Als Hera an diesem Morgen erwachte, hörte sie deutlich das Stapfen von Füßen draußen auf dem Flur. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es noch recht früh war und sie fragte sich schon ein wenig, warum bereits jetzt so viel Treiben auf ihrem Schiff herrschte – zumal sonst sie meist diejenige war, die diese Aufgabe übernahm.
Von ihrer Neugierde angetrieben, stand sie auf und zog sich rasch an, ehe sie ihr Zimmer verließ, um zu sehen, was es damit auf sich hatte. Lange musste sie auch nicht suchen, denn Kanan lief ihr beinahe in die Arme. Scheinbar war er der unruhige Geist, den sie gehört hatte.
„Du bist wach", stellte er fest.
„Dir auch einen guten Morgen", erwiderte Hera lächelnd, „Was machst du denn hier?"
Ein feines Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, doch anstatt ihre Frage zu beantworten, zuckte er bloß mit den Schultern. Dabei wäre diese Geheimnistuerei gar nicht nötig, um Heras Interesse zu wecken, da dies schon längst geschehen war.
„Muss ich mir Sorgen machen, was für Schabernack du auf meinem Schiff treibst?", fragte sie also nach.
„Keine Angst, ich habe keinen Unsinn im Kopf. Aber du wirst dich gedulden müssen, bis die Kids wach sind. Es ist eine Sache, die alle betrifft." Es hätte ernst klingen können, wenn da nicht dieses gewisse Funkeln in seinen blauen Augen gewesen wäre, das Hera verriet, dass er etwas ausheckte. Doch wenn er ihr versicherte keinen Unsinn zu bauen, glaubte sie ihm mal. Immerhin war es etwas früh, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
„Wenn das so ist... dann gehe ich mal in die Küche und mache mir erstmal einen Kaff", entschied Hera und gab sich somit geschlagen. Wenn er sich diese Überraschung zurechtgelegt hatte, wollte sie es sicher nicht kaputt machen.
„Ich würde dir ja etwas von dem anbieten, den ich vorhin gemacht habe, aber ich fürchte der dürfte inzwischen kalt sein", überlegte Kanan.
Das veranlasste Hera doch dazu ihren Gang in die Küche einen Moment aufzuschieben. „Wie lange bist du denn schon wach?", wollte sie wissen.
„Ein paar Stunden", antwortete Kanan, „Immerhin musste ich alles vorbereiten! Aber das ist halb so wild."
Hera wunderte sich hauptsächlich, dass sie davon nichts mitbekommen hatte, aber scheinbar hatte Kanan sich wirklich Mühe gegeben, ruhig zu sein. Für einen Jedi wohl eine leichte Übung, dennoch war sie auf dem Schiff eher anderes gewohnt. „Also ich wäre auch bereit dir etwas abzugeben, wenn ich neuen mache." Sie lächelte ihn offen an, was dazu führte, dass er auch ohne Kaff ein ganzes Stück munterer zu werden schien.
„Das Angebot nehme ich gerne an", entschied er und begleitete sie somit in die Küche.
Dort verbrachten die beiden auch noch eine gewisse Zeit, da es etwas dauerte, bis nach und nach auch der Rest der Crew aufwachte. Auch wenn Hera neugierig war, wollte sie ihrer Crew jede Minute Schlaf gönnen, die sie kriegen konnten. Immerhin gab es genug Tage, an denen sie stundenlang für eine Mission unterwegs waren oder sich den Kopf über ernste Sachen zerbrechen mussten.
Eigentlich hatte sie auch heute noch ein paar Dinge abarbeiten wollen, aber sie wollte Kanans Pläne nicht durchkreuzen – wie auch immer diese nun genau aussehen mochten – und hielt sich daher bisher zurück. Außerdem konnte auch sie sich eingestehen, dass es zur Abwechslung mal ganz guttat, den Tag langsam anzugehen und so genoss sie auch die Zeit, in der sie zusammen mit Kanan darauf wartete, dass die Besatzung langsam munter wurde.
Nach und nach trudelten alle in der Küche ein und irgendwann waren sie tatsächlich endlich komplett. Bis dahin hatte sich herumgesprochen, dass Kanan etwas ausheckte und andere Leute waren bei weitem nicht so gut darin ihre Neugierde zu verbergen, wie Hera.
„Kannst du uns nicht wenigstens einen Hinweis geben?", fragte Ezra und klang dabei fast schon verzweifelt.
Doch Kanan schüttelte stur den Kopf. Vielleicht ließ er sich gerade wegen der Unruhe seines Padawans besonders viel Zeit, um seinen Kaff auszutrinken. Es ähnelte also fast schon einer Jedi-Geduldsprobe, bloß dass alle anderen irgendwie auch mit drinsteckten.
„Nicht einmal einen kleinen?", harkte Ezra weiter nach.
„Ich denke, wenn dem so wäre, hätte er schon längst etwas gesagt", wandte Sabine ein, die Kanan aber selbst so anschaute, als überlegte sie, auf welchem Wege sie die Informationen aus dem Jedi herauskriegen könnte.
Schließlich trank Kanan endlich den letzten Schluck aus seiner Tasse, vielleicht auch um nicht noch länger gelöchert zu werden. „Gehen wir in den Gemeinschaftsraum", schlug er vor. In der Küche war es für sie alle zusammen doch ein wenig eng.
Also versammelten sie sich auf und um das Sofa und warteten gespannt eine Erklärung ab. Selbst Chopper schien interessiert, was genau nun eigentlich vor sich ging und gesellte sich zu ihnen.
Als Kanan ansetzte zu sprechen, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus: „Ich habe mir eine Kleinigkeit ausgedacht. Schon länger darüber nachgedacht, ehrlich gesagt. Bei all den Missionen dachte ich mir, könnten wir einen Tag gebrauchen, an dem wir uns mal nicht über das Imperium den Kopf zerbrechen und stattdessen mit etwas anderem beschäftigt sind. Da habe ich mich an eine alte Tradition erinnert, die im Jeditempel durchgeführt wurde. Mir ist natürlich bewusst, dass wir nicht alle Jedi sind, aber ich hielt es für eine nette Idee."
Hera war nun doch wirklich überrascht. Sie wusste nicht, was sie sich vorgestellt hatte, was hinter seinem ominösen Verhalten stecken sollte, aber damit hatte sie wohl eher nicht gerechnet. Doch sie gab zu, dass es nach einer schönen Idee klang.
„Und was genau soll das für eine Tradition sein?", harkte Zeb verwundert nach.
„Ich bin froh, dass du fragst!", erwiderte Kanan. Sollte es den anderen nicht gefallen, schien zumindest er Freude daran zu empfinden. Womöglich lag es an dem melancholischen Wert eine alte Jeditradition wiederaufleben zu lassen. Nun griff er in seine Tasche und zog ein schwarzes Band aus seiner Hosentasche heraus. „Ich habe auf dem Schiff diese Bänder verteilt, in verschiedenen Farben. Jede Farbe ist einem von euch zugeordnet – wem welche zusteht, findet ihr schon heraus", begann er zu erklären und band das schwarze Band an Chopper. Der Droide setzte zu einem schwachen Protest an, war dann aber doch zu neugierig, um den Jedi abzuweisen.
„Und dann?", wollte Ezra ungeduldig wissen.
„Und dann könnt ihr euch auf die Suche begeben", antwortete Kanan.
Sabine runzelte die Stirn. „Auf die Suche wonach?"
„So genau kann ich es nicht verraten, das würde ja den ganzen Spaß verderben", erwiderte Kanan und blieb damit seiner heutigen Traditionslinie treu, indem er nicht zu viel über seine Pläne verriet.
„Wir sollen also danach suchen gehen?", fasste Zeb noch einmal zusammen, der sichergehen wollte, dass er auch verstanden hatte, was Kanan von ihnen wollte.
„Ganz genau", stimmte er ihm geduldig zu.
„Wenn das so ist...", murmelte Sabine und Ezra hielt sich nicht mehr länger auf seinem Sitzplatz.
„Dann sollten wir besser loslegen!", entschied der junge Padawan. Er war aber bei weitem nicht als einziger begeistert von der Idee. Chopper fuhr sofort los, auch wenn er sonst so oft versuchte Kanan zu ignorieren und Zeb und Sabine zeigten es vielleicht nicht ganz so sehr wie Ezra, waren selbst aber nun auch sehr neugierig und interessiert.
Somit löste sich ihre kleine Gemeinschaft auch schon wieder auf, jeder zog los, um sich auf die Suche zu begeben, nur Hera blieb sitzen und schaute ihnen nach.
Kanan setzte sich neben sie. „Ich hoffe das fällt nicht unter Schabernack treiben."
„Nein, du bist gerade so noch davongekommen", zog sie ihn auf, „Und ihr habt sowas wirklich im Tempel damals gemacht?" Sehr viel erzählte er von seiner Zeit dort nicht und sie hatte zu viel Respekt, um nachzuhaken. Aber nun fand sie, dass das Terrain sicher genug war und ihre Neugierde war geweckt.
Kanan nickte bestätigend. „Sicher nicht ständig. Immerhin hatten auch dort immer alle etwas zu tun. Vielleicht wurde diese Tradition also aus demselben Grund eingeführt... wenn ich heute darüber nachdenke war es wohl eine gute Gelegenheit den Alltagstrott etwas aufzulockern, auch wenn ich diese Seite als Jüngling nicht so gesehen habe."
„Und dann habt ihr genau was gemacht? Ging es nur darum durch den Tempel zu rennen und nach den Bändern zu suchen?", fragte Hera weiter.
„Es war damals wohl etwas komplexer, aber es geht nicht ausschließlich um die Suche. Am Ende findet man ja auch etwas. Für die Padawane haben sich ihre Meister persönlich etwas überlegt, bei den Jünglingen... bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher. Vielleicht hat der Rat sich dafür zusammengetan oder so...", überlegte Kanan. Er hatte es damals wirklich nicht genug hinterfragt. „Jedenfalls hat jeder am Ende etwas anderes gefunden. Im Tempel waren es im Grunde meistens auch Lektionen irgendwie... Irgendetwas, das mit den Jedi in irgendeiner Weise in Verbindung stand. Da ich davon ausgegangen bin, dass nicht einmal mein Padawan daran großes Interesse finden würde, habe ich nun größtenteils auf etwas eher Materielles zurückgegriffen."
„Mit anderen Worten, du hast ihnen richtige Geschenke besorgt", erwiderte Hera.
„So wäre es einfach ausgedrückt, ja", stimmte Kanan ihr zu.
„Ich finde es schön, dass du dir etwas überlegt hast, auch wenn es nicht ganz so wie im Tempel ist", warf sie nun lobend ein. Vielleicht hatte er ja recht und es war wirklich genau das was sie mal gebrauchen konnten.
Kanan schmunzelte. „Ich würde mal behaupten ich bin ohnehin nicht der traditionellste Jedi, also kommt es auf diese kleine Änderung wohl auch nicht mehr an."
„Ich finde du hast ganz schön viel von den alten Jedi", warf Hera ein und meinte es durchaus als Kompliment. Ja, er hatte sich vielleicht ein paar Eigenarten angeeignet, die nicht so recht in das traditionelle Bild passten, aber er hatte all diese Lektionen aus dem Tempel verinnerlicht und wenn es drauf ankam, dann war er durch und durch Jedi, man sah es nur nicht immer.
„Wie viele alte Jedi kanntest du denn?", fragte Kanan nun amüsiert nach.
„Erwischt, nicht viele. Mit Ahsoka und dir sind es immerhin zwei und ich habe meinem Vater ja doch ab und zu zugehört, wenn er über die Klonkriege und die Unterstützung der Jedi gesprochen hat", hielt Hera dagegen.
„Dann mache ich also trotzdem einen ziemlich großen Teil aus, ist es da nicht normal, dass ich deiner Meinung eines Jedi entspreche?", schlug Kanan vor.
„Ich wollte dir nur ein Kompliment machen, aber wenn du es nicht willst, nehme ich es zurück", erklärte Hera abwinkend.
„Okay, okay! Ich gebe mich geschlagen!", warf er da schnell ein, was ihm ein amüsiertes Augenrollen von seiner Freundin einbrachte, mit dem er jedoch recht zufrieden schien.
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Eine alte Tradition
FanfictionIn einer Rebellion mitzumischen ist viel Arbeit und verlangt den Rebellen einiges ab. Doch zum Glück hat Kanan einen Einfall, um seiner Crew einen ruhigen Tag der Ablenkung zu bescheren, damit keiner den Verstand verlieren muss! Dazu lässt er eine a...
