Prolog - In einem anderen Leben

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Im Grunde war es nicht seine Schuld. Wie konnte es?

Egal, was bei seiner Geburt auch schief gelaufen war, welche Hexe seine Mutter mit dem bösen Blick gestreift hatte: Er war an seinem Schicksal völlig unbeteiligt gewesen. Solange er zurückdenken konnte, war es in ihm gewesen, ein Teil seiner selbst. Weder die Schläge seines Vaters noch die Gebete seiner Mutter änderten etwas daran.

Mit vierzehn Jahren, als er blutend am Boden lag und sein Vater ihn anbrüllte, akzeptierte Tarn, dass er es nicht loswerden würde.
Mit sechzehn Jahren stand er knietief in Sünde. Hätte er jemals gebeichtet, hätte er bis ans Ende seines Lebens Rosenkränze beten müssen. Zu diesem Zeitpunkt war er längst verloren. Er hatte sich damit abgefunden, dass er nicht erwünscht war. Nirgendwo.

Aber wenn es nicht seine Schuld war, wessen dann? Auch wenn er seinen Gefühlen gegenüber machtlos war: Es waren untrüglich seine eigenen.

Es gab keine schlüssige Erklärung dafür, dass er Männer liebte. Hätte ihn jemand danach gefragt, hätte er viele Antworten geben können. Doch keine davon hätte seine Empfindungen wirklich ausgedrückt. Dazu waren seine Gefühle zu komplex, zu vielschichtig, und gleichzeitig schrecklich eindeutig. Kein Mädchen verursachte die gleiche Aufregung, nervöse Unruhe oder gar Erregung in ihm, die ein Mann in ihm auslöste. Selbst, wenn die Unterschiede manchmal gering waren, bedeuteten sie letztendlich alles. Frauen mit breiten Schultern, schmalen Hüften und kantigen Gesichtern gab es schließlich genug. Aber keine von ihnen hatte je sein Interesse geweckt. Das war so sicher wie die Tatsache, dass ihn blonde Männer besonders anzogen.

So wie Antoine. Tarn hätte seine Hände stundenlang in seinem dichten Haar vergraben können. Er spielte abwesend mit einigen Strähnen, so golden wie das Stroh unter ihnen. Ein paar verirrte Lichtstrahlen, die durch das Gebälk des Dachs fielen, ließen sie leuchten, und einen stillen Moment lang bewunderte er den Glanz. Er lebte für diese kurzen, völlig ruhigen Minuten, in denen alles in weite Ferne rückte. Der Lärm der Arbeit, die Geräusche der Pferde und die Unterhaltungen der Menschen im angrenzenden Stall existierten nach wie vor. Aber sie wurden unwichtig, verblassten zum Hintergrundmurmeln. Der niedrige Strohboden der Scheune, auf dem sie sich verbargen, wurde zu einer eigenen Welt, nur geschaffen für sie beide. Hier gab es keine misstrauischen Blicke, keinen Grund, Abstand zu wahren. Nur den Duft nach trockenem Gras, den funkelnden Staub in der Luft, die wohlige Spätsommerwärme, und Antoine. Sie konnten sich immer nur ein paar Minuten davon stehlen, manchmal eine Stunde. Die Gefahr entdeckt zu werden war groß, aber Tarn vergaß sie in diesen Momenten.

Viel wichtiger war der warme Körper unter ihm, der sich jeder seiner Berührungen entgegenstreckte. Antoine atmete schwer, die Lippen halb geöffnet, aber er blieb still. Jedes laute Geräusch hätte sie verraten können. Auch deshalb ließ Tarn seine Hand, die er um Antoines Glied geschlossen hatte, nur langsam auf und ab gleiten. Mit der anderen strich er über Antoines breiten Brustkorb, die Bauchmuskeln, die jetzt deutlich angespannt waren, und die Spur dunkelblonder Haare, die sich von dort bis hinunter zu seinem Becken zogen. Tarn beneidete ihn darum, genauso wie um seine kräftige Statur und seine muskulösen Arme. Er wirkte wie ein erwachsener Mann, und so wurde er auch behandelt, obwohl er gerade erst 18 Jahre alt geworden war. Schon jetzt wurde er von den anderen Bediensteten und den Dorfbewohnern geschätzt. Noch etwas, von dem Tarn nur träumen konnte.

Ob das anders gewesen wäre, wenn jemand Verdacht geschöpft hätte? Wenn die geflüsterten Gerüchte, die über Tarn kursierten, auch ihn einbezogen hätten? Vermutlich schon. Wahrscheinlich wäre Antoine dann nicht mehr der heimliche Schwarm so vieler Mädchen gewesen. Er hatte sich nie darüber beschwert, aber Tarn hatte sehr wohl gesehen, wie sie ihn aus der Ferne betrachteten. Pech für sie, dass der Mann ihrer Träume nichts für sie übrig hatte.
Der Gedanke trieb Tarn ein Grinsen ins Gesicht. Er durfte Antoine vielleicht nicht unverhohlen anhimmeln. Aber hier, in den wenigen Minuten, die sie allein waren, gehörte er ganz ihm. Tarn wusste, wie er selbst den stärksten Männern weiche Knie verschaffte.

Nirgendwo (BoyxBoy) - LeseprobeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt