Kapitel 1

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Jule Pov:

Es war einer dieser Tage, die sich wie ein grauer Film über alles legen. Nicht kalt, nicht warm – einfach farblos. Der Himmel hing tief über der Stadt, als würde er jeden Moment auf uns herabstürzen. Ein feiner, fast gleichgültiger Nieselregen fiel, der sich nicht entscheiden konnte, ob er wirklich Regen sein wollte oder bloß eine Erinnerung daran. Die Straßen glänzten feucht, als wäre es schon Abend, obwohl es erst Nachmittag war.

Ich ging zügig, fast automatisch, durch die Fußgängerzone. Die Kapuze meiner Jacke war tief ins Gesicht gezogen, und unter ihr dröhnten mir die Kopfhörer leise ins Ohr. Musik lief – irgendwas mit melancholischem Gitarrensound, aber ich hörte nicht wirklich hin. Meine Gedanken waren lauter. Arbeit. Mike. Der Wäscheberg in der Küche. Die Einkaufsliste. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf war eine offene Tab-Leiste – zu viele Fenster, zu wenig Ordnung.

Wie immer, wenn ich zur Tankstelle wollte, bog ich in die kleine Seitenstraße ab. Kopfsteinpflaster, alte Fassaden, ein leerstehender Friseurladen mit zerschlagenem Fenster. Hier kannte mich keiner. Außer vielleicht der Verkäufer an der Tanke – wir hatten eine Art stummes Einverständnis: Ich kaufte meine Energy Drinks und Zigaretten, er nickte mir zu, und manchmal tauschten wir ein halbes Lächeln. Heute fühlte sich selbst das schwer an.

Drinnen war es wie immer: Neonlicht, das alles etwas kränklich wirken ließ. Ich schlenderte durch die Gänge, ließ den Blick über die Regale schweifen, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Chips. Riegel. Scheußlich süßer Gebäckkram. Ich wusste genau, dass ich nichts davon kaufen würde. Es war mehr ein Ritual, ein kurzer Stillstand im Strom des Tages.

Am Kühlregal griff ich zur gewohnten Sorte – schwarzes Dosen-Design, viel Koffein, wenig Geschmack, aber vertraut. Ich ließ mir Zeit auf dem Weg zur Kasse. Vielleicht, weil ich mir wünschte, der Tag würde noch etwas anderes bereithalten als nur Erledigungen.

„Einmal Chesterfield Blau", sagte ich tonlos, als ich an der Reihe war. Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren. Der Verkäufer reichte mir wortlos die Schachtel, wirkte fast so müde wie ich. Ich zahlte, steckte alles ein und trat wieder hinaus in das graue, schwer atmende Licht.

Draußen riss ich die Plastikfolie der Zigarettenschachtel auf, zog mir eine raus und zündete sie an, fast mechanisch. Dann öffnete ich die Dose, nahm einen Schluck. Kalt. Bitter. Vertraut. Ich ließ den Blick schweifen – Tankende, ein Lieferwagen, ein Vater mit Kind auf dem Arm. Und dann ... stoppte alles.

In der Ecke, halb verdeckt vom Staubsaugerautomaten, sah ich eine Gestalt, die mir sofort zu vertraut war. Zu vertraut, um Zufall zu sein.

Dylan.

Ich starrte ihn an. Mein Herz schlug plötzlich schneller, gleichzeitig fühlte sich alles in mir an, als hätte jemand auf „Pause" gedrückt. Er stand dort, leicht nach vorn gebeugt, wie immer, wenn er konzentriert arbeitete. Dasselbe Profil. Dieselbe Körperhaltung. Sogar die Jacke kam mir bekannt vor – dunkelgrün, etwas ausgewaschen. Hatte er sie damals nicht schon getragen?

Ich setzte mich auf die Bank unter dem schmalen Vordach, direkt neben der Tankstelle. Von dort hatte ich ihn gut im Blick. Er hatte mich nicht bemerkt. Noch nicht. Ich beobachtete ihn, während ich an der Zigarette zog, die in meiner Hand langsam zu Ende brannte. Die Kälte des Metalls unter mir drang durch meine Jeans, aber ich rührte mich nicht. Ich war wie festgewachsen, irgendwo zwischen Jetzt und Damals.

Was tat er hier? Ich war sicher gewesen, er wäre weggezogen – ein neuer Job in einer anderen Stadt, ein anderes Leben. War das nicht die ganze Pointe unseres Abschieds gewesen?

Die Zigarette war fast abgebrannt, als ich mich aufrappelte. Ich wollte gerade gehen, wirklich. Doch dann hörte ich plötzlich meinen Namen.

„Jule?"

Always been youWhere stories live. Discover now