Eine Stunde zuvor...
Ich saß noch immer an meinem Schreibtisch und klopfte mit dem Ende des Stiftes auf die harte Tischplatte.
Denk nach Enjolras.
Denk nach.
Mir fiel einfach nichts mehr ein... Ich wollte die anderen ja auch nicht jeden Tag mit dem selben Zeug nerven also stand ich auf und beließ es bei meinen bisherigen Notizen.
Dann merkte ich wie Bewegung in mein Nachbarzimmer kam. Ich runzelte die Stirn. Es war ungefähr 8 Uhr abends und die Sonne ging unter. Das konnte nur Marius sein.
Ich steckte meinen Kopf leicht aus der Tür und sah wie er sich gerade seinen besten Mantel umworf und leise zur Tür schlich. Ich grinste.
Ich wusste doch wie jemand aussah wenn er verliebt ist.
Als die Tür ins Schloss fiel, griff ich mir meine Taschenlampe, warf mir meinen roten Mantel um und folgte Marius dann leise.
Ich versuchte keinen Krach zu machen als ich ihn durch die ganze Stadt verfolgte aber das war fast schon zur Gewohnheit geworden.
Als Soldaten der Krone hatten wir gelernt, immer wachsam und vorallem vorsichtig vorzugehen, wenn wir jemanden auf den Fersen sind.
Und dieses Wissen wandte ich jetzt an. Marius nahm mit Absicht Umwege und kleine Gassen um zur großen Mauer zu kommen aber verlieren tat ich ihn trotzdem nicht.
Doch als ich auf einmal um eine Ecke bog war er verschwunden. Ich stand vor der großen schwarzen Mauer die sich gewaltig in den Himmel herhob und sah mich um.
Marius war weg.
Verschwunden, einfach so vom Erdboden verschluckt. Ich trat näher an die Mauer herein. Irgendwo hier musste es doch einen geheimen Eingang oder ein Schlüpfloch geben...
Ich hockte mich hin und robbte auf dem Boden herum. Doch dann hielt ich inne.
Stimmen.
Ich folgte einfach dem Klang von einer männlichen und einer weiblichen Stimme und dann...
Bingo.
Ich grinste und hatte endlich das Schlüpfloch gefunden.
Ich zerrte mich durch. Es war wohl nur für zierliche Frauen oder dünne Männer wie Marius geeignet.
Doch dann war ich auf der anderen Seite. Ich schliech mich leise vorran, die Taschenlampe noch nicht angeschaltet und lauschte den Stimmen noch immer. Ich war nun auf der anderen Seite, auf der verbotenen Seite wo die Mädchen lebten. Ich atmete tief durch. Ich war in einem Auftrag hier. Ich wollte Marius Pontmercy davon abbringen, sich mit einem Mädchen zu treffen und wenn er nicht einwilligen würde, dann müsste ich ihn und seine Freundin gleich mitfestnehmen.
Mittlerweile war es dunkel und ich blieb in einem Schatten stehen. Dann hörte ich einen Seufzer. Einen weiblichen. Ich schaltete meine Taschenlampe ruckartig an und sah dann in das Gesicht eines Mädchens.
Ihre braunen Augen waren aufgerissen vor Schreck und sie drückte sich gegen eine Wand. Ich konnte sehen wie schnell sich ihr Brustkorb hob und senkte. Ihre glänzenden braunen Haare umrahmten ihr schmalles Gesicht.
Sie war wunderschön.
Ich ertappte mich dabei, wie ich sie anstarrte und die Fragen die ich ihr stellte kamen nur automatisch raus. Ich hörte noch nicht mal meine eigenen Stimme, aber ihre... Ihre Stimme hallte in meinem Kopf wieder wie ein Glockenspiel. Sanft und warm zugleich verpasste sie mir Gänsehaut.
Nachdem sie mir geantwortet hatte, drehte ich mich einfach um und ging. Marius war vergessen... Ich war mit den Gedanken nur bei diesem Mädchen und ich konnte mir nicht erklären was gerade passiert war.
In diesem Moment wusste ich noch nicht, dass das der Anfang von etwas großem, etwas wunderschönen und zugleich schrecklichem war...