihn und erbat seine Meinung bei wichtigen Entscheidungen, da er die größte Macht des Dorfes besaß. Das Prinzip war einfach: je älter ein Magieträger, desto stärker die Kraft, von der er Gebrauch machte. 

" Das Große Ritual ist - wie ihr wisst - die wichtigste Tempelfeier unseres Jahres. Denn unsere jüngsten Träger erhalten in dieser Zeremonie ihr Artefakt und damit ihren Zugang zu der Magie, die die Götter uns geschenkt haben. Doch ihr müsst wissen: Euer Artefakt ist eure größte Stärke und Schwäche zugleich. Es verleiht euch die Macht, die euren weiteren Lebensweg ebnen wird, und macht euch doch gleichzeitig verletzlich wie nie zuvor. Seid ihr einmal an ein Artefakt gebunden, könnt ihr ohne nicht mehr überleben."

Der Doyan machte eine bedeutungsschwere Pause. Keira und die anderen Anwesenden wussten dies natürlich alles, von klein auf war es ihnen eingebläut worden. Doch jetzt, wo es so weit war, alles so greifbar, lagen ihr die Folgen dieses Tages weit deutlicher vor Augen.

Es war, wie der alte Mann gesagt hatte: Nach dem Großen Ritual, in dem sie ein Artefakt erschaffen sollte und dessen Magie sich entschied, war sie lebenslang daran gebunden. Mehr noch: Wurde das Artefakt zerstört, so war auch ihr Leben vorbei. Es würde deshalb ihr wertvollster Besitz werden, dass sie mit allem, was sie hatte, beschützen würde.

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