Teil 1

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Ich glaube nicht an Zufälle. Nicht mehr.

Als er zum ersten Mal in das Café kam, in dem ich arbeitete, war es ein Dienstagmorgen. Grau. Leise. Einer dieser Tage, an denen nichts passiert. An denen man hofft, irgendetwas reißt einen raus aus der schleppenden Routine zwischen dampfendem Milchschaum, schlechten Flirts und falschem Lächeln.

Er trat ein wie ein Schatten. Groß. Breit. Ganz in Schwarz. Nicht auffällig – aber unmöglich zu übersehen.
Ich spürte ihn, bevor ich ihn sah.
Und als ich dann hinsah, war da etwas in seinen Augen, das sich direkt in meine Haut bohrte. Nicht gierig. Nicht freundlich. Sondern fordernd. Besitzergreifend. Als würde er mich schon kennen.

Ich stellte gerade zwei Cappuccinos auf ein Tablett, als mir die Gabel von der Theke rutschte. Sie fiel zu Boden, laut klirrend – ein peinlicher Moment, den ich mit einem murrenden Seufzer begleichen wollte.

Doch bevor ich mich bücken konnte, war da eine Hand.

Seine Hand.

Lange Finger. Ruhig. Die Gabel zwischen Zeigefinger und Daumen, als wäre sie mehr als nur ein Stück Besteck.

Er reichte sie mir.
Unsere Finger berührten sich. Nur kurz. Aber es war, als würde mir jemand Eis in die Adern gießen.

Ich hob den Blick.

Und dann war da nur noch er.

Tiefbraune Augen, fast schwarz, mit diesem Blick, der mich einfach durchschaute. Nicht aufdringlich. Nicht billig. Sondern leise. Unverhohlen. Und irgendwie... verboten.

„Danke", sagte ich. Aber es klang falsch. Zu atemlos. Zu klein.

Er nickte nur. Kein Lächeln. Kein Flirt.
Nur dieser Blick. Und dann wandte er sich ab, setzte sich an einen der hinteren Tische, von wo aus er mich sehen konnte. Die ganze Zeit. Ohne sich zu verstecken.

Ich fühlte ihn.
Während ich Bestellungen aufnahm, während ich die Kaffeemaschine reinigte, während ich versuchte, mich nicht alle drei Sekunden zu ihm umzudrehen.

Und irgendwann war er einfach weg.

Ohne ein Wort.

Ohne Kaffee zu bestellen.

Nur mit diesem Blick, der sich in mein Innerstes eingebrannt hatte.

Zuhause riss ich mir die Strumpfhose vom Leib, warf die Schürze in die Ecke und lehnte mich mit einem dumpfen Seufzer an die Tür. Meine Haut prickelte. Mein Unterleib zuckte bei jeder Erinnerung an seine Augen.

Ich fühlte mich... durchschaut. Durchbohrt.
Nicht auf eine schmutzige Art. Sondern auf eine seltsam vertraute.

Ich duschte heiß. Länger als nötig. Und konnte trotzdem nicht aufhören, an ihn zu denken.

Wer war dieser Mann?

Und warum fühlte es sich nicht an wie ein Flirt – sondern wie ein Versprechen?

Die Tage danach wurden leiser. Und gleichzeitig lauter.

Ich hörte Schritte, wenn ich allein war.
Spürte Blicke, wenn ich durch die Stadt ging.
Drehte mich um, wenn niemand da war – und ertappte mich dabei, wie ich ins Leere lächelte.

Ich war nicht verängstigt.
Ich war... neugierig.

Es war ein bisschen wie in den Büchern, die ich heimlich verschlang.
Dunkle Liebesgeschichten, in denen Männer nicht fragten, sondern nahmen.
Wo Frauen sich fallen ließen, ohne es zu begreifen – weil sie endlich jemand gefunden hatte, der alles von ihnen wollte. Nicht nur den Körper. Sondern das Unausgesprochene. Das Schmutzige. Das Verborgene.

Ich las nachts.
Auf dem Bauch, in Spitze und Strumpfband, mit zitternden Fingern.
Und jedes Mal, wenn in der Geschichte der dominante Fremde erschien, der seine Zähne in ihren Hals grub, dachte ich an ihn.

An die Gabel.
An seinen Blick.
An das, was noch nicht passiert war.

VerfallenWhere stories live. Discover now