Ich starrte fassungslos auf meinen Computer während ich hektisch eine Email an unsere Personalabteilung tippte:
von: yasmin.kasmara@phfirms.com
an: beatrice.mcconell@phfirms.com
Hallo Beatrice,
Ich habe soeben erfahren, dass es Schwierigkeiten gibt bei meinem kommenden Urlaub. Er wurde abgelehnt. Kannst du mir den Grund dafür nennen? Ich werde für diese Zeit verreisen und eine so kurzfristige Stornierung, würde zur Folge haben, dass ich meine Anzahlung für das Hotel verlieren würde.
LG Yamin
Kopfschüttelnd lehnte ich mich in meinen Stuhl zurück. Noch nie hatte ich Probleme gehabt mir Urlaub zu nehmen. Wie ich vor vier Jahren in der Kanzlei angefangen hatte, hatte ich meinem Chef und der Personalabteilung erzählt, dass ich Familie in Philadelphia hatte und diese einmal im Monat besuchen würde. Dafür müsste ich mir jeden Monat einen Tag frei nehmen. Das war kein Problem gewesen. Bis jetzt. Ohne Erklärung hatte man mir einfach den Urlaub abgelehnt. Übermorgen sollte ich schon unterwegs sein zur Familienhütte meiner Eltern, drei Stunden von hier entfernt. Dort verbrachte ich jetzt schon seit vier Jahren meine Vollmonde und wurde bisher noch nie gestört. Beunruhigt trommelte ich mit meinen Fingern auf dem Schreibtisch. Was würde ich tun, wenn ich nicht frei bekam? Müsste ich mich gegen Dämmerung an mein Bett fesseln und auf den Morgen warten?
„Alles okay bei dir Yasmin?"
Hinter mir ertönte die Stimme von Elias. Ich schrak zusammen.
„Wie? Was? Achso ja. Ich habe meinen Urlaub nicht genehmigt bekommen. Das verwirrt mich gerade ein wenig, denke ich."
Elias rieb sich den Nacken und sah mich mit einem mitleidigem Blick an. Er war nun seit sechs Monaten in unserer Kanzlei als Strafverteidiger angestellt. Erzählt hatte er mir, er wäre aus Minnesota hier her gezogen. Mehr wusste ich nicht über ihn, außer dass er wahnsinnig gut aussah und, ausgehend von dem was man durch seine Hemden erkennen konnte, auch viel trainierte. Mit seinen an den Seiten kurzgeschnittenen, braunen Haaren und den grünen Augen war er zwar mein Typ, ich hatte mir jedoch geschworen nie etwas mit Kollegen anzufangen. Davon mal abgesehen war ich mir auch ziemlich sicher, dass ich nicht sein Typ war. Seine letzte Freundin, laut Instagram ging eher Richtung Typ „Skandinavisches Model mit drei Meter Beinen", als „kleine Inderin mit den Kurven eines Schuljungen". Nicht, dass ich mich viel über ihn erkundigt hätte, aber als Strafverteidigerin war es nunmal Teil meines Jobs so viel wie nötig über die Menschen in meinem Umfeld zu wissen.
Elias räusperte sich: „Ja, ich weiß was du meinst. Ich wollte mir auch einen Tag frei nehmen übermorgen und der wurde mir auch gestrichen. Hast du dich schon bei der Personalabteilung gemeldet?"
„Ja, direkt bei Beatrice. Die hat aber noch nicht zurückgeschrieben. Was wirst du tun?"
Elias zuckte nur mit den Achseln: „Ich werde es überleben."
Ich würde es nicht überleben. Aber meine Probleme waren ja auch anderer Natur. Elias wollte sich wahrscheinlich nur eine ordentliche Kneipentour geben mit seinen Freunden. Frustriert raufte ich mir die Haare. Was sollte ich nur tun? Wenn ich nicht wenigstens einen tag frei bekäme, hätte ich ein wirkliches Problem. Ich wollte und konnte auch niemandem von meinem eigentlichen Problem erzählen. Auch wenn die Welt für Werwölfe offen schien und wir auf dem Papier alles machen durften, was die Menschen durften, so sah die Realität doch anders aus. Die Vorurteile gegen uns waren immens und meine Hoffnungen auf einen Platz als Senior Associate würden sich in Luft auflösen.
Elias legte mir aufmunternd die hand auf die Schulter. „Das wird schon. Mit deiner Überredungskunst wirst du Beatrice schon dazu bekommen, dir frei zu geben." er lächelte mir noch einmal aufmunternd zu und ging dann Richtung Pausenraum.
Zwanzig Minuten später kam dann die Antwort:
von:beatrice.mcconell@phfirms.com
an: yasmin.kasmara@phfirms.com
Hallo Yasmin,
Das mit deinem Urlaub tut mir wirklich leid!! :( Ich hoffe deine Familie kann dieses eine Mal auf dich verzichten. Es findet am 21.06. eine Benefizveranstaltung statt auf der alle Mitglieder der Kanzlei anwesend sein müssen. Tobias hatte leider anscheinend vergessen die Email zu versenden. Du warst leider nicht die einzige, die ihren Urlaub gestrichen bekommen hat. Ich hoffe du bekommst die Anzahlung doch noch zurück und freue mich dich übermorgen zu sehen. Anbei schicke ich dir noch die Einladung zur Veranstaltung und den Dresscode!
Bis dann!
Beatrice
Ich schlug meinen Kopf gegen die Schreibtischplatte. Das war so typisch für Tobias. Der Sekretär meines Chefs war auch der Sohn desselben und Tobias ging an die Aufgaben, die ihm zugetragen wurden so heran wie man es von einem „Nepo-Baby" erwarten würde: Meist garnicht. Hätte ich wenigstens ein wenig Vorlauf gehabt, hätte ich meinem chef eine Story präsentieren können, weshalb ich unbedingt den Urlaub brauche. So gab es keine Möglichkeit mehr das ganze zu regeln. Jetzt musste ich auf diese Benefizveranstaltung und mich dann zeitig verabschieden und an irgendetwas fesseln. Nur so würde ich die Nacht überstehe ohne mir oder jemandem zu schaden.
Ich fuhr meinen Computer herunter und packte meine Tasche zusammen. Den Rest meiner Aufgaben würde ich von Zuhause aus machen. Jetzt musste ich noch irgendwo ein Kleid auftreiben und ein reißfestes Seil.
„Mit diesem hier könnten sie sogar einen Elefanten ziehen. Entspricht das etwa ihren Vorstellungen?"
Ich schaute mir das Seil genau an und dann wieder den netten Mitarbeiter.
„Ehrlich gesagt weiß ich das auch nicht so genau, aber ich denke eigentlich, dass das reichen sollte. Elefanten sind ja sehr stark und schwer."
Der Mitarbeiter nickte nur verwirrt und hielt mir stillschweigend das Seil entgegen. Ich nahm es ihm dankend ab und begab mich zur Kasse.
„Hey Yasmin!"
Ich blieb erstarrt stehen. Die Stimme hatte ich nur wenige Stunden zuvor gehört. Verlegen drehte ich mich um. Elias stand lächelnd vor mir. Als er auf das Seil in meiner Hand schaute zog er eine Augenbraue hoch.
„Hey Elias, witzig, dass wir uns hier sehen. Was machst du denn hier?"
Er hielt eine stabile Eisenkette hoch, die so schwer aussah, dass es mich wunderte wie er sie so einfach heben konnte. Andererseits machte er ja viel Sport. Das war das wahrscheinlich für ihn eine Leichtigkeit.
„Ich muss das Auto eines Freundes abschleppen. Da brauchten wir eine stabile Kette. Und du?"
Ich musste kurz nach einer guten Antwort überlegen. Der Mitarbeiter zuvor hatte nicht nach dem Zweck des Seiles gefragt, also kam ich in keine Erklärnot.
„Ähh, also ich brauche das zum Klettern. Ich gehe gerne Klettern an Mauern und Wänden und so."
Elias schaute mich verschmitzt an.
„Klettern? Wow. Ein wirklich cooles Hobby, dass du da hast. Ich bin ein großer Fan von Adrenalinsportarten. Vielleicht kann ich dich ja mal begleiten? Ich war schon sehr lange nicht mehr klettern. Hier in der Umgebung ist das echt nicht so leicht eine gute Kletterstelle zu finden."
Touché. New York City war nicht gerade für seine großen Felsvorsprünge bekannt.
„Das liegt daran, dass du noch mit niemanden unterwegs warst, der sich so richtig auskennt, denke ich. Bei Gelegenheit kann ich dich gerne einmal mitnehmen." Ich sah ihn lächelnd an. Ein Anflug von Zweifel und mein erbärmliches Lügengerüst würde zusammenbrechen.
Elias schaute mich nur weiterhin lächelnd an: „Das ist eine wirklich gute Idee. Hast du die Email von Tobias gelesen? Jetzt ergibt es Sinn, weshalb sie uns dem Urlaub gestrichen haben."
Ich war immer noch sauer darüber wie unprofessionell das Ganze abgelaufen ist.
„Ja. Jetzt ergibt das Sinn... auch wenn es das nicht besser macht. Manchmal könnte ich Tobias einfach nur in seinen faulen Hintern treten."
Elias lachte auf: „Ja, das ist halt Tobias. Unverbesserlich. Ich bin gespannt wie lange er den Job noch macht bis er den Mut fasst seinem Vater zu beichten, dass er Schauspieler werden will."
Ich schaute ihn staunend an.
„Was? Das höre ich zum ersten Mal! So hätte ich ihn garnicht einschätzt."
Elias nickte zustimmend.
„Er hat auch eine ziemlich gute Stimme. Der Junge ist voller Überraschungen, besonders wenn es um Benefizveranstaltungen geht."
Ich musste lachen und spürte wie mein Handy vibrierte. Anruf von meiner Mutter. Ich sah Elias entschuldigend an. „Sorry, da muss ich rangehen. Wir sehen uns morgen okay?"
Elias hob zur Verabschiedung die Hand. „Bis morgen."
Ich drehte mich um und drückte auf Anruf annehmen.
„Hey Mama."
„Hallo Tochter, alles gut? Hör zu. Papa und ich wollten dich überraschen und dich an Vollmond in der Hütte besuchen kommen. Ein paar Tage als Rudel zusammen. Was hältst du davon?"
Ich seufzte.
„Mama. Ich würde gerne, aber ich kann nicht. Meine Kanzlei hat eine Veranstaltung auf die ich gehen muss. Ich habe mir eben ein Seil gekauft um mich festzubinden."
Meine Mutter holte erschrocken Luft.
„Wie? Aber du hast so etwas noch nie gemacht! Bist du dir sicher, dass du das hinbekommst? Ich will nicht, dass du dich verletzt!"
„Alles gut. Ich schaffe das schon. Ich bin ja nicht der erste Erfolg, der das macht. Macht euch keine Sorgen. Was hältst du davon, wenn ihr mich nächsten Monat besuchen kommt?"
Die Stimme meiner Mutter entspannte sich ein wenig, als sie antwortete: „Ja, dann machen wir das so. Bitte, Schatz. Pass auf dich auf und gehe zeitig nach Hause. Ich will nicht, dass dir etwas zustößt, weil du zu lange auf der Veranstaltung geblieben bist."
Ich versicherte ihr meine Vorsicht und legte dann auf. Dann stellte ich mich ein weiteres Mal an der Kasse an.
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Vollmondpause
WerewolfYasmin führt ein streng organisiertes Leben. Als Anwältin in einer großen Kanzlei arbeitet sie darauf hin Senior Associate zu werden, auch wenn sie dafür viel in Kauf nimmt. Problem ist jedoch ihre nicht zu überwindende DNA. Ihre Identität als Werwö...
