Ich stehe auf. Ein Fuß zieht den jeweils anderen hinterher. Schlurfend betrete ich die Küchensektion der SS600. Ich krame nach einer Packung Tütenmilch und etwas Haferflocken und mache mir ein eher dürftiges Müsli. Ich greife nach einem silbernen Löffel und beginne in meinem Müsli zu rühren. Diese Haferflocken schmecken nach Pappe. Die Milch nach Chemie. Aber etwas Besseres steht mir nicht zu. Heute stand viel auf der To-Do-Liste. Den Urintank filtern um Frischwasser herzustellen. Die Pflanzen mit dem Wasser gießen. Die Koordinaten von Charon an Cyber-Life senden. Crush füttern. Und zu guter Letzt den anstehenden Meteoritenschauer beobachten. Aufpassen, dass sie nicht in meine Raumstation fliegen. Vielleicht bleibt noch etwas Zeit um mir die Sterne anzusehen. Das gehört zu einem erfolgreichen Tag dazu. Es macht die Einsamkeit erträglich. Das Licht flackert. Schonwieder die Batterie? „Kane! Setz das Überprüfen der Batterie auf meine morgige To-Do-Liste!", rufe ich.
„Wird gemacht", erwidert eine mechanische, männliche Stimme. „Sie sollten langsam mit ihren Aufgaben beginnen, Sir." Ich nicke widerwillig. Kane ist eine äußerst fortschrittliche künstliche Intelligenz. Produziert von Cyber-Life um zu überwachen ob ich auch pünktlich meine Aufgaben erledige. Manchmal geht er mir auf die Nerven. Manchmal sogar sehr. Und des Öfteren würde ich ihm gern einfach den Stecker ziehen. Aber das bringt nichts. Ich lege die Müslischale in den Geschirrspüler. Würde ich den Geschirrspüler jetzt anstellen, würde die Schüssel mit meinem Urin gespült werden. Das will ich nicht. Ich sollte mit meiner ersten Aufgabe anfangen. Mit schleichender Motivation bewege ich mich in das Bad und betrachte den Urintank. Ich drehte an ein paar Rädchen. Man hörte Maschinen sich in Bewegung setzen. Ein Rattern. Ein Dampfen und schon floss eine durchsichtige Flüssigkeit in den Wassertank. Manchmal hab ich Angst davor, dass der Filter gar nicht richtig funktioniert. Aber bisher glaube ich vernünftiges Wasser getrunken zu haben. Ist das merkwürdig? Spielt ja keine Rolle. Ich bin doch eh allein. Ich könnte auch völlig nackt durch die Raumstation laufen. Kane würde sicher einen spöttischen Kommentar abgeben. Wenn er sehen könnte. Versteht sich von selbst. Ich fülle das Wasser ab und beginne die Pflanzen im Wohnbereich zu gießen. Ein paar Bohnen. Ein bisschen Kresse. Aber am Meisten stolz bin ich auf meinen Kürbis. Er wächst unglaublich langsam. So langsam, dass sein Wachstum fast nicht erkennbar ist. Aber er wächst. Manchmal schaue ich mir den Kürbis an. Man könnte meinen ich bewundere ihn. Wie er wächst. Ohne angemessene Lebensbedingungen. Nur etwas Wasser und Erde die schon längst hätte aufgefrischt werden müssen. Manchmal wenn ich mich ganz schlecht fühle und über den Sinn des Lebens philosophiere, ermutigt mich dieser Kürbis weiterzumachen. Irgendwann bin ich groß und saftig. Ich muss nur geduldig sein. Und warten. Das hoffe ich zumindest. Ich hoffe das Warten zahlt sich aus.
„Sir, denken sie schon wieder über den Kürbis nach?"
„Sei ruhig, Kane." Eigenständiges Denken war auch nicht mehr möglich.
„Ich muss sie an ihre täglichen Aufgaben erinnern. Sie wissen was Cyber-Life macht, wenn sie nicht rechtzeitig fertig werden." Ich halte ihm meinen Mittelfinger entgegen.
„Zeigen sie mir wieder ihren mittleren Finger, Sir? Sie wissen, dass mein Bewegungserkennungssensor Makel aufweist."
„Schon gut, Kane. Ich mach ja weiter." Stille.
Ich schleppe meinen trostlosen Körper in das Observatorium und setze mich an das Teleskop. Charon. Der Name kommt mir bekannt vor. Ich schaue durch das Teleskop und suche zuerst nach meinem guten Freund den Pluto. Eine Leichtigkeit. Manchmal spreche ich mit den Planeten, die ich beobachte. In der Erwartung, dass ich irgendwann eine Antwort bekomme. Das klingt alles ziemlich verrückt. Aber hier oben – in dieser Einsamkeit – da macht man schon verrückte Dinge. Um nicht von der unendlichen Leere des Universums erdrückt zu werden, muss man sie halt mit etwas füllen. Und warum nicht mit imaginären Freunden? Es klingt bestimmt so als würde es mir schlecht gehen. Aber das tut es nicht. Glaub ich zumindest. Es ist besser so. Besser als auf der Erde. Hier bin ich sicher.
„Und ich hab ja noch Kane.", seufze ich.
„Und ihre zwölf Erotikmagazine.", hallt es aus dem Wohnbereich. Diese Blechbüchse macht mich fertig. Irgendwann ziehe ich wirklich den Stecker. Ganz egal ob es mir nur zwei Stunden Ruhe beschert. Ich werde sie genießen. Ach ja. Charon. Wo versteckt sich der kleine Mond?
Ich entdecke die graue Kugel und ziehe an einem Hebel und das Display über dem Fernrohr spuckt einen Vektor aus. Man stellt sich den Weltraum in einem dreidimensionalen Koordinatensystem vor. Ich muss nur den Standort der Raumstation mit dem Vektor verrechnen et voila. Die Koordinaten von Charon. Es gibt genauere Methoden. Welche, die schwierigere Formeln benötigen. Aber dafür bin ich heut nicht in der richtigen Verfassung. Aus fünf Minuten Arbeit könnten so sehr schnell drei Stunden werden. Ich tippe wild auf ein paar Tasten herum. Wähle Enter. Und Abgeschickt. Von der Anspruchslosigkeit dieser Arbeit begeistert, sinke ich in meinem Stuhl. Und seufze.
Ich weiß nicht einmal wofür Cyber-Life diese Info von mir abverlangt. Ich habe dazu meine ganz eigene Theorie. Die wollen mich beschäftigt halten. Ich soll so viel zu tun habe, dass ich gar keine Zeit für andere Gedanken finde. Und erneut ein Seufzen. Es hat alles seine Vor- und Nachteile. Ich hieve mich von dem Stuhl und schlendere in Richtung Wohnzimmer, wo Crush schon sehnsüchtig auf mich gewartet hat.
Das kleine Reptil starrt mich durch die Glasscheibe an. Die Knopfaugen. Schwarz wie die Leere des Alls. Erwartungsvoll streckt er die Zunge heraus. Diese spitze und dunkelrote Zunge. Rau und dennoch so scharf wie ein Messer, das gerade von Blut überzogen ist. Der Anblick macht mich traurig. Mehr als ein bisschen Trockenfutter und Wasser kann ich dem kleinen Kerl nicht anbieten. Dennoch ist er für jedes bisschen dankbar. Zufrieden kaut er auf seiner Portion Trockenfutter und nippt an seinem Wasser. Gern würd ich ihm mehr bieten können. Lebend Insekten. Heuschrecken. Grillen. Mehlwürmer. Aber so scheint es ihm wenigstens nicht großartig schlecht zu gehen. Ich checke die Vitalwerte. Scheint aber alles im grünen Bereich zu sein. Ich beobachte Crush noch eine Weile und gehe dann zurück in mein Zimmer.
Die Zeit verging schnell. Etwas zu schnell für meinen Geschmack. Aber wer bin ich schon, zu denken, dass ich einen Geschmack haben dürfte. Ich bin müde. Meine Augen fallen langsam zu. Ich stelle mir einen Timer, der in mich in 3 Stunden aufwecken soll. So hätte ich noch genug Zeit um mich auf den anstehenden Meteoritenschauer vorzubereiten. Das wird was. Ich lege mich in mein Bett. Und es dauerte keine Minute. Meine Augen sind zu. Mein Körper fällt in eine Trance. Eine Bewegungslosigkeit. Ein Zustand vollständiger Ruhe.
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Unconscious
Science FictionAuf dieser von Leid geprägten Reise durchs All lernt ein von Albträumen verfolgter Mann den wahren Wert des Lebens kennen. Konfrontiert mit allerlei Problemen stellt sich irgendwann die Frage: Kann das Alles überhaupt real sein?
