Kapitel 1

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Jessicas kleines Herz schlug wild gegen ihre Rippen, als wolle es aus ihrer Brust brechen. Ihre Hände bebten, eiskalt und kraftlos, während sie regungslos auf dem kleinen Hocker vor dem großen Spiegel saß. Verzweiflung schnürte ihr die Kehle zu, sie wusste nicht, was sie tun sollte. Alles in ihr war ein einziger Schrei, aber kein Laut drang über ihre Lippen. Der Spiegel zeigte das Bild einer jungen Braut.
In dem weißen Kleid wirkte sie wie aus einem romantischen Gemälde entsprungen. Ihre blonden Haare waren kunstvoll zu einer verspielten Hochsteckfrisur gebunden, feine Perlen glitzerten darin. Und doch, die Frau, die ihr dort entgegen blickte, war nicht glücklich. Sie sah aus wie eine gefangene Prinzessin, nicht wie eine, die gleich den schönsten Tag ihres Lebens feiern würde. Denn ihre Hochzeit war für sie nichts als ein Käfig aus Gold. Sie kannte Adrian Warrington nicht. Hatte ihn nie zuvor gesehen, nicht einmal aus der Ferne. Und doch hatte er um ihre Hand angehalten, als wäre sie ein Besitzstück und kein Mensch. Ihr Vater, William Prinsloo, hatte ohne zu zögern eingewilligt. Der Gedanke daran ließ einen schmerzhaften Knoten in Jessicas Magen wachsen. Es ging wie so oft ums Geld.
William stand kurz vor dem Bankrott. Die einst stolze Familie Prinsloo verlor jeden Tag mehr an Einfluss, an Ansehen und an Sicherheit. Die Schulden drückten schwer und in Williams Augen bedeutete Armut das Ende. Da war Adrians Antrag wie ein rettender Strohhalm gekommen. Die beiden Männer hatten einen Vertrag geschlossen, kalt und geschäftlich. Von nun an würde Adrian die Familie Prinsloo finanziell unterstützen und im Gegenzug sollte Jessica seine Frau werden. Jessica liebte ihren Vater. Zu sehr, um ihm Vorwürfe zu machen. Sie verstand seine Angst und seine Verzweiflung, aber sie konnte sich nicht in diese Ehe zwingen lassen. Nicht mit ihm. Zu viele Gerüchte umrankten den Namen Adrian Warrington. Geschichten, die sich wie dunkle Schatten flüsternd verbreiteten. Von Gewalt war die Rede, von Blut und Geld. Seine Männer sollen gefürchtet sein – skrupellos, brutal und gefährlich.
Jessica fröstelte es. Wie schlimm musste es um ihren Vater stehen, dass er sie ausgerechnet diesem Mann überließ? In den vergangenen Tagen hatte sie unzählige Male versucht, ihn umzustimmen. Sie hatte gebettelt, geweint und sogar geschrien, doch William blieb hart. Und jetzt war es zu spät. Die Kirche füllte sich, der Tag war gekommen. Jessica hatte nun nur noch zwei Wege. Entweder sie ergab sich in ihr Schicksal und wurde die Frau eines Mannes, den sie fürchtete. Oder sie lief davon, auch wenn das bedeutete, ihren Vater zurückzulassen. Jessica spürte, wie sich etwas in ihr regte. Eine kleine, stille Flamme. Es war die Entschlossenheit. Mit einem kräftigen Atemzug stand sie auf. Das Kleid rutschte lautlos von ihrem Körper, wie eine Haut, die nicht zu ihr gehörte. Nur das schlichte Unterkleid blieb. Rasch schlüpfte sie in ihren Mantel und löste mit zitternden Fingern die Nadeln aus ihrer Frisur. Ihr Haar fiel weich und schwer über ihre Schultern, es war wie eine letzte Geste der Befreiung.
Sie trat zur Tür und öffnete sie vorsichtig einen Spalt. Genau wie befürchtet, standen zwei Männer davor, regungslos und mit verschränkten Armen. Ihr Vater hatte offenbar mit einem Fluchtversuch gerechnet. Jessica schloss die Tür wieder und kämpfte gegen die aufsteigende Panik an. Ihr Blick huschte durch den kleinen Raum, bis er das Fenster erreichte.
Mit klopfendem Herzen trat sie heran, öffnete es und nahm sofort die vielen Geräusche wahr. Da waren Stimmen und das entfernte Lachen der Gäste. Das Fest hatte bereits begonnen. Und irgendwo dort draußen war Adrian, ihr zukünftiger Ehemann. Sie schluckte hart und beugte sich hinaus. Der Hinterhof lag in unheimlicher Stille da und war menschenleer. Drei Meter Tiefe trennten sie vom Boden. Ein Sprung war nicht ungefährlich, aber möglich. Die frische Luft streichelte ihr Gesicht, trug den Duft von Blumen und Frühling mit sich, es war ein bittersüßer Kontrast zur Enge in ihrer Brust.
Jessica schloss die Augen. Zählte innerlich bis drei. Dann kletterte sie auf den Fenstersims und schwang die Beine nach draußen. Der Wind spielte mit ihrem Haar, ihre Finger krallten sich an das kalte Holz. Sie verharrte einen Moment, atmete tief durch, sammelte all ihren Mut.
Und sprang.
Die Welt stürzte mit ihr. Der Fall war schneller als gedacht und endete abrupt. Nicht auf hartem Boden. Sondern auf... jemandem. Sie hörte ein überraschtes Keuchen, einen dumpfen Aufprall und dann lag sie keuchend auf einem Mann, den sie zu Boden gerissen hatte.

Die Widerspenstige LadyStories to obsess over. Discover now