NIN

31 4 4
                                        

Es war ein warmer Spätsommermorgen als nin verstummte. Nin sprach einfach nicht mehr. Schrie nicht mehr. Lachte nicht mehr. War einfach still. Anfangs kommunizierte nin noch. Über Zeichensprache und Geschriebenes. Doch dann wurde auch das weniger. Immer weniger. 

Schließlich existierte nin nur noch. Aß zwar noch, ging in die Schule und auf Toilette, aber nin gab keinen Laut mehr von sich. Nicht als wir nin kitzelten, was früher immer ein Lächeln auf nins Lippen gezaubert und häufig sogar ein seltenes befreites Lachen ausgelöst hatte. Nicht als wir nin leicht kniffen. Kein Beschweren, kein lautes Aufschreien. Nicht mal das leiseste Geräusch hörten wir. Nins Gesicht war ausdruckslos. Die sonst so lustvollen Augen fixierten keinen Punkt mehr. Sie waren leer.

Dann hörte nin auf aus dem Bett aufzustehen. Nin lag den ganzen Tag dort. Die offenen grauen Augen an die Decke starrend. Wir brachten nin jetzt das Essen hoch. Das Bett verlassen haben wir nin nicht gesehen - auch nicht, um auf Toilette zu gehen. 

Jeden Abend setzte ich mich zu nin ans Bett und erzählte von meinem Tag. Manchmal holte ich die Gitarre raus und sang nins Lieblingslieder. Ich habe keine Regung gesehen. Nur ganz manchmal, wenn ich besonders erschöpft war, haben nins Augen gezuckt. Einmal hat nin sogar meine Hand genommen. Das hatte nin noch nie gemacht. Es war meine Aufgabe nin zu trösten und besänftigen - nicht andersherum. An dem Abend als nin meine Hand genommen hatte, nahm ich nin in den Arm. Und nin nahm es hin. Sagte nichts. Beschwerte sich nicht, wand sich nicht raus wie sonst immer. Nin lag einfach still da.

Am nächsten Tag aß nin nichts mehr. Das Frühstück holten wir mittags unangetastet in die Küche und die Suppe aßen wir am Ende selber. Sie war kalt. Ab jetzt stand immer eine Schale mit nins Lieblingsschokokeksen am Bett - unangerührt. An einem Abend saß ich wieder bei nin und hörte ein Hörspiel, während ich strickte. Irgendwann hörte ich nicht mehr zu, sondern begann zu erzählen.

Ich erzählte von nin und meinen Abenteuern. Ich erzählte davon, wie wir ein Floß gebaut hatten. Es hatte ganze vier Personen getragen und nin und ich waren so stolz auf unsere Arbeit gewesen. Ich erzählte von unseren Paddeltouren in Schweden. Wie wir gesegelt waren im Kajak und ich die ganze Zeit Angst gehabt hatte, dass wir kentern würden. Wie wir Ronja und Birk gespielt hatten und über den Höllenschlund springen hatten müssen. Wie nin dann einmal dabei ins Wasser gefallen war und einfach gelacht hatte.
Ich erzählte von unserer Fahrradtour, wo wir komplett durchnässt bei einem Bauern geklingelt hatten und dieser uns in seiner Scheune hatte schlafen lassen. Wie wir dann morgens mit Kakao und Brötchen überrascht worden waren. Ich erzählte von der Liebe, der Wärme, die wir in dem Moment gespürt hatten. Eine Wärme, die leider bei viel zu vielen Menschen nicht zu spüren ist. Und kurz vor Mitternacht erzählte ich noch von unseren täglichen Yogafrühstunden während des Lockdowns, die leider viel zu oft ausgefallen waren, aber so viel positive Energie verbreitet hatten. Irgendwann bin ich neben nin eingeschlafen, den fast fertigen Pulli für nins Teddy neben mir.

Schließlich wachte nin nicht mehr auf. Nin schlief die ganze Zeit. Lag da im Bett wie die ganze Zeit schon. Nur waren die Augen jetzt geschlossen. Der Körper war kalt und abgemagert. Die Haut wirkte gräulich. Ich konnte nin nicht mehr ansehen. Die ganze Zeit hatte ich die glückliche laute Person vor Augen, die nin eins war. Die Person, der es so wichtig war den Geburtstag fünf Monate später zu feiern. Die Person, die aufgeregt aus der Schule kam und erzählte, was so passiert war. Die Person, die Schatzsuchen liebte und die eigene verpasst hatte. Es tat weh. Ich war ich um jeden Tag mit nin froh.

NINStories to obsess over. Discover now