Jede Stadt hat ein Spukhaus, das alle Kinder meiden. Unseres war Thornhill, die Villa der Blossom-Familie mit einem eigenen Friedhof. Gefangen in den Mauern wie eine Gothikheldin lebte Cheryl Blossom und trauerte noch immer um ihren geliebten Bruder Jason. Im Tod genauso verbunden wie sie es im Leben waren. “So sah die Wand meines Dads vor der Verwüstung aus.“, sagte Kevin, während er Bilder und Zeitungsartikel an die Stellwand pinnte. Jemand war letzte Nacht bei Sheriff Keller eingebrochen und hatte das Büro völlig durcheinander gebracht.
“Irgendeine Spur, wer das war? Oder was er gesucht hat?“, fragte Jughead.
“Nein. Keine Fingerabdrücke. Aber einen Haufen Akten wurden gestohlen, Überprüfungsberichte und alle Video- und Tonaufzeichnungen der Polizeibefragung.“, erzählte Kevin uns. Mein Kopf richtete sich zur Tür, als Trev den Raum betrat.
“Hey, Sierra“, lächelte er.
“Trev, Hi.“, begrüßte ich ihn fröhlich.
“Sorry, ich wollte nicht stören, aber...“, begann er.
“Nein, ist schon okay. Wir sind nur... Wir arbeiten an...“, stammelte ich.
“Unserer Mordwand.“, beendete Jughead den Satz. Trev sah uns verdattert an. Ich atmete durch, nickte dann jedoch und lächelte. “Also, ich wollte nur sichergehen, naja, ob morgen noch steht?“, fragte Trev unsicher.
“Absolut, ja. Das Date steht.“ Ungläubig blickte Kevin mich an. “Ich meine, ich... ich werd da sein“, lachte ich. Trev strahlte.
“Okay, cool. Bis dann, wir sehen uns.“, verabschiedete er sich und ging.
“Oh, du hast ein Date mit Trev?“, fragte Kevin verwundert. “Weiß deine Mum davon?“
“Kev, ich bin keine fünf mehr.“ Kevin sah mich ungläubig an. “Sie ist bei einer Freundin außerhalb... Na jedenfalls ist das doch kein richtiges Date.“, sagte ich schnell.
“Du hast es gerade 'Date' genannt. Du hast gesagt, 'Das Date steht'.“, warf Jughead ein und zog eine Augenbraue nach oben.
“Das ist meine Tarnung, nichts weiter. Wirklich, es ist eine Informationsrecherchemission.“, erklärte ich ihm. “Wir konzentrieren uns auf das, zu dem wir Zugang haben und dein Dad nicht.“ Dabei blickte ich Kevin an. “Die Kids der Riverdale High. Vielleicht weiß Trev ja was über Jason, das er nicht für so wichtig hält.“
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“Sierra, du versprühst ja Funken wie Nicholas Sparks. Erzähl mir alles über diesen Trev.“, grinste Veronica, während wir auf der Tribüne Platz nahmen, um gemeinsam zu essen.
“Da gibt's nichts zu erzählen. Es ist nur eine von meinen Quellen. Es ist nichts Romantisches im Anmarsch.“, erklärte ich augenrollend.
“Wieso ist hier alles so schräg? Wieso ist ein Date nicht einfach ein Date? Was ist mit dir Archie? Wie ist das Leben in der NG-Welt?“ Archie sah fragend zu Veronica. “NG? Nach Grundy. Was, zu früh?“
Ich biss in mein Brötchen und sah Archie erwartungsvoll an.
“Coach Clayton sagt, ich könnte Kapitän des ersten Schulteams werden, also denke ich im Moment an nichts anderes, weißt du?“, erzählte er.
“Du wirst wieder langweilig.“, bemerkte Veronica und aß ihre Pommes mit Eleganz.
“Stürzt du dich vielleicht so ins Footballtraining, um deine Gefühle auszublenden, huh?“, fragte Betty fürsorglich.
“Ich blende gar nichts aus, Betty. Ich versuche mein Leben wieder in den Griff zu kriegen.“
“Und dabei kann ich helfen.“, kam es von Valerie, eines der Mitglieder der Pussycats. Strahlend setzte sie sich neben Archie. “Ich weiß, Miss Grundy hat dich unterrichtet.“
“Die Untertreibung des Jahres.“, murmelte ich leise.
“Es gibt da diesen unglaublichen Songwriter aus New York am Carson College. Gastdozent, ein super Mentor. Gibt nebenbei noch Unterricht, ich hab ihm von dir erzählt. Willst du ihn kennenlernen?“, erzählte Valerie.
“Ja, ja. Ich würd gern, aber das Footballtraining.“
“Nein, Archie kann und wird es tun.“, warf ich ein. Archie sah mich unsicher an.
“Ruf ihn an, wenn du willst, aber beeil dich. Die Plätze sind schnell belegt.“, sagte Valerie und steckte Archie einen Zettel zu. Dieser lächelte sie leicht an.
“Danke, Val.“ Valerie grinste und ging dann davon.
“Hey, jetzt hast du keine Ausrede mehr die Musik zu meiden.“, sagte ich, als sie weg war.
“Entschuldigt die Störung des traurigen Frühstücksclubs, aber ich möchte euch zu Jasons Trauerfeier am Wochenende auf Thornhill einladen.“, ertönte Cheryls Stimme. Jedem von uns reichte sie einen schwarzen Umschlag. Als sie ihn Veronica gab, schaute sie sie bösartig an. “Zu meinem Verdruss hatte dich Mutter auf die Gästeliste gesetzt. Falls du einen silbernen Kerzenständer stehlen willst, tu es nicht. Wir machen Taschenkontrollen.“ Etwas bedrückt schaute Veronica auf die Einladung.
“Hey, denk immer daran, sie beerdigt grad ihren Bruder.“, sagte Betty sanft.
“Ist trotzdem kein Grund so eine B-“, begann ich, doch Kevin schnitt mir das Wort ab.
“Nein, sprich es nicht aus. Sie könnte noch in der Nähe sein.“
Genervt verdrehte ich die Augen. “Gut.“, sagte ich selbstsicher und richtete mich auf. “Sie kann ruhig hören, was alle denken.“
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Ich traf mich mit Trev im Pop's. Zugegeben, es war nicht in Ordnung ihm etwas vorzumachen, aber es war ein guter Vorwand, um mit ihm alleine zu sprechen. “Ich find's echt toll, was ihr für Jason tut.“, sagte Trev.
“Ihr zwei wart zusammen im Wasserballteam. Wart ihr nicht ziemlich eng?“, fragte ich vorsichtig.
“Das bleibt aber unter uns, ja?“ Trev beugte sich etwas vor. “Nur weil ich mich irgendwie schuldig fühle.“
Ich nickte langsam. “Vor ein paar Monaten verhielt sich Jason so seltsam und geheimnisvoll.“
“Und weißt du, wieso?“, hakte ich nach.
“Ich dachte, es geht um Bettys Schwester, ehrlich gesagt. Sie waren ein paar Wochen zusammen, als er sich änderte.“
“Änderte? Inwiefern?“
“Wir haben nicht mehr zusammen rumgehangen. Er hat nicht mehr zurückgerufen und dann... fing er an alle Sachen zu verkaufen. Alles, was Geld brachte hat er verhökert. Dann hab ich gehört, er dealt mit Drogen.“ Verwirrt sah ich ihn an.
“Was für Drogen?“, fragte ich nach.
“Gras, Pillen, was auch immer. Ich kann's dir nicht mit Sicherheit sagen, da hat er nicht mehr mit mir geredet.“
“Und das alles fing an, nachdem Jason und Polly zusammen waren?“
Trev nickte. Ich atmete hörbar aus und lehnte mich zurück. Sobald ich hier weg kam, musste ich dringend mit Betty reden.
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“Betty, das tut mir leid. Das ist Hardcore.“, sagte ich, als sie mir am nächsten Morgen erzählte, dass ihre Schwester Polly nach einem Streit mit Jason völlig am Boden war. Im Badezimmer hatte sie sich versucht etwas anzutun, weshalb ihre Eltern sie weggeschickt hatten. Nachdem ich Betty angerufen hatte, hatte sie sofort mit ihrem Vater geredet. “Ich hab meinen Dad gefragt, ob ich Polly anrufen kann. Er hat gesagt, es geht ihr besser, aber als sie von Jasons Tod erfahren hatte, hatte sie einen schweren Rückfall. Er möchte nicht noch einen riskieren.“
“Wieso verkauft ein reiches Kind Drogen?“, fragte Jughead.
“Ich meine, er wollte von seiner Familie abhauen.“, warf ich ein.
“Ja, wahrscheinlich. Oder von Drogendealern.“ Jughead stand auf und lief im Raum auf und ab.
“Du meine Güte, wär das möglich?“, fragte Betty schockiert.
“Ist 'ne Theorie. Sierras ist wahrscheinlicher, aber wieso wollte er weg von Mommy und Daddy?“, fragte Jughead.
“Na, weil sie Monster sind.“, antwortete Betty. Nachdenklich schaute ich den Boden an.
“Ja, aber wieso ist die Frage...“, sagte ich und blickte die beiden an.
“Sie zu fragen geht ja wohl kaum.“, entgegnete Betty.
“Dann fragen wir Jason.“, sagte Jughead einfach.
“Denkst du vielleicht an eine Séance oder so?“, fragte Betty ungläubig.
“Nein. Ich glaube nicht, dass Tote reden können. Aber ihre Schlafzimmer.“ Wissend sah er uns an. “Ihre Häuser.“
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Am Samstagnachmittag machte ich mich für die Trauerfeier fertig. Ich zog mir gerade meine schwarze Stoffjacke über, als ich hinter mir Schritte wahrnahm. “Bereit, die Höhle des Löwen zu betreten?“ Erschrocken drehte ich mich um und sah in Jugheads Gesicht. Beeindruckt musterte ich seinen schwarzen Anzug. “Das war das beste, das ich hatte.“, entgegnete er peinlich berührt. Lachend ging ich nach unten. Jughead folgte mir ebenfalls lachend. Zusammen gingen wir nach Thornhill, wo die anderen schon auf uns warteten. Archie überreichte Mrs Blossom gerade Jasons Footballjacke, als ich mich hinsetzte. Als er sich neben Kevin setzte, lächelte ich ihn warm an. “Hat sie eben dein Haar angefasst?“, fragte Kevin ungläubig.
“Das war sehr nett, was du gemacht hast.“, sagte ich und legte Archie eine Hand auf die Schulter.
“Sie verdient es mehr als ich, denk ich.“
“Tage wie diese zeigen einem, was wirklich wichtig ist.“, sagte Veronica und nahm vor uns Platz. “Ich meine, immerhin sind wir hier. Und wir leben.“ Seufzend lehnte ich mich zurück, doch mein Blick blieb an Mr Blossom hängen, der mit Bettys Vater redete. Ich stupste Betty kurz an und deutete in seine Richtung. Irgendetwas war seltsam. Als die Musik ertönte, schritt Cheryl den Gang entlang. Sie trug ein weißes Kleid. Dasselbe Outfit, das sie am 4. Juli getragen hatte. Geschockt öffnete ich den Mund, doch schloss ihn schnell wieder. “Oh mein Gott.“, sprach Veronica. Kevin nickte.
“Ja.“
Cheryl stellte sich an das Podest und sah uns alle an.
“Willkommen auf Thornhill. Danke, dass ihr gekommen seid. Wenn ihr euch setzen würdet.“ Die meisten saßen schon, doch auch die letzten nahmen endlich Platz, wenn auch nur widerwillig. “Ich würde gern die Trauerfeier mit ein paar Worten über Jason beginnen.“
Mrs Blossom wollte gerade aufstehen, doch Veronica sah sie streng an. “Sie machen es nur noch schlimmer.“, sagte sie leise, also schwieg Cheryls Mutter und blickte nach vorne.
“Das letzte mal, als ich Jason sah, habe ich dieses Kleid getragen. Ich weiß, es ist unmöglich, aber ich schwöre, wenn ich es anziehe, dann hab ich das Gefühl, er wäre bei mir. Obwohl wir Zwillinge waren, wollte ich immer meine eigene Geburtstagsparty haben. Bis zu dem Jahr, als Jason mich davon überzeugte, dass wir zusammen feiern sollten. Erst Jahre später fand ich heraus, wieso. Es war, weil niemand zu meiner Feier kommen wollte. Und Jason wollte nicht, dass ich es erfahre. Er wollte mich beschützen. An jedem einzelnen Tag. Ich wünschte, ich hätte ihn an dem Tag am Fluss auch beschützt.“ Cheryl drehte sich weinend zu dem Sarg um. “Es tut mir so leid, JJ. Wir haben dich im Stich gelassen. Wir alle.“ Veronica ging nach vorne und schloss Cheryl in ihre Arme. Erst als Mrs Blossom anfing zu sprechen, wandte ich meinen Blick ab. “Es ist Zeit im Wintersalon Platz zu nehmen für ein leichtes Abendessen.“ Während alle durch die Räume liefen, schlichen Jughead, Betty und ich uns in Jasons Zimmer. Es war merkwürdig, da alles so aussah, als wäre er nie weg gewesen.
“Bild ich mir das ein oder ist die Temperatur gefallen wie in 'nem Horrorfilm?“, sagte ich und schluckte den Kloß hinunter, der sich in meinem Hals gebildet hatte.
“Das ist die Eiseskälte der Toten.“, entgegnete Jughead. Vorsichtig ging ich im Raum umher.
“Wo versteckt ein Teenagerjunge seine Sachen?“, fragte Betty unsicher.
“Unter der Matratze. Vielleicht in Schubladen, vielleicht oben im Regal oder so.“, sprach Jughead und begann zu suchen. Betty und ich fingen ebenfalls an den Raum zu begutachten.
“Hallo?“ Erschrocken wich ich zurück und erstarrte, als eine ältere Frau im Rollstuhl in der Ecke des Zimmers stand. Mein Puls beschleunigte sich automatisch.
“Es tut mir leid, wir wollten gerade wieder gehen.“, sagte Betty ruhig.
“Oh, du bist es. Wie wundervoll dich wiederzusehen. Komm doch näher. Ich möchte dich genauer ansehen, Kindchen. Das Grauen, das Grauen.“, sagte die Frau fröhlich und rollte auf uns zu. Als ich einen Schritt nach hinten machte, stieß ich gegen die Brust von Jughead, der sich nicht bewegte. Betty bewegte sich langsam auf die Frau zu. “Komm näher, Polly, Herzchen.“ Allmählich dämnerte es mir. Die Frau hielt Betty für ihre Schwester.
“Es... Es ist auch schön Sie wiederzusehen. Tut mir leid, dass es unter so furchtbaren Umständen ist.“, stammelte Betty.
Die Frau nahm Bettys Hände in ihre.
“Oh natürlich trägst du ihn nicht, zum Glück.“
“Was meinen Sie?“
“Den Ring, Polly. Dieser Ring ist in der Blossom-Familie schon seit Generationen. Trag ihn immer in Nähe deines Herzens, auf ewig. Aber erzähl nicht Penelope, dass ich ihn dir gegeben habe. Denn sonst wird sie kommen und ihn dir vom Finger reißen.“ Erschrocken wich Betty zurück.
“Werd ich nicht, ich versprech's.“, sagte Betty stotternd.
“Was für eine Schande. Eure Hochzeit war das letzte, wofür ich noch gelebt habe. Ich hab meinen Enkel verloren, aber du... Für dich ist es der Verlust der Liebe deines Lebens. Armes Kindchen.“
Betty erhob sich vom Bett und sah die Frau von oben an. “Entschuldigung, ich muss jetzt... Ich kann nicht.“ Schnell folgte ich Betty aus dem Raum. Ich wollte auch keine Sekunde länger bei der alten Frau bleiben.
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Jede Stadt hat ein Spukhaus, das alle Kinder meiden. Nach Jasons Beerdigung war es nur eine Frage der Zeit bis etwas Giftiges aufblühen würde. In dem langen kalten Schatten, den sein Tod vorauswarf. Was auch immer im nahrhaften, schwarzen Boden der Blossoms wuchs, es fand stets seinen Weg in die Stadt. Egal ob es Mord oder Liebe war. Ein Geheimnis oder eine Lüge.
“Sierra, ich hab das Gefühl, als ob ich meine Mum und meinen Dad nicht mehr kennen würde.“, begann Betty mit brüchiger Stimme.
“Betty, wenn die beiden gelogen haben, was Jason und Polly angeht, gibt's bestimmt noch mehr, über das sie gelogen haben.“, sagte ich vorsichtig.
“Was soll das heißen?“, fragte Betty mich.
“Dein Dad hat gesagt, er würde alles tun, um Polly zu beschützen. Also ist die nächste logische Frage, wie weit würde er gehen, um sie zu schützen?“ Ich nahm einen Stift in die Hand.
“Sierra... Wer auch immer in Sheriff Kellers Haus eingebrochen ist und die Beweise gestohlen hat, war auch nicht im Autokino.“, erklärte sie mir. “Mein Dad war nicht im Autokino.“
Ich reichte Betty den Zettel mit dem Namen ihrer Familie, welchen sie an die Stellwand pinnte.
“Wir müssen dringend mit Polly reden.“, sagte ich. Betty nickte langsam. Denn das mussten wir wirklich.