Kapitel 1 - Die Ankunft

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Ich renne. Ich renne schnell, sehr schnell. Jemand ist hinter mir und verfolgt mich. Er sieht aus wie ein Verbrecher, aber er ist gleichzeitig zu klein für ein Verbrecher. Ist er ein normaler Jugendlicher wie ich? Wenn ja wieso verfolgt er mich nun schon durch halb Hamburg? Ich bin am Bahnhof doch einfach nur ausgestiegen und auf einmal war der Typ da. Ich hab noch nicht mal die geringste Ahnung, was er von mir wollte. Juckt wahrscheinlich auch keinen. Nun, er verfolgt mich immernoch. Ich rase durch eine Hausecke und bin erstmal in Sicherheit. Denke ich zumindest, denn einige Sekunden später steht er direkt vor mir. „Du hast ein ganz schönes Tempo drauf.“, spricht er keuchend und stützt seine Arme auf seinen Beinen ab. Er klingt nicht, wie ein Junge. Oder er hat den Stimmbruch einfach noch nicht hinter sich, man weiß nie. „Was willst du von mir?“, frage ich direkt und verschrenke meine Arme vor der Brust. „Bist du irgendwie blind oder so? Hast du echt keine Ahnung wer ich bin?“, fragt er mich, als wäre er eine Katze, die einfach nicht zuhört. Ich rolle genervt mit den Augen. „Du verfolgst mich durch ganz Hamburg und sagst MIR ich wäre dumm? Sag ma tickst du noch ganz sauber?“, rufe ich wahrscheinlich so laut, dass mich jeder im Umkreis eines halben Kilometers hören musste. „Finja! Finja wach auf!“, drang es von weit entfernt an mein Ohr. Verträumt schlage ich meine Augen auf und sehe mich um. ‚Nur ein Traum, es war nur ein Traum..‘, versuchte ich mir in Gedanken einzureden, aber ein wenig mulmig war mir doch zumute. „Was ist?“, krächze ich den Jungen neben mir an. „Du hörst dich ja lustig an. Wir müssen bald los, Finja. Unser Zug nach Hamburg wartet auf uns.“, erklärt Finn, mein bester Freund und hebt grinsend unsere Taschen hoch. „Sag mal. Wie kannst du so stark sein und ich nicht? Ich meine wir sind doch nicht umsonst beste Freunde, oder?“, frage ich ihn leicht verwirrt, als er beide Taschen (vollgepackt mit allem möglichen und wahrscheinlich ziemlich schwer) in eine Hand nimmt und sie ohne mit der Wimper zu zucken hochhält. Finn lässt unsere Taschen mit einem RUMPS auf den Boden fallen und zuckt unbeeindruckt mit seinen Schultern. Ich lache. „Wann fährt unser Zug nochmal?“, fragte ich verschlafen. „Ich dachte du bist diejenige, die unbedingt nach Hamburg fahren wollte. Ich komm nur mit, weil ich muss.“, beschwerte er sich nun zum zehnten Mal in zwei Tagen. „Finn, die Sache ist ganz einfach. Ich treffe meinen Freund und bin daher aufgeregt. Und du bist der mit den Zugtickets, also bist auch du derjenige, der die Zeit im Blick hat. Ist doch logisch“, ich grinse ihn an und trotte gemächlich zu meinem Kleiderschrank, aus dem ich mir eine kuschelige warme Hose nehme, gehe dann zu Finns Rucksack und schnappe mir einen kuscheligen Pulli von ihm. Ich lasse ihn etwas verwirrt im Zimmer stehen und marschierte erhobenen Hauptes zum Badezimmer. Ich schlüpfe in Finns viel zu großen Pulli, der definitiv gemütlich ist und in meine dunkelblaue Jeans und sehe mich mit geglätteten Haaren zufrieden im Spiegel an. ‚Ob Lucas damit einverstanden ist, wenn ich von meinem besten Freund den Pulli trage? Naja, er wird schon nix dagegen haben‘ denke ich zumindest.. Und hoffe es, denn dieser Pulli könnte zu einer Decke mutieren, so flauschig wie er ist. Zufrieden schlendere ich aus dem Bad zu Finn und präsentiere mich. „Ernsthaft? So willst du deinen Freund treffen?“, fragt er ungläubig und mustert mich von oben bis unten. „Wieso nicht? Und außerdem wartet jetzt erstmal sieben Stunden zugfahren auf uns.“, erkläre ich und grinse ihn an. Er rollt nur genervt mit den Augen, nimmt unsere Rucksäcke auf seine Schultern, als wären sie aus purer Watte, und geht mit mir im Schlepptau zum Bahnhof von Worms.

Sind in 7 Stunden bei dir. Bis dann! ❤️

Tippe ich die Nachricht in mein Handy und schicke sie an Lucas.
„Du spinnst doch“, wirft Finn ein, als wir im Zug sitzen und ich zum gefühlt tausenden Mal frage wann wir endlich da sind. „Ich spinne nicht, ich bin aufgeregt“, entgegne ich ein wenig angepisst und seh aus dem Fenster. Meine Sicht wird aber leider bald von einem Tunnel verdeckt und zack war der Druck in meinen Ohren wieder zu spüren, den ich immer bekam, wenn wir durch einen Tunnel fuhren. Mein bester Freund zieht eine Augenbraue hoch und mustert mich, als ich da sitze, einen Finger in meinem Ohr versenkt, den Mund immer wieder öffnend um irgendwie den Druck wieder los zu werden. „Was machst du da, Finja?“, fragt er mich dann. „Ich versuche diesen verdammten Druck aus meinen Ohren zu bekommen. Und du so?“, erklär ich. Er lacht. „Du machst es so nur schlimmer. Ist dir schon bewusst, oder?“ „Lass mich doch einfach irgendwas tun, dann bin ich weniger aufgeregt.“ Finn lacht „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass das funktioniert, oder? Also wenn ich du wäre würde ich um mich abzulenken entweder ein Buch lesen oder mit deinem besten Freund reden, dem gerade ziemlich langweilig ist.“ Ich denke nach. Wahrscheinlich bilden sich gerade Falten auf meiner Stirn, was so gut wie immer passiert, wenn ich lange über etwas nachdenke. Aber es soll mir egal sein, ich sitze hier in einem Zug nach Hamburg mit meinem besten Freund und der kennt mich besser als sonst irgendwer. „Okay, Gesprächsthema?!“, frage ich belustigt und sehe meinem besten Freund in seine himmelblauen Augen. „Keine Ahnung. Du bist die mit der Aufregung. Fang ein Thema an!“, entgegnet er grinsend. „Hmh. Na gut.“, antworte ich und denke noch mal eine Minute nach. „Du warst also noch nie wirklich in Hamburg?“, frage ich dann. Finn schüttelt den Kopf. „Nein, aber du ja sicherlich. Gibt es etwas, das wir uns ansehen müssen bevor wir in den Zug zu Lucas fahren?“ „Ja, Schokoladenmuseum, highlight“, grinse ich, „Dort habe ich vor einigen Jahren meine eigene Schokolade gemacht, das war toll!“, schwärme ich und meine Gedanken driften ab in die Zeit in Hamburg mit meinen Freunden. „Du willst dich mit Schokolade voll stopfen? Können wir das nicht auch morgen machen?“, meckert er. Ich nicke „Klar, ansonsten gehen wir zu meinem Lieblingsdenkmal, nicht sehr weit vom Bahnhof entfernt“, erkläre ich. „Wehe du lügst. Ich bin jetzt schon ziemlich k.o vom Zugfahren“, sagt Finn und so ganz verübeln kann ich es ihm nicht, schließlich bin ich auch müde geworden. Ich versichere ihm, dass wenn wir in Hamburg sind sofort in den Zug zu Lucas steigen und keinen großen Abstecher machen. „Aber vorher müssen wir wenigstens zu McDonalds im Bahnhof, der ist erstens richtig toll und zweitens bekomme ich Hunger“, lache ich. Finn nickt amüsiert.
Einige Stunden später hält unser Zug endlich in Hamburg. Wie versprochen machen wir tatsächlich einen Abstecher zum McDonalds. Finn holt sich zwei Cheeseburger, einen McFlurry, eine Packung XL Chickennuggets und für uns beide eine XL Packung Pommes. Ich bestelle mir einen einfachen Fischburger, gebe mich damit zufrieden und wir machen uns zusammen auf dem Weg zu unserem Gleis von dem aus unser nächster Zug fährt. „Sag mal wie kannst du so viel essen?“, frage ich verwirrt, als Finn seine beiden Cheeseburger und seinen McFlurry bereits verputzt hatte und ich immer noch auf meinem Fischburger rumkaue. „Ich habe eben mehr Muskeln, die Nahrung brauchen, als du, Finja. Ist doch ganz klar!“, lacht er und schiebt sich den halben McFlurry in den Mund. Ich verdrehe die Augen, esse meinen Burger fertig und widme mich zufrieden den Pommes zu. „Finger weg! Meins!“, protestiert Finn, als ich mit 5 Pommes aus der Packung genommen hatte. „Du hast das doch für uns beide bestellt“, lache ich und nehme mir erneut eine Pommes. „Unser Zug kommt“, sagt er dann, nickt Richtung Schienen und packt die Chickennuggets und Pommes in die Tüte zurück. Wir nehmen unsere Rucksäcke und steigen in den Zug ein. Anstatt mich zu setzen laufe ich nervös auf und ab. „Alter, kannst du dich mal bitte setzen? Das nervt“, murrt er und schaut mir genervt mein Laufen zu. „Aber ich bin aufgeregt.“, entgegne ich. „Jetzt setz dich hin und iss Pommes! Er wird sich freuen dich zu sehen. Sonst wäre es komisch, wenn ihr zusammen seid“, sagt er und tippt mit der Hand auf den Platz neben sich. Geschlagen setze ich mich und schnappe mir die Packung mit den Pommes. Zufrieden, dass er mich beruhigen konnte, widmet Finn sich seinen Chickennuggets und sieht immer wieder ab und zu zu mir, aus dem Fenster, dann zu seinem Essen und dann wieder zu mir. „Was ist?“, frag ich ihn unruhig, als mir dieses komische ‚im Blick behalten’ zu gruselig wird. „Ich frag mich nur wieso du so aufgeregt bist. Ich meine nur, er ist doch dein Freund und ihr habt bis jetzt jeden Tag telefoniert und jetzt wo du ihn endlich sehen darfst schiebst du Panik?“ „Wärst du nicht auch aufgeregt, wenn du jemanden, den du sehr magst lange nicht siehst und endlich zu ihm kannst?“ „Ne, wieso sollte ich auch?“ „Richtig, du bist ja Finn“, Zicke ich etwas und ernte daraufhin einen genervten Blick. „Ich schreib Lucas, dass wir gleich da sind“, erkläre ich und zücke mein Handy. „Wieso sagst du mir das?“, fragt Finn verwirrt und starrt mit mir auf mein Display. „Ich hab das zu mir selbst gesagt, du Idiot“, entgegne ich.
Ich: Sind jetzt in Hamburg in den Zug gestiegen, also gleich bei dir.
Lucas: Okay, freue mich schon!

„Süß, wie du ihn eingespeichert hast“, zieht mich Finn schon wieder auf. „Halt die Fresse und iss dein Essen“, lache ich und starre an ihm vorbei aus dem Fenster. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und ich werde immer nervöser. „Hey, es wird schon alles gut gehen“, beruhigt mich Finn, als er meine Nervosität sieht. „Ja, vielleicht.. Ich denke nur die ganze Zeit was ist, wenn ich ihn doch nicht so toll finde, wenn ich ihn sehe?“ „Wird schon nicht so kommen. Sein Charakter ist doch der selbe und du liebst ihn, also“, sagt er und legt behutsam einen Arm um mich. Ich nicke.

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⏰ Last updated: Oct 28, 2020 ⏰

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Ein Wochenende in HamburgWhere stories live. Discover now