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Sie bewohnt eine kleine Wohnung in mitten des Dorfes. Gerade schlug die Kirchglocke noch dreiundzwanzig Uhr, draußen in der  nebligen Dämmerung. Sie schaut eine Dramaserie in ihrem kleinen Röhrenfernseher, hält ein Glas Rotwein in ihrer rechten Hand. Das Kaminfeuer knackt und flimmert aber es hält sie warm, denn die Herbstnacht ist es nicht.
Sie hört Schritte im Treppenhaus und stellt den Fernseher aus. Sie geht rasch in die Küche und kippt ihren Wein ins Waschbecken, das Glas stellt sie in einen der Schränke. Sie eilt wieder ins Wohnzimmer, bemüht sich leise zu sein. Sie setzt sich wieder aufs Sofa und nimmt sich ein Buch. „Glas" von Stephen King. Sie hatte es noch nie zuvor gelesen, aber in diesem Moment tat sie so, als las sie schon eine Weile darin. Da hört sie den Schlüssel im Schloss umdrehen. Die Tür öffnet sich und knallt im nächsten Moment wieder zu. Er ist gekommen.

Sofort läuft er ins Wohnzimmer. Zu ihr. „Ich hatte dich in der Küche erwartet, du solltest mir Essen machen.", sagt er mit aggressiver Stimme. Sie steht auf, ohne zu zögern, geht in die Küche und bindet sich eine Schürze um. Er legt sich aufs Sofa und schaltet den Fernseher ein. Die Dramaserie, die sie zuvor gesehen hatte, erscheint auf dem Bildschirm. Er erkennt, dass der Fernseher vorher betätigt wurde. Sofort fängt er an zu brüllen: „Hast du etwa diesen Mist angeschaut? Hättest du dich nicht um den Haushalt kümmern können?" Er steht auf und geht zu ihr in die Küche. Sie schaut auf den Boden, beschämt. Beschämt, obwohl sie keinen Grund hat sich zu schämen. „Es tut mir leid." sagt sie. Er öffnet eine Schranktür in der Küche und nimmt sich eine Dose heraus. Bier. Seit Tagen macht er nichts anderes als Bier zu trinken. Bier trinken und arbeiten, auf der Baustelle. Bier trinken und fernsehen. Oft geht er auswärts Bier trinken. Sie nimmt es einfach so hin. Er öffnet die Dose und kehrt zurück ins Wohnzimmer. Ihr Puls sinkt wieder, doch das hält nicht lang an. Er dreht sich um und läuft garstig auf sie zu. Sie kommt ins schwitzen, hat Angst obwohl es immer gleich abläuft. Sie unternimmt nichts dagegen aber sie leidet darunter und sie weiß es aber sie braucht ihn. Für das Geld, zum Überleben. Er kommt auf sie zu und schlägt sie. Ein Mal, zwei Mal, sie liegt schon am Boden. Zwei weitere Male tritt er  auf sie ein, dann starrt er nur. Sie zittert, bewegt sich nicht weg, vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen. Er packt jetzt ihren Arm und zieht sie hoch. Er sieht sie an und küsst sie zärtlich bevor er sich wieder umdreht und sich aufs Sofa begibt. Sie hasst es, sie hasst ihn, und sie versteht es nicht. Aber es ist mittlerweile normal also kocht sie weiter.
Sie hat  ihm Suppe gemacht und sie stellt sie ihm auf den kleinen Beistelltisch neben dem Sofa. Sie will sich wieder wegdrehen und in die Küche gehen, aber er zieht sie neben sich aufs Sofa. Sie liegt nun da, unter seinem Arm, angespannt und nervös. Währenddessen nimmt er ab und zu ein paar große Schlücke seines Biers und schaut fern. So liegen sie noch bis Mitternacht, dann steht er auf. „Geh schlafen, ich bin wieder weg. Wir sehen uns morgen Abend wieder. Ich erwarte, dass du mir dann was anständiges gekocht hast!" Sie fragt sich, was er dann immer macht. Schlafen tut er nie hier. Zum Glück. Geht er zu Freunden? In eine Bar? Oder etwa zu einer anderen Frau? Sie schließt nichts aus.
Er steht auf und geht zur Haustür. Schuhe und Jacke zog er nicht einmal aus. Sie hält ihn auf: „W-Würdest du mir vielleicht ein bisschen Geld leihen? Ich brauche es. Bitte..." „Willst du mich noch mehr verärgern?" schreit er laut. Sie schüttelt mit dem Kopf. Er seufzt schließlich und zieht etwas aus seiner Jackentasche. Er schmeißt ihr einen zerknitterten Hunderter vor die Füße. Ohne ein weiteres Wort verlässt er die Wohnung. Die Tür knallt.
Sie atmet erleichtert aus und geht den schmalen Flur entlang. Am Ende des Flurs ist eine Tür, sie ist abgeschlossen. Sie holt aus einer Tasche in ihrer Schürze einen Schlüssel und öffnet die Tür leise. Sie geht hinein. Dort steht ein Doppelbett. Die eine Hälfte ist belegt. Ein kleiner Junge liegt darin. Sie kontrolliert seinen Schlaf und ist erleichtert über ihre Erkenntnis. Er schläft. Sie legt sich zu ihm und versucht einzuschlafen.
Aber er schlief nie, er hörte alles und zwar immer. Jede Nacht. Aber er weiß, dass seine Mutter sein Geld brauchte, er weiß es trotz seines jungen Alters. Und in jener Nacht beschloss er dem ein Ende zu setzen. „Ihm" ein Ende zu setzen.

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⏰ Last updated: Nov 01, 2021 ⏰

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