Es ist halb drei am Nachmittag.
Landen wird um drei hier sein und ich bin schon zum dritten Mal in sein zukünftiges Zimmer gelaufen, das bis auf den Kleiderschrank aus Eichenholz, den Meredith hiergelassen hat, leer ist.
Er wird hier einziehen. Das habe ich nach wie vor nicht wirklich realisiert.
Ungeduldig laufe ich zurück in mein eigenes Zimmer, das mittlere der drei. Landen wird vom Wohnzimmer aus das Linke beziehen, Rachels ist das Rechte.
In unserem kurzen Chat gestern Abend, habe ich Landen angeboten, dass er für die kommenden zwei Monate mein Schlafsofa haben kann, damit er sich nicht extra ein Bett kaufen muss. Außerdem wird er die Ersatzbettwäsche aus Ivys WG mitbringen, damit sollte für das Nötigste gesorgt sein.
Um meinen Fingern etwas zu tun zu geben, greife ich nach dem Spannbetttuch, das ich bereits auf die braune Couch in meinem Zimmer gelegt habe und falte es noch einmal neu. Das Ergebnis ist nicht gerade besser, aber wem gelingt es schon, Spannbettlaken ordentlich zusammen zu legen?
Da ich heute Abend noch zu meinem HIIT-Kurs muss, habe ich sogar schon meine Sporttasche gerichtet, dermaßen rastlos, bin ich, seit ich vor einer knappen Stunde nach Hause gekommen bin.
Zum bestimmt zehnten Mal in den letzten zwanzig Minuten checke ich mein Smartphone. Keine Nachricht von Landen, dafür eine Sprachnachricht von meiner Mum.
Stöhnend verdrehe ich die Augen, denn sie ist sechs Minuten lang. Nicht zum ersten Mal bereue ich, ihr diese Funktion gezeigt zu haben. Zwar ruft sie mich, seit sie Sprachnachrichten verschickt, nicht mehr so häufig unangekündigt an, aber jedes Mal, wenn ich ihre Nachrichten abhöre, wünschte ich, ich könnte sie in doppelter Geschwindigkeit abspielen. Meine Mutter spricht unglaublich langsam, wenn sie sich selbst aufnimmt.
Weil mir allerdings noch genug Zeit bleibt, tippe ich auf abspielen, während ich mich mit dem Rücken voran auf mein Bett fallen lasse, was ich aber schon im Flug bereue.
Kaum bin ich auf der Matratze aufgekommen, erstarre ich und schließe die Augen, während ich den Atem anhalte und Stoßgebete in den Himmel schicke, dass das Holzgestell nicht jeden Augenblick unter mir zusammenbricht.
Tatsächlich gibt es ein ungesundes Krachen von sich, doch es hält. Erleichtert lasse ich die angehaltene Luft aus meinen Lungen. Nur noch wenige Tage, dann wird mein neues Bett geliefert und ich muss mir nicht ständig Gedanken machen, dass der Lattenrost unter mir nachgibt.
Durch den kurzen Schockmoment habe ich den Anfang der Sprachnachricht verpasst, aber ich spule nicht zurück, denn meine Mum scheint mir ohnehin nur von ihrem Tag zu berichten, den sie mit Peter zusammen auf dem Golfplatz verbracht hat.
Ich hasse golfen. Es ist jedes Mal eine Tortur, wenn sie mich mitschleppen. Aber meine Mum liebt es und ihre glückliche Stimme zu hören, sorgt dafür, dass sich meine Mundwinkel ganz von allein nach oben bewegen.
Als sich meine Mutter verabschiedet, redet Peter dazwischen, um ihr zu sagen, dass sie mir Grüße ausrichten soll. Obwohl seine Worte laut und deutlich für mich zu hören gewesen sind, wiederholt meine Mutter die Grüße meines Stiefvaters, was mich laut auflachen lässt.
Schnell lasse ich meine Finger über mein Smartphone fliegen, um meiner Mum zu antworten. Dann gehe ich gleich noch auf den Chat mit meinem Dad und sende auch ihm eine Nachricht, obwohl er sich heute noch gar nicht bei mir gemeldet hat.
Ich mache das aus purer Gewohnheit. Wenn ich mit meiner Mum geschrieben habe, teile ich auch meinem Dad mit, was gerade in meinem Leben los ist und andersherum. Jedes Mal, wenn mich mein Vater anruft, klingle ich, nachdem ich aufgelegt habe, auch bei meiner Mutter durch.
So laufe ich nicht Gefahr, dem einen etwas zu erzählen, was ich dem anderen nicht gesagt habe. Denn damit habe ich in der Vergangenheit schon unabsichtlich die ein oder andere Streiterei ausgelöst und mit dieser Lösung fahre ich seit meinem Auszug ziemlich gut. Zumindest, sobald es nicht um meine seltenen und zeitlich begrenzten Heimatbesuche geht.
Diese zu planen, sind jedes Mal aufs Neue eine absolute Tortur.
Gerade, als ich die Nachricht an meinen Vater abgeschickt habe, klingelt es an der Wohnungstür und ich schrecke hoch, während ich die Uhrzeit auf meinem Smartphone checke. Landen ist zehn Minuten zu früh.
Mit klopfendem Herzen stemme ich mich in die Höhe, zupple an dem gelben Trainershirt, das ich für den heutigen Kurs zu meiner bordeauxfarbenen Sporttight trage und streiche noch einmal durch mein offenes Haar.
Bis mir klar wird, was ich da gerade mache. So verhalte ich mich normalerweise nicht und schon gar nicht wegen eines Kerls!
Ich bin Summer Bradley. Mir ist es absolut egal, was andere von mir denken. Um mir das selbst zu beweisen, recke ich das Kinn etwas in die Höhe, bevor ich, hoffentlich einigermaßen gelassen, die Wohnungstür öffne.
Eigentlich sollte ich dieses Mal auf Landens bernsteinfarbene Augen gefasst sein und auch auf die markanten Züge seines länglichen Gesichts, doch zum Teufel nochmal, es verschlägt mir trotzdem für einige Sekunden die Sprache.
„Hallo Summer.", begrüßt er mich und ein offenes Lächeln legt sich auf seine Lippen, das ich einen Moment zu spät zögerlich erwidere.
Reiß dich zusammen, Summer!
Auch meine Antwort kommt auffällig verspätet.
„Hey. Komm doch rein."
Ich trete ein Stück zur Seite und halte den Atem an, als Landen an mir vorbei in den Flur tritt. Trotzdem steigt mir der Duft seines Aftershaves und diese unverwechselbare Zimtnote in die Nase.
Genervt von mir selbst presse ich die Zähne aufeinander. Das kann doch nicht wahr sein, wie ist es möglich, dass mich ein Mann dermaßen aus dem Konzept bringt?
Normalerweise bin ich nicht diese schüchterne Version meiner selbst, die kaum den Mund aufbekommt. Ich bin offen, denke nicht darüber nach, was ich sage und stehe dahinter.
Doch in Landens Gegenwart werde ich nun schon zum wiederholten Mal zu einem eingeschüchterten Mädchen.
Höchste Zeit, dass das ein Ende hat!
„Also trautes Heim, Glück allein, oder wie auch immer, das heißt."
Ich klinge zwar nach wie vor etwas verkrampft, aber es wird besser. Landen zieht ganz vorbildlich seine Schuhe im Flur aus und stellt sie zu den zahlreichen Paaren, die Rachel und mir gehören.
Gedanklich setze ich einen Haken hinter Punkt Nummer Eins auf Rachels Das-ist-vollkommen-inakzeptabel-Liste. Schuhe in der Wohnung zu tragen, ist für meine Mitbewohnerin der absolute Horror. Prinzipiell unterstütze ich diese Meinung, aber sie hat mir doch tatsächlich in meinem ersten Monat hier einen halbstündigen Vortrag gehalten, weshalb das vollkommen unhygienisch und widerlich ist. Dabei bin ich nur schnell auf Zehenspitzen zurück in die Küche gelaufen, weil ich meinen Snack für die Uni dort vergessen habe.
Kaum hat Landen seine Schuhe aus, deute ich auch schon auf die Tür in meinem Rücken.
„Hier ist das Badezimmer und dort...", ich zeige auf die Tür neben unserer Garderobe. „... die Abstellkammer. Ich werde dir am besten erstmal alles im Schnelldurchlauf zeigen, bevor wir zu den Details übergehen."
Während ich spreche, drehe ich mich um und will schon in den Wohnraum weitergehen, als Landen mich plötzlich zurückhält.
„Warte, Summer."
Viel zu ruckartig wirble ich zu Landen herum und starre auf seine Finger, die sich sanft um mein Handgelenk geschlossen haben.
Seine Berührung brennt wie Feuer, aber auf eine angenehme Weise. Hart schluckend sehe ich zu ihm auf und runzle die Stirn, denn meiner Stimme traue ich gerade nicht wirklich.
Aber Landen starrt genauso wie ich auf seine Finger, als könne er selbst nicht glauben, dass sie zu ihm gehören. Vielleicht durchzuckt ihn ja auch das gleiche Kribbeln, das sich gerade meinen Arm hinaufarbeitet.
Doch gerade, als ich beginne das Gefühl zu genießen und mich nicht mehr dagegen zu wehren, lockert Landen mit einer abgehakten Bewegung, seinen Griff und führt die Hand zu seinem Kinn, über das er sich kurz streicht.
Sofort frage ich mich, wie sich seine Bartstoppeln wohl anfühlen, denn beim letzten Mal, als ich das hätte rausfinden können, muss er frisch rasiert gewesen sein.
„Ist das wirklich in Ordnung für dich?", fragt Landen schließlich.
Mein Gehirn arbeitet etwas langsam, weshalb ich einen Moment brauche, um zu begreifen, was er meint.
Langsam nicke ich.
„Ich meine es ernst, Summer. Wir hatten noch nicht die Gelegenheit, ähm...darüber... zu sprechen und jetzt ziehe ich hier ein. Du kannst einen Rückzieher machen, ich würde es dir nicht übelnehmen."
Schon wieder kann ich Landen erst einmal nur anstarren, während ich zwanghaft nach Worten suche.
„Es ist okay.", sage ich schließlich mit erstaunlich fester Stimme und ich meine auch, was ich ausgesprochen habe.
Klar wird es erst einmal komisch werden, aber es ist einfach die beste Lösung für uns alle und wir sind beide erwachsen.
„Ich meine, wir sind schließlich in Chicago beide davon ausgegangen, einander nie wieder zu sehen. Trotzdem ist plötzlich in State College vor dir zu stehen..."
Mit einem etwas zu hohen Auflachen suche ich nach Worten und wedle dabei unbewusst mit einer Hand.
„... ein ganz schöner Schock gewesen?", hilft mir Landen grinsend aus und ich stimme ihm lachend zu.
„Das kann man wohl sagen. Du hast wahrscheinlich auch nicht damit gerechnet, dass ich... naja..."
Wieder höre ich mitten im Satz auf zu sprechen.
Das mit in den Griff bekommen funktioniert ja großartig. Nicht.
„...du so jung bist? Absolut nicht. Ich meine, wenn ich gewusst hätte, dass du so alt wie meine kleine Schwester bist."
Landens Lachen wird lauter, während ich ihn nur mit offenem Mund anstarren kann. Dieses Mal hat er absolut nicht das gesagt, was ich im Sinn hat.
So sieht er mich also mittlerweile? Während ich ihn mir ständig nackt vorstelle und dabei, wie wir das wiederholen, was wir Ende September in Chicago getan haben, bin ich schlagartig vom Sexobjekt zu seiner kleinen Schwester geworden?
Das holt mich endgültig auf den Boden der Tatsachen zurück.
Ich stimme in sein Lachen mit ein, vielleicht eine Spur zu laut und zu gekünstelt. Aber Landen scheint das nicht weiter aufzufallen.
„Gut, jetzt, da wir das geklärt haben...", setze ich an und schnalze kurz mit der Zunge.
„... ich denke, wir machen am besten einen Schnelldurchlauf und dann gehen wir noch einmal die einzelnen Räume durch. Rachel hat da die ein oder andere Sache, auf die sie Wert legt und sowohl dein Leben als auch meines wird wesentlich einfacher, wenn du dich daranhältst."
Landen grinst mich schief an, als würde er darauf warten, dass ich meine Worte als Scherz abtue. Deshalb setze ich einen ernsten Ausdruck auf und füge rasch hinzu:
„Aus Erfahrung kann ich dir sagen, Verstöße bereut man sehr schnell."
„Verstanden."
Um seine Worte zu unterstreichen, reckt er beide Daumen in die Höhe.
„Also dann haben wir hier einmal Wohn- und Esszimmer mit Küche und hier drüben...", mache ich mit der Wohnungsbesichtigung rasch weiter, während mir Landen in den Wohnbereich folgt.
„... Rachels Zimmer...", ich deute von rechts der Reihe nach auf jede der drei Türen. „... meines und das wäre deins."
Landen folgt meinem ausgestreckten Finger, öffnet die angelehnte Tür und schaut sich kurz um, bevor er scheinbar zufrieden nickt.
„Sieht gemütlich aus.", murmelt er. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob er mit sich selbst oder mit mir spricht.
Gemütlich? Das Zimmer ist bis auf einen Kleiderschrank vollkommen leer!
„Dann bereit für Rachels Liste?"
Landen dreht sich mit hochgezogenen Brauen zu mir um. So richtig scheint er immer noch nicht einschätzen zu können, was ihn gleich erwarten wird. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass er mit allem rechnen wird, aber ganz sicher nicht mit dem, was er gleich von mir zu hören bekommt.
Wenn man Rachels WG-Regeln hört, bevor man sie kennengelernt hat, kann man sie durchaus für... nun ja... etwas durchgeknallt... halten.
Zugegeben, das habe ich auch, obwohl sie sich mir damals vor ihrem Vortrag vorgestellt hat. Aber mittlerweile habe ich sie und ihre kleinen Macken fast schon lieben gelernt.
Ich würde es in ihrer Gegenwart niemals zugeben, aber die ein oder andere Regel hat mich wahrscheinlich so nachhaltig geprägt, dass ich meiner Mitbewohnerin eines Tages dankbar sein werde, weil meine erste ganz eigene Wohnung allein aufgrund ihrer Erziehung nicht zum kompletten Saustall wird.
„Du machst mir echt ein bisschen Angst.", gesteht Landen und ich versuche mich an einem aufmunternden Lächeln.
„Ist halb so schlimm und man gewöhnt sich echt schnell daran."
Ich gehe auf ihn zu und lehne mich an den Rahmen seiner Zimmertür, während Landen weiter in den Raum gegangen ist und sich noch einmal rundherum umsieht.
„Gelüftet wird mindestens zwei Mal am Tag und ja, Rachel merkt es ganz genau, wenn du das nicht machst.", beginne ich und schiebe mit meinem rechten Zeigefinger den linken aus meiner Faust, weil ich mich leichter an alles erinnern kann, wenn ich mit den Händen mitzähle.
„Und ganz wichtig, wenn die Fenster auf sind, ist die Heizung aus. Musik hören im Zimmer ist okay, aber du machst dir das Leben leichter, wenn sie nicht zu laut ist und du dabei die Tür zu hast. Gleiches gilt für Homeworkouts."
Während ich spreche schiebe ich mit meinem rechten Zeigefinger auf noch Mittel- und Ringfinger der linken Hand nach vorne.
Für einen Moment tippe ich auf letzterem herum und denke angestrengt darüber nach, ob ich hier etwas vergessen habe. Aber in unseren eigenen Zimmern ist eigentlich nicht sonderlich viel zu beachten.
„Das sollte es für das Schlafzimmer gewesen sein.", komme ich schließlich zum Schluss und drehe mich zum Wohnzimmer um, wo ich gleich bei der Couch beginne und auf die zahlreichen Dekokissen zeige.
„Präg dir ganz genau ein, wie die da liegen, denn genauso muss das sein."
Mein Finger wandert weiter zu dem Glastisch, den wir vor dem Sofa stehen haben.
„Für Getränke liegen da unten Untersetzer. Die zu benutzen ist auch am Esstisch ein Muss. Essen auf der Couch ist immer so eine Sache. Wenn du es schaffst, dass Rachel nicht einen einzigen Krümel findet, geht das aber schon klar."
Ich gehe weiter an unserem Holztisch vorbei zur Küche und will gerade fortfahren, als ich merke, dass Landen mir gar nicht gefolgt ist.
Irritiert schaue ich mich um. Der Anblick, der sich mir dabei bietet, bringt mich zum Schmunzeln. Landen ahmt meine Bewegung von geradeeben nach und scheint gedankenverloren die einzelnen Punkte an den Fingern abzuzählen, während er stumm die Lippen bewegt.
Gerade, als er die Kissen auf der Couch fokussiert, schüttelt er den Kopf und wirft einen verzweifelten Blick in meine Richtung.
„Ich dachte, das mit der Liste wäre ein Witz gewesen.", stöhnt er. „Das muss ich mir definitiv alles aufschreiben."
Ein lautes Lachen entfährt mir, denn ich kann so gut nachempfinden, wie er sich gerade fühlt. Mir selbst ist es vor einem Jahr ähnlich gegangen und ich bin kurz davor gewesen, das Zimmer doch noch abzulehnen.
„Man gewöhnt sich wirklich schnell daran und Rachel ist auch gar nicht so unumgänglich, wie ihre Ansprüche klingen. Es braucht ein bisschen, bis man mit ihr warm wird, aber dann ist es eigentlich ganz entspannt."
„Entspannt, ja klar.", murmelt Landen vor sich hin, während er neben mich tritt.
Ich nehme das als Zeichen weiterzumachen.
„Die Küche: wir haben keine Fächer im Kühlschrank, also stell deine Sachen dahin, wo du Platz findest. Aber pass auf, dass du nichts vergisst. Verdorbene Lebensmittel im Kühlschrank kann Rachel überhaupt nicht ab. Lass kein dreckiges Geschirr herumstehen, wenn die Spülmaschine gerade läuft, dann spül es lieber per Hand. Herd und Arbeitsfläche sollten immer sauber sein, was auch für den Esstisch gilt und schmeiße niemals den Spüllappen unausgewaschen und zusammengeknüllt in die Spüle."
Als ich das sage, ergreift mich plötzlich ein Schaudern, weil ich mich an den Tag zurückerinnere, an dem ich nicht daran gedacht habe.
Mein Anblick sorgt dafür, dass Landen leise lacht, doch es klingt nicht ganz so befreit, wie es wahrscheinlich wäre, wenn er nicht Sorge hätte, dass ihm in den nächsten zwei Monaten das Gleiche passieren könnte.
„Ach und das Prinzip, wer es nicht mehr schafft zu stopfen, bringt den Müll raus, gilt hier nicht. Wenn der Mülleimer dir gerade einmal dreiviertel voll vorkommt, bring ihn lieber raus, denn das ist Rachels Definition von ausreichend gefüllt."
Wieder verharre ich einen Augenblick und lasse meine Augen schweifen. Ich hoffe wirklich, an alles gedacht zu haben.
„Dann ist da noch das Badezimmer...", fahre ich fort, gehe zurück in den Flur und öffne die Tür zu meiner rechten.
Unser Bad ist ziemlich groß und modern. Der Boden ist schwarz gefliest, die Dusche mit Glastür ist schön geräumig und wir haben den Luxus zwei Waschbecken und genug Platz für eine Waschmaschine zu haben.
„... hier gibt es mit Abstand am meisten zu beachten."
Ich werfe einen kurzen Blick über die Schulter und schaue erneut in Landens weit geöffnete Augen. Ihm scheint wahrscheinlich schon der Kopf zu rauchen.
„Der Toillettendeckel wird vor dem Spülen heruntergeklappt, denn von Rachel habe ich gelernt, dass an mindestens jeder zweiten Zahnbürste aus Gemeinschaftsbädern Fäkalkeime kleben. Was ich selbst auch ziemlich widerlich finde."
Landen lehnt sich gegen die Wand, verschränkt die Arme vor der Brust und schüttelt lachend den Kopf. Er scheint also über die Phase der Verzweiflung hinweg zu sein und es mit Humor zu nehmen.
Das ist genau die richtige Strategie, zumindest, wenn es nicht Rachel ist, die einem diese Liste herunterbetet. Als ich damals gelacht habe, hat sie mich nämlich mit ihrem perfektionierten Todesblick bedacht.
Noch lacht Landen, aber irgendwie freue ich mich fast schon darauf, das erste Mal mitzubekommen, wie Rachel ihn zur Schnecke macht.
„Die Glastür der Dusche trocknen wir jedes Mal direkt nach dem Duschen, damit sich kein Kalk dort absetzt und ich weiß ja nicht, wie deine Enthaarungsgewohnheiten so sind..."
„Jetzt tu mal nicht so. Und ob du das weißt.", unterbricht mich Landen sofort.
Mir klappt die Kinnlade nach unten, während ich in völlig überrumpelt anstarre.
Schlagartig werden meine Wangen heiß, weil meine Gedanken natürlich sofort zu dem Samstagnachmittag in Chicago zurückkehren und ich mich daran zu erinnern versuche, wie es um Landens Intimbehaarung gestanden hat. Tatsächlich habe ich nicht den blassesten Schimmer. Mir das zu merken, scheint im Rausch meiner Lust keine Priorität gehabt zu haben.
Ich brauche einen Moment, bis ich mich wieder gefangen habe, aber dann verenge ich die Augen zu Schlitzen und lasse seinen Einwurf unkommentiert.
„Wie dem auch sei...", kommen die Worte ziemlich energisch über meine Lippen. „... verstopfte Duschabflüsse werden hier als absolute Katastrophe angesehen, wenn du also das Gefühl hast, zu viel reingespült zu haben, kümmere dich frühzeitig darum. Direkt nach verstopften Abflüssen, kommen Bartstoppeln oder Zahnpastareste im Waschbecken. Bezüglich der Waschmaschine: samstags wäscht Rachel, leg dich da am besten nicht mit ihr an, sie braucht ihre Routine. Solltest du flüssig Waschmittel bevorzugen, achte darauf, dass du den Einfüller nicht damit verklebst. Deine Wäsche kannst du gerne hier trocknen, der Wäscheständer steht in der Abstellkammer, aber wenn deine Sachen trocken sind, häng sie sofort ab."
Ich bin selbst ein bisschen überrascht, als ich schlagartig verstumme. Aber tatsächlich fällt mir sonst nichts mehr ein.
Für Landen und mein Wohlbefinden hoffe ich wirklich, dass ich keinen Punkt vergessen habe.
„Noch irgendwelche Fragen?"
Ich breite die Arme aus und drehe mich auf den Fersen zu Landen um, der noch immer an der Wand lehnt.
„Wie lange gibst du mir, bis sie mich rausschmeißt?"
„Kommt drauf an, wie lange du die Luft anhalten und dich möglichst unsichtbar machen kannst."
Wir brechen beide gleichzeitig in schallendes Gelächter aus und ich habe das Gefühl, mich zum ersten Mal, seit er in State College aufgetaucht ist, in seiner Nähe wohl zu fühlen.
„Du bekommst das hin."
Landen nickt optimistisch, bevor er sich über das Kinn fährt.
„Ich bin da auch zuversichtlich. Das meiste ist ja nur ein bisschen verschärfte Intuition und ich habe schließlich jahrelang einen eigenen Haushalt geführt, mit der Zeit sieht man einige hygienische Dinge immer enger."
Er wirkt so unglaublich reif, als er das sagt und sich von der Wand abstützt, dass mir zum ersten Mal unser Altersunterschied so richtig bewusst wird. Denn mir ist es nach wie vor ziemlich egal, ob Geschirr in der Spüle herumsteht oder der Spüllappen ein Eigenleben entwickelt, weil ich ihn nicht ausgewaschen habe. Klar, ärgere ich mich, wenn ich im Nachhinein den Dreck wegmachen muss, aber diese Voraussicht fehlt mir oft und wären Rachels Regeln nicht, würde es hier ganz anders aussehen.
„Lass uns noch mein Schlafsofa in dein Zimmer bringen. Ich muss demnächst los zur Arbeit."
Ich kann Landen ansehen, dass er sich wirklich zusammenreißen muss, keinen blöden Kommentar von sich zu geben, als er das braune Teil sieht, aber schlussendlich scheint seine Dankbarkeit überhaupt eine Schlafmöglichkeit zu haben, zu überwiegen.
Außerdem wird er das olle Ding schon nach der ersten Nacht lieben lernen. Denn man schläft tatsächlich ziemlich gut darauf. Schon mehr als einmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, das alte Bett aus meinem Zimmer zu schmeißen und mit der Couch Vorlieb zu nehmen, bis mein Geburtstagsgeschenk hier ankommt.
Gemeinsam gelingt es uns besser, als ich erwartet habe, das Möbelstück in Landens Zimmer zu manövrieren, auch, wenn es Millimeterarbeit ist, die Couch durch die Türen zu bekommen.
Kaum haben wir das braune Ding abgestellt, lässt Landen sich ächzend darauf fallen. Ich kann ihm ansehen, dass das auch für ihn eine ganze Menge auf einmal gewesen ist und gönne ihm wirklich die Zeit, die er gleich allein in der Wohnung haben wird.
Doch gerade, als ich sein Zimmer verlassen und mich von ihm verabschieden will, fällt mir noch etwas ein.
„Deine Schlüssel hängen am Schlüsselboard im Flur und ähm... sollte Rachel vor mir nach Hause kommen... versuch dir keine Gedanken zu machen, wenn sie erstmal... schwierig ist. Sie wird schon noch auftauen."
Landen zieht die Augenbrauen in die Höhe und blickt mich zweifelnd an.
„Du tust ja fast schon so, als wäre ich ein Sozialkrüppel. Meinem Charme wird Rachel nicht widerstehen können. Ich werde schon klarkommen."
Für meinen Geschmack eine Spur zu selbstbewusst verschränkt Landen die Hände hinter dem Kopf.
Dieses Mal bin ich diejenige, die die Augenbrauen in die Höhe zieht.
„Wenn du das machst, stehst du schneller wieder mit deinem Koffer vor der Tür, als du Es war nicht so gemeint, sagen kannst. Rachel ist jedem männlichen Wesen gegenüber erst einmal skeptisch und gegen Charmebolzen, wie dich, ist sie allergisch."
„Ist notiert.", antwortet Landen und tippt sich gegen die Stirn.
Wieder halte ich im Herausgehen inne, denn mir fällt noch etwas ein, das ich vollkommen vergessen habe.
„Weshalb bist du eigentlich suspendiert worden?", frage ich, während ich mich zu Landen umdrehe.
Erst, als die Worte meinen Mund verlassen haben, wird mir bewusst, dass das unter Umständen ein sensibles Thema ist, über das Landen nicht unbedingt sprechen möchte.
„Rachel will es wissen. Ihre Bedingung für deinen Einzug war es, dass es nichts mit Drogen oder Diebstahl zu tun hatte.", füge ich deshalb schnell hinzu.
Doch zu meiner Überraschung legt sich ein freches Grinsen auf Landens Lippen, das mir die Knie weich werden lässt.
Als er schließlich den Mund öffnet, um mich aufzuklären, was passiert ist, lässt er meinen Blick nicht mit seinen Augen los. Erst, als die Informationen auf mich einprasseln, wird mir bewusst, dass er unbedingt genau meine Reaktion auf seine Offenbarung hat sehen wollen.
„Ich hatte bei einer Firmenfeier Sex mit einem anderen Piloten im Büro eines Vorstandsmitglieds. Jemand hat uns dabei gefilmt und es an die ganze Belegschaft verschickt."
Ich will wirklich nicht, dass das passiert, doch die Bilder sind schlagartig in meinem Kopf.
Oh. Mein. Gott.
Es existiert ein Sexvideo von ihm. Mit einem anderen Kerl. Mit einem anderen Piloten.
Schlagartig ist mein Mund staubtrocken, während dieses Prickeln durch meinen Körper schießt, das sich bereits Montagabend breit gemacht hat, als ich Landen mit dem anderen Kerl habe flirten sehen.
Dieses Mal sammelt es sich an einem ganz bestimmten Punkt in meinem Unterleib, was beinahe dazu führt, dass ich aufwimmere.
Kann es sein, dass ich das ziemlich... heiß... finde?!
Ungläubig betrachte ich Landen. Obwohl das eigentlich etwas ist, für das sich bestimmt neunzig Prozent der Menschen, die ich kenne, schämen würden, scheint es ihm absolut nichts auszumachen, dass ein Sexfilmchen von ihm herumgeht. Das Einzige, was er sehr zu bedauern scheint ist, welche Folgen dieser Vorfall für ihn hat.
Die Art, wie er sich vorhin in dem leeren Zimmer umgesehen hat, ist eindeutig gewesen.
„Das sollten wir Rachel auf gar keinen Fall erzählen!", quieke ich schließlich viel zu schrill, während ich die Flucht ergreife.
Ich bin mir sicher, es keine Sekunde länger in diesem Zimmer aushalten zu können, denn die Luft zwischen Landen und mir beginnt plötzlich wieder wie wild zu knistern.
„Wir können uns das Video auch gemeinsam anschauen. Die Rundmail habe ich noch.", ruft Landen mir lachend hinterher.
Ohne ihm zu antworten schnappe ich mir meine Sporttasche und eile aus der Wohnung. Dabei versuche ich angestrengt, mir nicht einzugestehen, was auf der Hand liegt und was Landen definitiv bemerkt hat.
Mir würde dieses Filmchen wahrscheinlich gefallen.
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Weil es mich brennend interessiert: lebt wer von euch in einer WG bzw könnte sich vorstellen, nach Rachels Regeln zu leben?
Bei ein paar der Dingen, bin ich tatsächlich Rachel in meiner WG (auch wenn ich meine Kritik eher freundlich verpacke :D).
Vor allem, wenn es um den oben gelassenen Toilettendeckel im Bad oder die seit einer Woche trockene Wäsche geht, die noch immer auf dem Wäscheständer hängt... auf nicht ausgewaschene Spüllappen, reagiere ich auch ziemlich allergisch *würg*
Bei anderen Dingen, muss ich mich aber auch selbst an die Nase packen: Ich hasse es, den Müll rauszubringen und vergesse es ständig! Ich komme aus einer Familie, bei der derjenige verliert, der nicht mehr stopfen kann :D
Gibt es Dinge, die euch in eurer WG super nerven oder auch zuhause?
Ich finde das immer spannend, wie es bei anderen so ist :)