Wenn man heute über die Klamm geht, ahnt man nichts von der Geschichte, die sich vor mehr als hundert Jahren hier ereignet hat. Im Grenzland zwischen Österreich und Bayern gibt es zahlreiche Orte, denen die Bezeichnung „verwunschen" anhängt. Von den Eishöhlen bis zu den Schlössern des Märchenkönigs. Es gibt aber auch die anderen Orte, jene die Angst machen.
Die traditionellen Perchten oder manchmal auch Kramperl genannt, zeugen davon. Furchterregende zottelige Wesen mit großen hässlichen Fratzen aus Hörnern, weit aufgerissenen Mündern und bösen Augen. Deren Wildheit wird in der Vorweihnachtszeit bloß gespielt. Vor langer Zeit aber, da war es den Menschen Ernst damit.
Die Klamm, die man heute nur das „Deifeseck", das „Teufelseck" nennt, ist ein wunderschöner Fleck. Zwei Bäche stoßen über je einen Wasserfall in einem Becken zusammen. Eine kleine Hütte mit Ausschank und Brotzeit ist das einzige Gebäude, das noch erhalten ist. Früher gab es hier einen Ort aus Bauernhöfen, einer Käserei und einer Kapelle, in der ein Kaplan alle paar Wochen eine Messe gelesen hat.
Es war Winter in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Schnee hatte die Berge bedeckt. Alle Zugänge zum „Deifeseck", das damals anders hieß, waren meterhoch verweht. Es gab kein Durchkommen. Seit fast 70 Jahren war es das erste Mal, dass der Kaplan die traditionelle Adventsmesse nicht lesen hatte können. Auf den wenigen Einwohnern des Ortes lag diese Tatsache bleiern auf dem Gewissen. Eingeschlossen, abgeschieden und isoliert war die dunkle Zeit angebrochen.
Katharina, Killian und Therese waren die einzigen Kinder der Siedlung. Ihr Vater kam vor ein paar Jahren beim Fällen alter Tannen ums Leben. So kümmerten sich alle der Siedlung mit um die Witwe und die drei Kinder.
Oberhalb gab es einen kleinen Gipfel, der von dicken Wolken eingehüllt war. Die beiden Bäche, die in der Mitte der Ortschaft in einem kleinen Becken aufeinandertrafen, waren gefroren. Um an Wasser zu kommen wurde Schnee geschmolzen oder die Eisschicht eingeschlagen.
Der Moarhuba, einer der Bauern, hatte begonnen große Eisblöcke aus dem Becken zu schlagen und diese in einer Höhle hinter seinem Haus für den Sommer einzulagern. Im Frühjahr würde er wieder anfangen, die Blöcke an die Kühlhallen der umliegenden Orte zu liefern.
Katharina und die beiden anderen Kinder schaufelten die Eingänge vor dem Haus ihrer Eltern frei. Es war ein lang gezogenes Gebäude. Unter einem Dach befand sich die Wohnstube, der Stall für zehn Kühe, ein paar Schafe und Hühner. Unter dem Dach gab es Räume für die Kinder zum Schlafen und Lagerplatz für das Heu. An den Wänden außen war alles mit geschlagenem Brennholz vollgestapelt worden.
Mit breiten Schaufeln und Reisigbesen entfernten die Kinder den meisten Schnee von den Stufen, die zur Haustür und und zum Stall führten.
Die Geier-Liesel hatte ihnen angeboten, gegen ein Stück Käse ihren Eingang frei zu räumen. Katharina musste aber erst noch ihre Mutter fragen.
Als alle beim friedlichen Abendessen zusammensaßen, dankte Mutter Gott für die Gaben und sprach ein kurzes Gebet. Dann nahm sie den Deckel vom Topf und der Geruch des Eintopfs ließ ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen.
„Mutter?"
„Was denn Katharina?"
„Die Geier-Liesel hat heute gefragt, ob wir ihr helfen könnten mit dem Schnee."
„Morgen!", sagte Mutter und löffelte weiter an ihrem Eintopf.
„Gut. Morgen."
„Sie hat einen Kas' für uns!", rief der kleine Killian. „Einen Kas'! Wahrscheinlich den, den ich so mag. Oder den anderen."
Kurze Zeit später beendete die Familie die Mahlzeit und alle halfen aufzuräumen. Warmes Wasser, das in einem Topf auf dem Herd den ganzen Tag zur Verfügung stand, wurde in das steinerne Spülbecken gegossen und Therese spülte die Teller sauber. Mutter packte den Eintopf in einen Schrank und schob noch etwas Eis und Schnee drum herum. Damit würde es bis morgen und sogar übermorgen halten.
Nach dem Essen sass sich die Mutter vor den Kamin und die Kinder setzten sich mit der Bibel an den Küchentisch. Katharina las ihnen daraus vor, während die Mutter dicke Wollsocken für die Kleinen strickte. Zwischendurch legte sie das Strickzeug ab und horchte in die Dunkelheit, jenseits der geschlossenen Fensterläden hinaus.
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Spuren
Short StoryEs ist Winter in den Bergen zwischen Österreich und Bayern. Die Messe muss aufgrund des Wetters zum ersten Mal seit Jahrzehnten ausfallen. Ein schlechtes Omen? In ihren verschneiten Häusern harren die Familien aus. Dann zerreißt ein Schrei die Sti...
