1.
Eine Frau – halblanges, blondes Haar, hellblaues Kleid, halbhohe Pumps – (Simone Brandt, 40 Jahre alt, Hausfrau und Mutter) schließt die Gartenpforte auf, betritt das gepflegte Grundstück, zieht sie hinter sich ins Schloss, öffnet den Briefkasten und entnimmt die Post. Überwiegend Reklame, aber auch zwei Couverts darunter, eines davon in Rosé mit aufgemaltem roten Herz, ohne Adressat und Absender. Sie betrachtet ihn und muss schmunzeln, tritt an die Papiertonne, wirft das meiste der Reklame weg, geht zum Hauseingang des Einfamilienhauses (kleinbürgerlich, gemütlich), schließt auf und ruft die Treppe hinauf: "Post für dich!"
"Für mich?", antwortet sofort eine helle Jungenstimme (Damian Brandt, 10 Jahre alt, Grundschüler).
"Nein, für Aurica. Ist sie noch nicht da?"
"Doch!", erwidert Damian.
Und eine Mädchenstimme (Aurica Brandt, 16 Jahre alt, Gymnasialschülerin) ruft fast gleichzeitig: "Doch! Was denn für Post?" Sie klingt leicht genervt und so, als erwarte sie keine Post.
"Nun komm' schon runter! Oder soll ich sie aufmachen und dir vorlesen...?"
Oben bottern Schritte, kommen flink die Holztreppe heruntergetrappelt; Aurica (mittelblond) erscheint in T-Shirt und Shorts, ist barfuß. Sie gibt ihrer Mutter einen flüchtigen Kuss, stutzt beim Anblick des – in der Hand ihrer Mutter wedelnden – Briefs, nimmt ihn zögerlich an sich und schnuppert daran.
"Parfüm!", nickt ihre Mutter und lacht. Dann halblaut: "Da scheint ja jemand ziemlich verliebt zu sein!"
Aurica verzieht das Gesicht und steigt rasch wieder die Treppe hinauf. Oben wird eine Zimmertür zugeschlagen.
Simone öffnet den grauen Fensterumschlag des zweiten Briefs, überfliegt das Schreiben, schüttelt missbilligend den Kopf und legt es in eine Keramikschale zu Schlüsseln, Kleingeld, Brille und Armbanduhr. Auf dem gefalteten Papier prangt das Parteilogo der 'SPD – Sozialdemokratische Partei Deutschland'.
Im Obergeschoss ist abermals Bottern zu hören; nackte Füße trappeln die Treppe abwärts; Aurica stoppt auf der drittletzten Stufe, grinst und wedelt mit dem ebenfalls roséfarbenen Brief, um nun süffisant zu sagen: "Der ist nicht für mich." Sie reicht ihrer Mutter den offenen Briefbogen nebst Couvert und sagt – im gleichen Duktus wie zuvor ihre Mutter –: "Da scheint ja jemand ziemlich verliebt zu sein!..." dann vorwurfsvoll: "...Mama!" Noch immer grinsend, läuft das Mädchen die Treppe wieder hinauf.
Simone liest – die Stirn in Falten gelegt –, stutzt, liest weiter und wirkt zusehends verstörter. Dann schnuppert sie nochmals daran, überlegt und sieht in die Luft – als stünde dort die Lösung. Schließlich schüttelt sie unentschlossen den Kopf (weil sie keine Ahnung hat, von wem der Brief stammen könnte), zerreißt ihn und das Couvert, will ihn schon in den Papierkasten – des penibel getrennten Mülls – werfen, besinnt sich dann aber eines Besseren, geht auf leisen Sohlen zum Hauseingang, öffnet leise die Tür, geht zur Papiertonne und lässt die Fetzen des (anonymen Liebes-) Briefs in den Seiten eines Werbeprospekts verschwinden. Nachdenklich – alles andere als erfreut – geht sie zurück ins Haus.
--- Cut ---
2.
Ein Fahrradfahrer – kräftige Statur, dunkelhaarig, weißes Oberhemd, die Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, Bluejeans – (Steffen Brandt, 44 Jahre alt, Gymnasiallehrer Deutsch, Geschichte/Politwissenschaften) fährt durch eine baumbestandene Straße mit Wohnhaus-Altbauten. Die Masten der Straßenlaternen sind mit Wahlplakaten vollgehängt. Er schmunzelt beim Anblick eines AfD-Plakats, auf dem der Kandidat – feistes, siegesbewusstes Lächeln – (Riedel, 55 Jahre alt) einen aufgemalten Hitlerbart trägt. Etwa hundert Meter weiter verfinstert sich Steffens Blick. Unter dem gleichen AfD-Plakat – ohne Schmiererei – und dem der CDU liegt ein halb abgerissenes Plakat verkehrt herum auf dem Pflaster des Bürgersteigs. Er bremst, steigt vom Rad, stellt es mit dem Ständer auf, hebt das Plakat vom Boden und betrachtet es (überprüft es auf Beschädigungen). Die SPD wirbt darauf mit seinem Konterfei – sympathisch lächelnd – für die Kommunalwahlen. Er bohrt neben dem ausgerissenen Loch mit dem 'Bohrer' eines Schweizer-Taschenmessers ein neues Loch in die Pappe und befestigt das Plakat erneut mit Kabelbindern am Laternenmast.
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TIMOR - Drehbuch der Angst
حركة (أكشن)Steffen Brandt - Gymnasiallehrer, Familienvater - kandidiert für das Amt eines Kommunalpolitikers. Neben den 'ganz normalen' brutalen Übergriffen auf ihn und sein Wahlkampfteam, kämpft er gegen einen namenlosen, unsichtbaren, gnadenlosen Feind, der...
