Kapitel 1 - Nacht aus Blut und Schatten

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Ich erinnere mich nicht an Gesichter.
Nicht an Namen.
Nur an Blut.

Es war auf dem weißen Fliesenboden.
In den Ritzen.
Auf dem zerfetzten Stofftier, das ich in der Hand hielt, als die Welt aufhörte, meine zu sein.
Es tropfte von der Tischkante.
Und ich lag darunter.
Atemlos.
Still.
Mit offenen Augen – damit ich nicht blinzelte, wenn der Tod mich holen wollte.

Ich hörte meine Mutter schreien.
Ich hörte meinen Vater verstummen.
Ich roch verbranntes Fleisch.

Und ich schwor mir damals, als ich mit zitternden Fingern den Kopf meines Bruders an mich presste, dass ich eines Tages zurückkehren würde.
Nicht um zu weinen.
Sondern um alles niederzubrennen.

Zwölf Jahre später.

Willkommen in Trinova – die Stadt, die selbst der Teufel im Regen stehen lässt.
Es war mein erster Schritt zurück ins Verderben.

Ich roch Diesel, kalten Kaffee, und diese Sorte Beton, die nach verlorenen Seelen schmeckt.
Perfekt.
Keiner kannte mich hier.
Keiner wusste, wer ich war.
Und das war der Plan.

Ich zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Nicht weil ich Angst hatte – sondern weil ich mein Gesicht noch nicht zeigen wollte.
Nicht, bevor ich die Schatten begrüßt hatte.

Mein Name ist Aria Vano.
Aber wenn du das liest, ist es wahrscheinlich zu spät für dich.

Ich war nicht hier, um zu leben.
Ich war hier, um zu zerstören.

Das Motel roch wie der Hinterhof eines Albtraums.
Schimmel an den Wänden, Kakerlaken in der Ecke.
Die Matratze war so durchgelegen, dass sie sich anfühlte wie ein offenes Grab.

Perfekt.
Ich verdiente es nicht besser.

Ich war keine Heldin. Ich war das, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn du ihm alles nimmst.
Ein Phantom mit brennender Lunge und zu vielen Erinnerungen.

Ich zog mein Notizbuch aus der Tasche. Die Ecken waren abgegriffen, die Seiten zerknittert.
Aber der Name darin war scharf.
Wie eine Rasierklinge unter der Zunge.

Lio Moretti.

Der Sohn der Familie, die meine ausgerottet hatte.
Der neue Kopf der Schlange.
Der Name, der seit Jahren in meinen Träumen auftauchte – immer begleitet von Blut, Feuer, und einem Schuss, der nie aufhörte zu hallen.

Ich kannte sein Gesicht nicht.
Aber ich würde es erkennen, wenn ich es sah.
Das Monster erkennt sein Gegenstück.

Die Morettis haben meine Familie ausgelöscht.
Jetzt lösche ich ihren Erben.

22:18 Uhr.

Der Club war genau dort, wo ich ihn erwartet hatte – mitten im Herzen der Dunkelheit.
Schwarze Fenster. Musik wie Donnerschläge.
Und davor: der Wagen.

Ich ging vorbei. Mein Puls war ruhig – seltsam ruhig, obwohl ich wusste, was auf dem Spiel stand.
Zwei Männer in Anzügen. Glock 17 in der Hüfte, Zigaretten in der Hand.
Ich sah sie nicht an.
Ich spürte sie trotzdem.
Wie Wölfe, die Blut riechen.

Der Türsteher sah mich an.
Ich sah zurück – so leer, dass er vermutlich dachte, ich wäre auf irgendwas.
„VIP?"
Ich nickte.
Er ließ mich durch.

Drinnen war es heiß. Klebrig. Laut.
Bass pumpte durch meinen Brustkorb wie künstliches Leben.

Ich trug Schwarz. Keine Farbe. Keine Emotion.
Nur Absicht.

Ich war ein Geist mit Gift in den Venen.
Ein Schatten mit einem Plan.

Ich bewegte mich durch die Menge wie ein Messer durch warmes Fleisch.
Blicke prallten ab. Berührungen blieben im Nebel.
Ich suchte ihn nicht.
Ich würde ihn finden.

Dann – dort oben.
Empore.
Dunkel.
Rauch in der Luft.

Er.

Schwarzes Hemd. Aufgeknöpft.
Hände in den Taschen.
Eine Zigarette, halb geraucht.
Sein Blick: als wäre er längst tot – nur zu höflich, es jemandem mitzuteilen.

Und dann: Augenkontakt.

Nur eine Sekunde.

Aber sie brannte sich in mich wie ein Brandzeichen.

Ich weiß nicht, warum ich fror.
Ich weiß nur, dass es der Anfang vom Ende war.

Ich blinzelte.
Er blinzelte nicht.

Und ich wusste nicht, dass ich gerade den Mann ansah, den ich seit zwölf Jahren töten wollte.

Ich war sein nächstes Spiel.
Und er war mein Untergang.

Ich wusste es nicht.
Aber er schon.

Blutrote VersprechenWhere stories live. Discover now