Unter der Eisschicht

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„Du bist ein JUNGE!? Und Jungs tanzen nicht auf irgendeiner beschissenen Eisscholle herum!?“

Die Worte seines Vaters wanderten in rauen Tonfall durch seinen Kopf. Scham und Zweifel nagten an seinem Gemüt, als sich die Worte in noch tiefere Ebenen seiner Gehirnwände eingravierten. Luan tupfte die Träne, die über seine Wangen rannen mit dem Saum seiner Bettdecke ab. Er unterdrückte ein schluchzen. Keiner in diesem totenstillen Haus sollte erfahren, wie erniedrigt er sich fühlte. Und das, obwohl er zu bezweifeln wagte, das es jemanden von seiner Familie Interessierte.

Sie alle haben wortlos am Tisch gesessen und verstohlene Blicke zu ihm herübergeworfen. Da war seine große Schwester, bei der es kein Problem darstellte, das sie zum Ballett ging, um Pirouetten zu drehen. Ihm war, als wollte sie ihm in diesem Moment stumm mitteilen, das er sich den Ausgang der Situation selbst hätte denken können. Seine Mutter, die jeglichen Blickkontakt vermied, aus Angst, ihrem Mann in den Rücken zu fallen. Wer weiß, womöglich hätte sie nie etwas gegen seine heimliche Vernarrtheit zu tanzen.

Tante Helga pflichtete Dad bei, dass ich doch lieber Fußball spielen sollte wie in der dritten Klasse. Und Onkel Flynn knabbert unbeeindruckt an seiner Ente, bis Helga in anstaubst und er ihr Wort stumm befürwortete.

Luan wandte sich zum Fenster und blickte sehnsüchtig hinaus. Der Mond stand in voller Pracht an einem sternenklaren Himmelszelt und ließ die Winterlandschaft um Mitternacht verheißungsvoll wirken. Auf einmal. Verspürte er ein Kribbeln in seinen Zehenspizen. Wenn seine Anwesenheit schon niemanden bekümmerte, wie stand es da um seine Abwesenheit?

Des Nachts hatte sich der vierzehnjährige Teenager noch nie zuvor außer Haus gestohlen. Doch nun glitt er aus dem Bett und stieg in seine warme Thermoleggings, als habe er noch nie zuvor etwas anderes in seinem Leben getan.

Er packte die Schlittschuhe seiner Schwester unter seine Armbeuge und  bewegte sich geschmeidig wie eine Katze an dem Schlafgemach seiner Eltern vorbei. Erst als er im Flur angelangt war und sich Jacke und Schuhe überzog, verabschiedete sich sein Elan. Worauf hoffte er inständig, als er den langen Atem anhielt? Das seine Eltern die Treppe hinunter gestolpert kamen, um ihn aufzuhalten?

Er zog die Haustüre mit dem Wissen einen Schlüssel in seiner Jackentasche vergraben zu haben, gut zu und konnte in dem Moment selbst kaum fassen, wo er sich nun befand. Er war draußen des Nachts und das ganz allein. Aber statt der Furcht machte sich Glückseligkeit in ihm breit.

Wie eine Ameise beginnt er ein und denselben Weg an der Häusersiedlung entlang zu streifen. Der Gehweg von Anwohnern am Tage gestreut, verfolgte ihn beim Beschreiten dieser Wege ein unangenehm verräterisches Kreuchen, bei dem sich einem die Nackenhaare aufstellten. Luan sah sich auf den leeren Straßen um und beschloss, auf dem platt gefahrenen Schnee auf der Mitte der Straße seinen Weg weiter fort zu setzten. Nur die Hauptstraßen wurden in einem Dorf von Streuwagen befahren.

Es dauerte nicht lang, als er sich vor leeren Baumkronen und vereinzelten Tannen wieder fand. Für gewöhnlich verängstigte ihn der Wald bei Nacht. Doch durch den Schnee, der die Landschaft erhellte und der unbeschrittenen Pfande, die in den Wald hinein führten, wog er sich in Sicherheit. Keine Menschenseele weit und breit. Da war niemand mehr, der ihn verurteilen konnte.

Luan kämpfte sich durch den kniehohen Schnee zu einem Ort hindurch, den er selbst als sein Geheimversteck anerkannte. Nur selten verloren sich Anglerfreunde an den alten Weiher, der sich gut versteckt zwischen Tannen und Laubgeäst verbarg. Eine dünne Schneeschicht verdeckte das Eis. Eine unbefahrene Ebene, geformt aus einer Ansammlung glasklarer Kristalle.

Luan zögerte keine zwei Sekunden und tauschte sein festes Schuhwerk gegen die glatten Klingen. Selbstsicher Schritt er an einem Warnschild vorbei, auf dem in Großbuchstaben geschrieben stand: SCHWIMMEN Verboten!

Unter der EisschichtWhere stories live. Discover now