Prolog

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„ Ich hasse die so sehr!", jammerte Tim, als er aus dem Büro der Sekretärin kam. Ein neues Schuljahr konnte bald nicht schlimmer starten. Sie hatten ihren alten Zimmerverband auseinander gerissen, was Tim schon mitbekommen hatte. Aber das man ihm jetzt einen neuen Schüler zuteilte, darauf hatte er gar keine Lust. Die Zimmer waren einfach zu klein, um sich aus dem Weg zu gehen und mit fremden war das immer so eine Sache. Als er von seiner Mutter erstmals auf das Internat hier geschickt wurde, hatte er ein Viererzimmer bewohnt. Alles schön und gut. Doch je älter sie geworden waren, desto mehr Freiraum wollten sie. Die Leute, die einem nicht so nah standen, sollten möglichst nicht mehr im Zimmer sein und man suchte Privatsphäre. Diese bekamen sie ab der siebten, wo nur noch zwei Betten in einem Zimmer standen. Und selbst das war schon zu viel, wenn man bedachte, dass sie mitten in der Pubertät waren und ihre sexuellen Vorlieben entdeckten. Da war die erst Freundin, oder der erste Freund, mit dem man allein sein wollte, rumknutschen und vielleicht auch das erste mal Sex. Aber dazu hatte man hier keinen Raum. Das hasste er so an diesem Internat. Gleich danach kam der Gedanke, dass er hier eingesperrt war, weit weg von seiner Familie und seinen Freunden. Aber seine Mutter hatte gemeint, dass es das beste für ihn wäre. Das er lernen würde, selbstständig zu sein, nicht zu einem dieser reichen versnobten Kinder wurde und unabhängig von seinen Eltern. Was er hier wirklich lernte war minimal selbstständiger zu sein, als er es daheim war. Er lernte mit nichts auszukommen, auf dem Boden zu bleiben und verlor die Liebe seiner Familie und seiner Freunde daheim. Nach Hause kommen fühlte sich nicht mehr an, wie ein vertrauter Ort, wo seine liebsten waren. Es war lediglich ein Ort, den er für kurze Dauer besuchte. Aufmunternd legte sich Rafis Hand an seine Schulter und Vertreib damit seine Gedanken. „ Komm so schlimm kann's doch nicht gewesen sein.", lächelte er aufmunternd und steuerte in Richtung seines Zimmers, da es am nächsten lag. Rafi hatte gut reden. Der teilte sich das Zimmer mit jemandem, der so gut wie nie da war, weil seine Freundin in der Oberstufe war und ein Zimmer für sich hatte, wo er die meiste Zeit hing. Ein Junge in ihrem Alter, der dazu neu war, würde die meiste Zeit im Zimmer verbringen. Zu seinem Glück konnte er von sich behaupten, gerade abends oft nicht da zu sein. „ Oh doch und wie es das ist. Ich krieg n neuen Mitbewohner. Was bin ich froh, dass wir nächstes Jahr das Privileg der Oberstufe haben und damit dann endlich Einzelzimmer bekommen." Das war somit das beste an der Jahrgangsstufe. Für den ganzen Stress und seine Ruhe bekam man ein Zimmer nur für sich. Klar war es klein, aber man konnte Ruhe genießen und Tim war sich sicher, dass die Wände da oben auch extra ein bisschen schalldichter waren. Wenn auch aus anderen Gründen, als der, der für sie nützlich war. „ Das ist natürlich doof. Wenn du willst, komm ich zu dir ins Zimmer. Ich bin sicher, meinen Zimmer Nachbarn stört es sowieso nicht, ob ich da bin oder nicht, oder wer anders. Dann hätten wir unsere ursprüngliche WG wieder.", schlug Rafi vor. An sich wäre das wirklich keine schlechte Idee, wenn man ihm das nicht direkt verboten hätte. Diese Worte waren sogar ausdrücklich gefallen. Das Zimmer wird unter keinen Umständen getauscht. Ich halte doch für fähig genug, mit diesem Jungen umzugehen. Er hat es nicht leicht. Was sollte er denn dann sagen, als Kind reicher Eltern, die sich einen Dreck um ihn kümmerten und ihn hier getrennt von seinen besseren Geschwistern aufwachsen ließen. Das tat weh. Seufzend schloss Tim sein Zimmer auf und warf sich auf sein Bett. Rafi setzte sich auf das noch freie Bett und musterte ihn stumm. Als wolle er erfragen, warum er so lange über seinen Vorschlag nachdachte. „ Ne ich hatte die ausdrücklich Anweisung nicht zu tauschen und ihn ein bisschen einzulernen die ersten Tage. Kompletter Mist, wenn du mich fragst. Als ob ich Kindermädchen für nen Jungen in unserem Alter spiele.", seufzte Tim, was Rafi unterdrückt kichern ließ. Nach einem Todesblick seinerseits verkniff sich Rafi das Lachen und dachte ernsthaft über seine Worte und eine mögliche Lösung nach. Tims Blick fiel auf die Uhr. Kurz vor neun. Wurde Zeit den Jungen abzuholen. „ Ich soll ihn auch gleich unten abholen.", schon Tim nach, was seinen Freund aufstehen ließ. Er reichte ihm eine Hand und sagte dann:„ Na dann geh mal schön. Oder soll ich mitkommen?" Tim ergriff die Hand, die ihm geboten wurde und ließ sich von seinem Freund wieder hoch helfen. Er ging da ganz sicher nicht allein runter rund spielte Kindermädchen für den Jungen. Sollte Rafi mal schön mitkommen. Mal schauen, ob er dann immer mich was zu lachen hatte. „ Komm mit du Idiot." Bereitwillig wollte Rafi ihm folgen. Tim öffnete die Tür und trat nach draußen, wobei er fast in jemanden rein rannte. Gerade so konnte er abbremsen, sodass sie nicht beide auf dem Boden landeten. „ Pass doch auf.", maulte Tim ihn ein bisschen schlecht gelaunt an, obwohl der Junge sicher nichts für seinen Zustand konnte. Er wollte sicher nur um Hilfe fragen, wo sein Zimmer lag, oder wo etwas war. Er erwartete zumindest eine kleine Entschuldigung, doch es kam nicht. Der Junge sah ihn einfach nur an. Nicht eingeschüchtert, oder ängstlich. Einfach nur komplett verloren. Tim ging an ihm vorbei und Rafi machte hinter ihm die Tür zu und folgte ihm. Wenn da keine Entschuldigung kam, sah er es auch nicht ein dem Jungen zu helfen. „ Idiot.", murmelte Tim, als sie ein Stück weiter dem Gang runter waren. Ein weiterer Grund, Estin er dieses Internat bis zur Hölle hasste. Diese Kinder von reichen Eltern besaßen keinerlei Anstand mehr und scheinbar auch nicht mehr die Gabe, Entschuldigung zu sagen, wenn man in jemanden rein lief. „ Nimm's ihm nicht übel. Ich weiß nicht, wie jemand, der dich nicht kennt, auf dich reagiert. Du strahlst nun mal ein Bad Boy Image aus, auch wenn du es null bist. Ich denk mal, das schüchtert viele jüngere ein. Wahrscheinlich hat er vor Angst kein Wort hervor gebracht.", mutmaßte Rafi, als sie dabei waren, die Treppe runter zu steigen. Konnte schon sein. Einmonatige jüngere hatten ihm das sogar bestätigt. Sie hatten anfangs Angst vor ihm gehabt. Mittlerweile waren sie jedoch recht cool miteinander. Immerhin erinnerten sie ihn an seinen jüngeren Bruder Max, der er jetzt ein halbes Jahr nicht mehr sehen würde. Zumindest in echt. Er vermisste ihn jetzt schon unglaublich.„ Trotzdem.", widersprach Tim ihm. „ Ich hab ich ja nicht angeschrien oder angeblafft." Wenn er das tat, stimmte er zu, dass die meisten Angst vor ihm bekamen. Er konnte jüngere gut einschüchtern, nutzte es aber nicht zu seinem Vorteil. Die meiste Zeit blieben sie ihm eh erspart und tanzten nicht auf seinen Nerven rum. Wenn das der Fall war, konnte er schon mal ziemlich einschüchtern wirken. Rafi war da allerdings anderer Meinung. „ Mein Gott der Junge war höchstens elf, du bist fast sechzehn. Der ist einfach nur verunsichert.", verteidigte Rafi den kleinen Jungen. So jung hätte er den Jungen nicht eingeschätzt, aber er hatte ihn auch kaum angesehen, als er an ihm vorbei gelaufen war. Wenn er wirklich so jung war und in Kombi mit seiner Stimmfarbe. Konnte schon gut möglich sein.  „ Hast ja recht. Ich werd mit dem Jungen eh nichts zu tun haben. Ich streich ihn aus meinem Kopf." Jemand anderes würde ihm helfen und gut. Er musste nicht für alles und jeden da sein. Außerdem liefen hier immer noch genug andere rum, die man fragen konnte. Er hätte sowieso keine Zeit gehabt, dem Jungen irgendwas näher zu erklären, oder ihm zu sagen, wo er hin musste. „ Eben. Da kann es dir auch am Arsch vorbei gehen, was er tut. So wo ist der Junge jetzt?" Mittlerweile hatten sie die große Aula erreicht und Tim sah sich suchend nach dem Jungen um, der ihm beschrieben worden war. Auf den ersten Blick sah er niemanden, der auf diese Beschreibung passte. Daher teilte er sie Rafi mit, damit sie zu zweit die geringe Menge an verbliebenen Schülern absuchen konnten. Ein Foto hatte er leider nicht zu Gesicht bekommen. Datenschutz und so. Machte es ihm ja nicht noch schwerer. Nein. „ Keine Ahnung. Ich hab nur so viel gesagt bekommen. Er ist blond, recht klein und trägt ne Brille. Er heißt Stegi." Fragend sah Rafi ihn an und sprach dann das, was er gehört hatte erneut aus, um sich zu vergewissern. „ Heißt er wirklich Stegi?" So war es ihm auch gegangen, als er den Namen das erste mal gehört hatte. Er hatte selbst noch mal nachgefragt und er hatte es schwarz auf weiß zu Gesicht bekommen. „ Ich hab auch nachgefragt. Er heißt so. Siehst du hier jemanden mit Koffern oder Eltern stehen?", fragte er, währen€ er sich immer noch suchend umsah. Langsam sollte er echt mal kommen. Schließlich hatte er heute Abend noch was vor und der andere brauchte zumindest mal einen Schlüssel. „ Ne.", erwiderte Rafi trocken. Dann hieß es wohl warten. Hoffentlich standen sie nicht zu lang im Stau.
Vom 8.5.23

Zum Schweigen verdammtGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt