Prolog

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"Jetzt kommt doch endlich mal, Valentin wartet schon draußen, wenn ihr nicht langsam aus dem Knick kommt sind wir um zwei immer noch nicht im Kassa", schreit Gustav von außen durch die Tür. Liv (eigentlich Olivia, aber alle nennen sie nur Liv), seine zwei Jahre jüngere Schwester und meine beste Freundin, wuselt durch ihr Zimmer und sucht ihren zweiten Schuh. Es hämmert gegen die Tür. "Ja meine Güte, wir kommen gleich, ich finde meinen anderen Schuh nicht", brüllt Liv durch die Tür, die sich im gleichen Moment rücksichtslos öffnet; und dahinter: Gustav, mit ihrem anderen Schuh in der Hand. ich muss ein wenig lachen, stehe aber nun von Livs Bett auf und mache mich schonmal auf den Weg nach draußen, denn Gustav hat Recht: Wenn wenn wir uns nicht langsam beeilen, kommen wir wirklich erst dann an, wenn die Schlange vor dem Club, in den wir heute planen zu gehen, schon ewig lang ist. Wie schon gesagt, Gustav ist der große Bruder von Liv und neunzehn Jahre alt. Valentin ist sein bester Freund, er ist auch neunzehn. Schon seitdem wir vier befreundet sind (was erst seit zwei Jahren der Fall ist, weil Liv und Gustav sich bis dahin gehasst haben) zieht Liv mich und Valentin damit auf dass wir ja zusammen gehören würden und versucht jede zweite Sekunde, ihn und mich zusammen zu bringen. In letzter Zeit übertreibt sie es zum Glück nicht mehr so damit, das mag aber wahrscheinlich zu einem großen Teil daran liegen, dass Valentin sich vor drei Wochen ziemlich unerwartet von seiner Freundin getrennt hat. Liv macht sich jetzt wahrscheinlich sorgen, dass es wegen ihrer Stänkereien kaputt gegangen ist, doch ich glaube dass nicht, die beiden haben sich wahrscheinlich einfach auseinander gelebt. Was mich angeht: ich bin mir in Bezug auf Valentin nicht ganz sicher, bis vor ein paar Wochen war ich der Überzeugung, dass ich absolut nicht anziehend, wenn nicht sogar abstoßend finde. Nein, eigentlich bin ich immer noch der Überzeugung, es ist wahrscheinlich einfach die Aufregung um seine Trennung, die mich etwas aus dem Gleichgewicht gebracht hat, weiter nichts. Wären da nur nicht diese Blicke gewesen, vielleicht bilde ich mir das ja nur ein, aber seit seiner Trennung erhasche ich Valentin, wie er manchmal erwartungsvoll zu mir herüber blickt. Aber ich habe ihn ja selbst zu Gustav sagen hören, dass er, jetzt nach der Trennung, erstmal ein wenig warten möchte und nicht gleich wieder was neues haben will. Also kann es nur Einbildung gewesen sein.

Während ich die Treppen hinunter gehe um zur Haustür zu gelangen höre ich Liv und Gustav, wie sie sich im Hintergrund ein wenig zanken. Die Tür steht bereits offen und als ich hindurch gehe werde ich von dem Schwall an Hitze förmlich überrollt. Es ist zwar erst Anfang Juni, aber die Temperaturen über steigen die 30 Grad schon locker. "Heyy Ira", höre ich Valentin neben mir sagen. Ich drehe mich zu ihm herum und bleibe mit meinem Blick an seinem Lächeln hängen. "Heyy", sage ich ebenfalls. Bevor es jedoch komisch zwischen uns werden kann, kommen Gustav und Liv endlich auch aus dem Haus und wir sind bereit zum los gehen.

Gemeinsam laufen wir zur Haltestelle, wo auch schon nach wenigen Minuten die nächste Straßenbahn einfährt. Aufgedreht steigen wir alle ein und fahren drei Stationen bis zum Stadtzentrum unserer kleinen Stadt. Dort ausgestiegen entscheiden wir uns noch fix eine Kleinigkeit essen zu gehen, denn Alkohol, den wir heute Abend definitiv vor haben zu trinken, auf leeren Magen bei dieser Hitze trifft sich gar nicht gut. Doch leider schlägt insbesondere Liv das heiße Wetter auf den Magen und sie kann kaum etwas runter kriegen. Nachdem wir alle mehr oder weniger viel gegessen und uns danach noch alle zusammen zwei große Flaschen Wein im Späti gekauft haben, machen wir uns langsam auf den Weg zum Club, der zu unserem Glück ziemlich zentrumsnah gelegen ist. 

Als ich eine kurze Weile für mich alleine, laufe, ohne mich mit einem der drei anderen zu unterhalten überhöre ich ein Gespräch zwischen Liv und Gustav:

Gustav: "Schläft Ira heute eigentlich bei uns oder du bei ihr? Du hast lange nicht mehr bei ihr geschlafen, oder?"

Liv: "Sie schläft bei uns. Ihre Eltern streiten sich in letzter Zeit so unfassbar viel, wirklich, als ich neulich Nachmittag zu ihr gegangen bin, ist das alles in einem totalen Desaster geendet. Ich denke wirklich, dass sich ihre Eltern vielleicht einfach scheiden lassen sollten, ich glaube, das wäre besser für sie und für Ira"

Gustav: "Oha, ist es wirklich soo schlimm?"

Liv: "Ja, übel. Immer wenn sie sich streiten, versuchen beide Ira auf ihre Seite zu ziehen und sind natürlich sauer, wenn sie sich auf die Seite des jeweils anderen stellt oder gar nicht erst mitmacht, bei dem Spiel"

Ich weiß ja, dass es zwischen meinen Eltern nicht besonders gut läuft, und ganz rational gesehen verstehe ich wahrscheinlich auch, dass eine Scheidung wahrscheinlich am Ende das beste wäre, trotzdem ist es irgendwie hart das so direkt zu hören. Aber sie hat schon Recht, seit Wochen streiten sich meine Eltern nur noch und es wird immer schlimmer. Immer öfter komme ich nachts spontan zu Liv nach Hause, einfach um dem ganzen Drama zwischen den beiden Streithähnen mal für eine Nacht zu entgehen. Sogar Livs Eltern haben bemerkt, dass bei mir etwas nicht stimmt, sie haben auch schon ei mir nachgefragt, aber ich weiß, dass sie von Liv ziemlich genau wissen, was ei mir zu Hause abgeht. Nur Gustav scheint als einziger bis jetzt nicht eingeweiht zu sein. Doch bevor ich weiter die Situation zwischen meinen Eltern zerdenken kann und mir den ganzen Abend  damit versaue bemerke ich schon, wie eine andere Person von hinten ankommt und ihren Arm um meine Schultern legt. Es ist Valentin. Er hält mir seine Kippe hin, die ihm bis eben noch im Mund stecken hatte. Ich nehme sie ihm ab und ziehe daran. "Du kannst gerne aufrauchen", sagt er, während ich den Rauch noch in meiner Lunge behalte. Wir gehen weiter die bergauf führende Straße entlang und Valentin beginnt mich über meinen Tag auszufragen. Er hat ja gar keine Ahnung, was das gerade in mir auslöst. Auf der einen Seite macht es mich traurig und genervt, weil mein Tag bis jetzt aufgrund des Streits meiner Eltern nicht s gut verlaufen ist, aber auf der anderen Seite spüre ich, wie mein Herz bei dem Gedanken daran, dass Valentin sich für mich interessiert, beginnt wärmer zu werden. Zum Glück kommt er gar nicht dazu mir nähere Fragen zu stellen, denn nach ungefähr fünf Minuten sind wir auch schon vor dem Club angekommen.

Weißwein, Kippen und Club MateHistorias para obsesionarse. Descúbrelo ahora