Wer hätte gedacht, dass es so einfach war, in das Anwesen des reichsten Händlers von Valos einzudringen? Wochenlang hatten wir darüber gegrübelt, wie ich durch das hohe Eisentor kam und dann lag da einfach ein Schlüssel unterm Blumenkübel. Das war doch absurd.
Ich verdrehte die Augen wegen so viel Naivität, sah mich um und entdeckte im Licht des Frostfeuerbusches direkt dahinter eine unscheinbare Pforte. Wenn der Schlüssel da jetzt noch passte ... Mit einem leisen Klicken öffnete sich die Tür und ich drückte mich hindurch, bereit, vor Wachmännern, Laserstrahlen oder geifernden Hunden wegzurennen. Es folgte – nichts. So dumm konnte doch niemand sein, da war selbst meine winzige Wohnung besser gesichert!
Vor mir spiegelte sich der Halbmond in einem kleinen See und die Blüten der ordentlich gestutzten Frostfeuerbüsche tauchten den Weg zum Herrenhaus in einen sanften, hellblauen Schein. Ich huschte hinter die Büsche und schlich geduckt an ihnen entlang in Richtung des riesigen Hauses. Vor der Tür standen zwei Wachmänner in dunklen Uniformen, Gewehre locker über die Schulter gelegt, und starrten gelangweilt durch die Gegend. Menschen? Erstaunt zog ich die Nase kraus und roch noch einmal. Tatsächlich. Er hatte doch allen Ernstes Menschen als seine einzigen Wachleute eingeteilt. Ein Wunder, dass er nicht schon Jahre zuvor ausgeraubt worden war.
Mühelos schlich ich direkt zwischen ihnen hindurch, ohne dass sie sich auch nur einmal nach mir umsahen. Oh, der Verstand von Menschen war so einfach zu verwirren. Der Dicke zog einmal fröstelnd seine Jacke zurecht und schon stand ich in einer ausladenden, dunklen Eingangshalle. Zwei gewölbte Treppen führten auf eine Galerie in den ersten Stock des altehrwürdigen Gebäudes, doch ich trat durch eine auffällig schön geschnitzte Tür in die Bibliothek des Anwesens. Für Menschen war dieser fensterlose Raum gewiss stockfinster, doch ich sah jedes einzelne Buch in den deckenhohen Regalen, auch ohne Lampe. Durch diese Bücher könnte ich vermutlich mein halbes Leben ohne Geldsorgen verbringen, doch ich blickte mich weiter um, suchte nach der einen Anomalie, die hier irgendwo versteckt sein musste.
Über mir knarrte etwas und ich erstarrte. Es knarrte noch einmal, lauter diesmal, gefolgt von einem tiefen Grunzen. Und Stille. Vorsichtig blickte ich zur Decke empor, entdeckte aber nur die verblichene Deckenmalerei einer vergangenen Zeit. Vielleicht hatte sich der Händler einfach im Schlaf umgedreht, überlegte ich und konzentrierte mich wieder auf meine Aufgabe. Je eher ich die Fee fand, desto besser. Wieder ließ ich meinen Blick über die Bücherregale schweifen und blieb an einem alten Schinken hängen, der unauffälliger nicht sein konnte. „Die Wirkung von Mieselwurz auf die Kauffreude von Kunden" von Valentin Graf von Hirtensee stand zwischen anderen Abhandlungen zu Warensortiment und Handelsbeziehungen. Ich hätte es glatt übersehen, wäre da nicht dieser leichte goldene Schimmer, der sich mit aller Macht zwischen den Seiten durchzukämpfen schien.
„Ist schon gut, ich bin da. Ich bringe dich nach Hause", murmelte ich sanft, zog das Buch aus dem Regal und schlug es auf. Ausgehöhlt, wie erwartet. Eine kleine, blassgelbe Fee kauerte in der hintersten Ecke des winzigen Käfigs, der in die Seiten eingelassen war, und starrte mich mit großen Augen an.
„Hab keine Angst, meine Kleine, ich tu dir nichts. Ich bin hier, um dich zu retten. Ich bringe dich nach Hause", wiederholte ich, öffnete den Käfig und streckte ihr einladend meinen Zeigefinger entgegen. Sie rührte sich nicht, sondern zitterte nur umso mehr.
„Komm mit mir, ich habe leider keine Zeit, dir jetzt alles zu erklären. Aber ich habe deine beiden Schwestern und deine Mutter von so einem grausigen Sklavenhändler befreit und sie haben mir erzählt, dass du hierher verkauft wurdest. Sie sind in Sicherheit und warten nur auf dich. Komm mit mir, ich bringe euch alle in eure Heimat zurück", murmelte ich und streckte wieder einen Finger aus.
Die winzige Fee zögerte noch einmal, umfasste meinen Finger mit beiden Händen und kippte augenblicklich wie versteinert zurück ins Buch. Auf einen Schlag war es wieder dunkel im Zimmer.
„Es tut mir leid, meine Kleine. Aber es geht leider nicht anders", raunte ich ihr zu und steckte sie in einen kleinen Lederbeutel und verschnürte ihn sorgfältig und knotete ihn an meinen Gürtel. Das Buch stand wieder unauffällig wie eh und je im Bücherregal, als ich ungesehen über denselben Weg verschwand, auf dem ich in das Anwesen eingedrungen war.
Die vier Lederbeutel anmeinem Gürtel spürte ich kaum.
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Clair de Lune
Fantasy"Wir müssen fliehen. Vertraust du mir?" Er streckte die Hand aus und seine hellgrünen Augen bohrten sich eindringlich in meine, doch ich zögerte. Wenn ich jetzt einschlug, würde ich meine Familie vielleicht nie wieder sehen. Wo war Lune bloß durch i...
