Der Protest

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15. August 1974

"Wenn wir das durchziehen, kann uns keiner mehr im Weg stehen." Paulas Blick durchdrang beinahe meine Skepsis. "Nicht einmal Thomas." Sie lachte laut auf. So hatte sie seit Monaten nicht mehr gelacht.


23. Mai 1973

Der Klang weckte in mir lang zurückliegende Erinnerungen. Paula und ich auf einer Parkbank, während sie sich ein Bündel Eiswürfel auf ihr bläulich geschwollenes Auge drückte. Trotz der Schmerzen oder vielleicht auch gerade deswegen. Es war damals nicht der erste Vorfall dieser Art gewesen. Verlassen hatte sie Thomas dennoch nicht. Ihr Lachen hatte mich damals überrascht, so laut und befreit. Die Blicke der verwunderten Passanten hatten mich ebenfalls in unkontrolliertes Gelächter ausbrechen lassen.


15. August 1974

Als ich Paula wieder auf dieselbe Art lachen hörte, begrub der Klang all meine Zweifel wie eine Welle, die zerbrochene Teile eines Schiffwracks hinfortspült. Die schwüle Sommerluft wurde von energischen Hupgeräuschen durchbrochen. Als wir uns beide umwandten, kam Svens dunkelblauer Ford Taunus gerade zu einem Halt. Er ließ seinen Wagen am Straßenrand stehen und joggte zu uns herüber. Seine Stirn glänzte vor Schweiß und die Flugblätter in seiner Hand drohten ihm wegzurutschen. Beinahe wäre er mit der Kellnerin zusammengestoßen, die gerade unsere Kaffeetassen einsammelte. "Verdammt, tut mir leid." Es war unklar, ob er sich bei uns oder der Kellnerin entschuldigen wollte. Diese hatte sich bereits mit verärgerter Miene abgewandt. Sven war spät dran. Er ließ die Flugblätter vor uns auf den Tisch fallen. "Hier ist der Rest, alle anderen sind über die letzte Woche verteilt worden." Er setzte sich auf den freien Platz neben mir und legte mir den arm um die Schultern. Stille kehrte zwischen uns ein. Sven versuchte seine Angespanntheit zu verbergen, doch sie entging mir nicht. Ich lehnte mich an ihn. Als meine Augen Paulas Blick begegneten, lächelten wir uns kurz zu. Trotz allem, waren wir überzeugt davon, heute Nachmittag ein kleines Stück Geschichte mitschreiben zu können.


23. Mai 1973

Was als flüchtiger Gedanke begonnen hatte, war über das vergangene Jahr zu etwas unvorstellbar Großem geworden. Oder zumindest war es uns damals als unvorstellbar erschienen. Nachdem die Eiswürfel für Paulas Auge zu kleinen Klümpchen geschmolzen waren und unser gemeinsames Lachen zu vereinzelten Tränen abgeebbt war, hatten wir uns allmählich wieder gesammelt. Was würde passieren, wenn man die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen könnte? Würde das etwas an der bestehenden Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen ändern? Von dem Tag an hatten wir zu mobilisieren begonnen. Inzwischen waren auch Männer wie Sven unserer Gruppe beigetreten und die Anzahl an protestbereiten Leuten war stetig gewachsen. Wir trafen uns mindestens einmal im Monat, mittlerweile sogar in kleineren Untergruppen, um nicht schon vorher Aufsehen zu erregen. Allerdings waren wir auch mit hasserfüllten Gegnern unseres Anliegens konfrontiert. Dennoch hatten wir die letzten Wochen unseren Mitgliedern über deutlich betont, dass die Bewegung stets frei von Gewalt bleiben müsse.


15. August 1974

Auf einmal versteifte sich Paulas Körperhaltung. Ich hob meinen Kopf von Svens Schulter und drehte mich um. Rollkragenpullover im Sommer, zu viel Pomade in den hellen Haaren und ein ärgerlich verkniffener Mund. Thomas überquerte mit schnellen Schritten die Straße, achtete nicht auf den Gegenverkehr. Sven sprang auf, als sich Thomas näherte. "Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du dich nicht mit denen abgeben sollst, verdammt nochmal?!" Paulas vorheriger Optimismus schien verflogen. Sie murmelte etwas Entschuldigendes. Entschlossen stellte sich Sven zwischen Paula und Thomas. Als Thomas auf Sven einschlagen wollte, wich dieser einen Schritt zurück und warf mir seinen Autoschlüssel für den Ford zu. Unsere Blicke trafen sich für einen kurzen Augenblick. Damit war alles gesagt. Thomas stürzte sich auf Sven, der diesem erneut geschmeidig auswich. Paula hatte sich währenddessen nicht von der Stelle gerührt. Ich zog sie sanft am Arm und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Demonstration. Als wir eintrafen, bereitete sich vor uns ein Meer von Schildern und Bannern aus, rote Parolen auf weißem Untergrund. Langsam setzte sich die Menge in Bewegung.

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ES WURDE ZEIT.


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