Teil 1 (Louis)

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Als ich meine Augen aufschlug, war ich nicht mehr in meinem Zimmer. Stattdessen fand ich mich in einem finsteren, unbekannten Wald wieder. Die kalte, feuchte Erde klebte an meiner Haut, meine Hände und Füße waren brutal festgebunden, und ein widerlicher Klebestreifen presste sich auf meine Lippen. Panik breitete sich in mir aus. Großartig, dachte ich bitter. Entführt. Als ob mein Leben nicht schon chaotisch genug wäre.

Erst sterben meine Eltern bei einem verdammten Autounfall, und dann werde ich gezwungen, bei meinem Onkel Hans zu leben – dem letzten lebenden Verwandten, den ich habe. Ich hasse ihn. Er ist ein kaltherziger, mürrischer Typ, bei dem jeder Atemzug wie ein Vorwurf klingt. Und dann war da die neue Schule. Klar, es gab dort ein paar nette Typen, aber irgendwie schien ich nie wirklich Anschluss zu finden. Stattdessen wurde ich ständig von Mädchen angestarrt, die mir Komplimente machten, die ich nicht verstand. „So gut sehe ich doch gar nicht aus“, dachte ich jedes Mal. Und dann immer diese nervige Frage: „Bist du mit einem Popstar verwandt?“ Chaos. Mein ganzes Leben war ein einziges Durcheinander.

Doch jetzt? Jetzt war es die Hölle.

Ich hörte plötzlich Schritte, die sich mir näherten. Mein Herz raste. War das meine Rettung? Ein Freund? Jemand, der mir helfen konnte? Hoffnung keimte auf, doch sie zerplatzte wie eine Seifenblase, als ich die kalte, spöttische Stimme hörte.

„Zappel nicht so rum, du tust dir nur weh.“

Die Stimme gehörte einem jungen Mann, vielleicht Mitte zwanzig. Seine Augen musterten mich mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Langeweile, während er lässig die Arme vor der Brust verschränkte.

„Ich werde dir nichts tun. Noch nicht jedenfalls“, fügte er grinsend hinzu. „Der Boss hat es mir nicht erlaubt.“

Der Boss? Also steckte tatsächlich jemand anderes hinter all dem. Doch wer? Ich zerbrach mir den Kopf. Wer würde so etwas tun? Ich war kein reicher Erbe, kein Gangster, kein Geheimagent. Nichts an meinem Leben schien Entführungsmaterial.

Ich war so tief in meinen Gedanken, dass ich fast nicht bemerkte, dass der Typ etwas zu mir sagte. Erst als er gereizt meinen Namen – oder was er für meinen Namen hielt – rief, schreckte ich hoch.

„Willst du was trinken, Alexander?“ fragte er genervt.

Alexander? Wer zum Teufel war Alexander? Doch mein Durst war so überwältigend, dass ich instinktiv nickte. Der Mann kniete sich vor mich, riss mir das klebrige Tape von den Lippen – die Haut brannte wie Feuer –, und hielt mir eine Wasserflasche an den Mund. Die kühle Flüssigkeit war ein Segen, und ich trank hastig, bis er mir die Flasche abrupt wegnahm und wieder zuschraubte.

„Mach keinen Ärger“, sagte er, bevor er sich zurücklehnte. „Der Boss bezahlt mich gut, aber Babysitting ist echt nicht mein Ding.“

Babysitting? Er war also nicht mein eigentlicher Entführer – nur ein Handlanger. Irgendein armseliger Idiot, der für ein paar Scheine Menschen fesselt und überwacht. Trotzdem spürte ich, wie Wut in mir aufstieg.

„Hör zu“, begann ich vorsichtig, „ich bin nicht Alexander. Du hast den Falschen.“

Seine Augen blitzten auf, und für einen Moment dachte ich, er würde mir zuhören. Doch stattdessen verzog sich sein Gesicht zu einem selbstgefälligen Grinsen.

„Ist mir egal“, knurrte er, bevor er mir ohne Vorwarnung wieder das Tape auf den Mund klebte.

„Das war dumm von dir“, sagte er, richtete sich auf und klopfte sich den Dreck von den Hosen. „Ich habe keine Lust auf Diskussionen.“

Und dann ließ er mich einfach zurück.

Die Dunkelheit schien mich zu verschlingen. Wie lange ich so da saß, wusste ich nicht, doch irgendwann schlossen sich meine Augen, und der Erschöpfung erlag ich. Doch die Nacht war nicht leise. Irgendwo in der Ferne schien sich etwas zu bewegen. Ob es mein Entführer war? Oder etwas weitaus Schlimmeres?

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