Sie hatte es nie gewollt, hatte nie einem Fremden ihre Geschichte erzählen wollen. Und schon gar nicht diesem Fremden. Er hätte ihr Vater sein können. Vielleicht ihr Großvater. Nein, er war ihr Vater... Der starke Mann, der einem kleinen Mädchen die Tränen weglächelt. So ruhig, so charmant. Und bei Gott, er war so attraktiv! Aber sie hatte es sich ja selbst zuzuschreiben, schalt sie sich auf dem Weg zu der kleinen Bar, wo sie sich mit dem alten Mann verabredet hatte. Sie dachte von ihm sogar als alten Mann, und das ärgerte sie noch mehr. Er war groß und braungebrannt, sein Rücken rund von den vielen Jahren, die er über sein Saxophon gebeugt auf der Bühne stand, seine Stimme rau von all den Zigaretten, die neben ihm auf dem Klavier im Aschenbecher glühten.
Eigentlich hatte sie nur vergessen wollen, hatte den Abend am Tresen verbracht, vor ihr ein Glas Scotch on the Rocks, obwohl man so etwas eigentlich nicht machte... aber pur war ihr der Scotch zu brennend. Nur mit Eis konnte sie so viel davon trinken, dass sie wirklich vergaß. Sie war noch nicht einmal frisiert gewesen, ihre fettigen Haare hingen schlaff an ihrem Kopf herab, die Kleidung war schweißfleckig von der feuchten Hitze in den engen Gassen Budapests. Und dann hatte sie das Saxophon gehört... Die Töne schwebten zu ihr, verharrten kurz und liebkosten sie, obwohl sie sich nie etwas aus Jazz gemacht hatte. Doch diese Musik war anders, sie hatte wirklich Gefühl. Und das war etwas, das sie schon seit langer Zeit nicht mehr gespürt hatte. Und sie nahm die Atmosphäre der Bar in sich auf, atmete gierig den abgestandenen Rauch ein und sah, wie sich frischer bereits über den Köpfen der wenigen Gäste zusammen kräuselte. Es war, als würde sie die Musik sehen, die durch den Raum schwebte, als würden die verblassten Fotografien von James Brown und Glenn Miller an den holzvertäfelten Wänden zum Leben erwachen, alles war getaucht in das rötliche Schummerlicht der Kerzen, die auf den Tischen standen und Wachstropfen auf ihnen hinterließen... Die kleine Bar schien denjenigen, der sie betrat, in die Vergangenheit reisen zu lassen. Die Holzvertäfelungen waren schwarz, der darüber gespannte, rote Samt war ausgeblichen, vergraut und hatte den Rauch von Millionen Zigaretten in sich aufgesogen, der bittere Geruch von Nikotin lag in der Luft. Die schwarzen Holzstühle waren wackelig um kleine Metalltische gruppiert, die Bühne war lediglich eine kleine Stufe, auf der das alte, schöne Klavier mit den vergilbten Elfenbeintasten kaum Platz hatte. Der Saxofonspieler stand davor, alt und schön, wie das Klavier, und wie einer anderen Zeit entsprungen. Das Klavier mit dem schwarzen Jungen, der es spielte, und der Saxofonspieler, der davorstand, sie schienen zur Bar zu gehören, nein, die Bar schien um diese beiden herum entstanden zu sein, die seit Anbeginn der Zeit ihre Musik spielten. Gegenüber der Bühne lehnte sie am glänzenden Tresen, dessen dunkles Holz ebenfalls eine Patina der Millionen von Ellenbogen hatte, die sich seit Jahren bier- und unicumtrinkend auf ihr abgestützt hatten. Im Kerzenlicht tanzten die Flaschen und Gläser hinter demTresen im Rhythmus der Musik, die die Bar erfüllte.
Es war ein sehr langsames Stück, das Klavier gab den Takt an, ein komplexes rhythmisches Gebilde. Das Schlagzeug war nicht mehr zu hören und darüber schwebte das Saxophon... Es sprach zu ihr. Sie konnte den Rest des Abends die Augen nicht mehr von dem alten Mann lassen, und trotzdem sah sie nur die Musik. Sie kam wie Rauch, der zu ihr wehte und sie umfing, sie konnte die Musik riechen, schmecken und anfassen, selbst wenn sie sich davon hätte abwenden wollen, es wäre ihr nicht geglückt. Wie Rauch um ihre Nase.
Der alte Mann war danach zu ihr an die Bar gekommen, hatte ihr selbstgefällig zugenickt, so als hätte er ihre Blicke bemerkt und wollte nun ein Danke von ihr, dafür, dass er nur für sie gespielt hatte.
Er hatte zwei Unicum bestellt, einen davon zu ihr hin geschoben und sich umgedreht, um den selben selbstgefälligen Blick, den er ihr zugeworfen hatte, durch die Bar schweifen zu lassen. „Danke." war alles, was sie mit belegter Stimme hervorgebracht hatte, obwohl sie ihm am liebsten in die Eier getreten hätte für seine gönnerhafte Selbstgefälligkeit. Außerdem hätte sie sich selbst noch gerne geohrfeigt für die Bewunderung, mit der sie ihn ansah. Und er wusste darüber sehr gut Bescheid.
„Sie sehen traurig aus, meine Liebe. Sie schauen, wie das letzte Stück geklungen hat. Wussten Sie, dass der Komponist es seiner verstorbenen Frau gewidmet hat und es nur einmal im Jahr zu ihrem Todestag spielt?" Sie hatte schwer geschluckt daraufhin. „Ich habe auch einen Menschen verloren, der mir sehr am Herzen gelegen hatte." Sie wollte darüber nicht sprechen, nie, aber er hatte verständnisvoll genickt und alle Arroganz war aus seinem Blick verschwunden. „Einen Mann, vermute ich da richtig?" hatte er gefragt. Und wie ein kleines Mädchen war sie seiner Ruhe und seinem über die Jahre gewachsenen Selbstvertrauen verfallen. Wie ein kleines Mädchen... Dabei war sie schon 28. „Ja, meinen Mann.", hatte sie geantwortet, danach herrschte Stille. Sie hatte verbissen geschwiegen. „Das tut mir sehr leid, meine Liebe." Er hatte ernsthaft traurig geklungen, seine Stimme so aufrichtig und gefühlvoll wie sein Saxophon. „Wenn Sie mir mehr erzählen möchten, ich bin jeden Nachmittag in der kleinen Vinothek am Viösmaraty-Platz. Danach komme ich hierher." Sie sah weg, schwieg weiter verbissen. Er hatte ihr Schweigen richtig verstanden und sich zum Gehen gewandt. Sie würde sich schließlich nicht vor einem wildfremden Mann ausheulen wie ein Teenager im ersten Liebeskummer. Er hatte genickt und ganz leicht ihre Schulter berührt, aber dennoch vibrierten bei dieser Berührung ihr Magen und ein Kribbeln breitete sich von dort bis in die Fingerspitzen aus. Die Berührung war so sanft gewesen wie seine Musik und in diesem Moment hatte sie sich so verstanden und geborgen gefühlt bei dem alten Mann wie bei den Klängen dieses Saxofons. Er sprach eine universelle Sprache, die ihr Innerstes verstand. Er war ein paar Schritte gegangen, dann hatte er sich noch einmal zu ihr umgedreht und gesagt: „Der Komponist dieses Stückes... Das bin ich." Dann war er gegangen, hatte sich nicht mehr zu ihr umgedreht. Und sie hatte gewusst, sie würde zu ihm kommen. Wahrscheinlich hatte er es in diesem Moment auch gewusst und im Hinauslaufen wieder sein arrogantes Lächeln gelächelt. Dieser Gedanke hatte sie geärgert... Aber sie hatte gewusst, sie würde kommen.
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Mala
Mystery / ThrillerDie junge Nadia lernt in Budapest einen alten Saxofonspieler kennen, der sie langsam dazu treibt, ihre dunkelsten Geheimnisse zu offenbaren: Was ist in dem Krankenhaus in Syrien passiert, das Nadias Alpträume heimsucht?
