Prolog

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Ich sah in das mit Sommersprossen überzogene Gesicht meiner besten Freundin und konnte immer noch nicht fassen, dass wir das hier gerade taten. Und obwohl es einfach zu lächerlich war, spürte ich doch aufkeimende Aufregung in meinem Bauch.

>>Du glaubst doch nicht wirklich, dass das funktioniert oder? <<, gab Tamara ihre Bedenken offen zu.

>>Nicht mal annähernd wird das klappen, aber auch wenn wir schon alt und grau sind, werden wir uns an diesen Moment erinnern und über uns lachen<<

>>Ja, damit hast du wahrscheinlich ins Schwarze getroffen, also willst du zuerst oder soll ich?<<, fragend schaute sie mich an.

Ich dachte darüber nach, was ich auf das weiße Stück Papier, verpackt in einen roten Umschlag, geschrieben habe. Meine tiefsten Gedanken, Ängste und Träume offenbarte ich, und für wen?

Meine angebliche große Liebe, die man durch diesen Baum finden soll? Ganz schön absurd, wenn man mich fragt. Ich meine, die Briefe lesen sich bestimmt die ganzen Perverslinge durch, die sich durch den Gedanken aufgeilen wollen, dass Frauen die Briefe teilweise aus Verzweiflung in den Baum gelegt haben. Sie hatten es allmählich satt immer auf Vollidioten zu treffen und sahen diesen Ort hier als letzte Möglichkeit, ihre große Liebe zu finden. Solche Frauen tun mir wirklich leid und deshalb bin ich umso erleichterter, dass wir hier nicht aufgrund von Verzweiflung stehen, sondern einfach aus Spaß und Neugier. Zumindest hat Tamara das so formuliert. Ich für meinen Teil habe diese Gelegenheit genutzt, um mich besser zu fühlen. Um Sachen aufzuschreiben, die mich innerlich auffressen und keinem erzählen kann. Der Gedanke daran, ein Fremder liest meinen Brief, ist irgendwie ein schönes Gefühl, denn dann weiß ich, dass ich nicht allein bin. Zugleich ist es aber auch ein aufregendes Gefühl- was wird dieser Mensch wohl über mich denken? Es würde da draußen jemanden geben, der meine dunkelste Seite kennt und trotzdem keine Ahnung hat, wer ich bin oder wie ich aussehe. Es ist diese gewisse Anonymität, die mich reizt, diesen Umschlag in den Baum zu werfen und dafür sorgt, dass Adrenalin  in meine Blutlaufbahn gerät.

Ein Räuspern lässt meinen Blick nach links gleiten und ich weiß, dass ich Tamara noch antworten muss.

>>Wir können es doch auch einfach gemeinsam tun<<, schlug ich vor.

Tamara nickte euphorisch und wir gingen auf den Baum zu.

>>Bist du bereit? <<, fragte sie mich mit wackelnden Augenbrauen.

>>Mit dir zu jeder Zeit<<, lächelte ich und es war wirklich so. Tamara war diese eine Person im Leben, mit der ich alles tun würde, egal wie gefährlich, aufregend oder wie jetzt, lächerlich es auch sein mag. Zwar hatte sie keine Ahnung, welche furchtbaren Dinge in diesem Brief über mich standen, aber ich weiß, dass Tamara die letzte Person auf der Welt sein würde, die mich verurteilt oder schräg anguckt.

Wir sahen uns in die Augen und steuerten gleichzeitig mit unserem Brief in der Hand das Loch im Baum an, bis man nur hören konnte, wie sie hinab fielen. Zu den anderen. Es ist wirklich faszinierend, wie viele Frauen wohl schon hierhergekommen sind und genau das gleiche getan haben wie wir.

>>Und wie fühlst du dich, jetzt da es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann dein Prince Charming hier auftaucht? <<, kicherte sie mir ins Ohr.

>>Das musst du gerade sagen. Du hoffst insgeheim doch wirklich, dass das hier funktioniert und hast mich nur gefragt, um das nicht alleine machen zu müssen<<, mit einer hochgezogenen Augenbraue sah ich ihr leicht errötetest Gesicht und wusste, dass ich absolut recht hatte.

>>Und ich danke dir auch so sehr liebste Lia, dass du dich mit mir hier zum Trottel gemacht und diesen Brief geschrieben hast, obwohl du felsenfest davon überzeugt bist, dass sowas nur in Filmen passiert<<, mit ihrem Welpenblick guckte sie mir ins Gesicht und zog einen Schmollmund, woraufhin ich mir mein Lachen verkneifen musste.

>>Du etwa nicht? <<, gespielt überrascht schaute ich zu ihr rüber, während wir uns auf den Heimweg machten. Ich kannte meine beste Freundin nur allzu gut, um zu wissen, dass sie der Gruppe der hoffnungslosen Romantiker angehört.

>>Naja eigentlich schon, aber stell dir doch mal vor, du erzählst deinen Kindern davon, wie du ihren Vater kennengelernt hast und beschreibst ihnen genau diesen Moment, der alles verändert hat, als du diesen Brief in den Baum geworfen hast. Das wäre einfach herzzerreißend<<, träumerisch beobachtete sie die Wolken am Himmel und seufzte. Ich dachte daran, dass ich mir früher immer Kinder gewünscht habe, mir ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen konnte, aber jetzt- ist nun mal vieles anders.

>>Du solltest aufhören so viele Liebesschnulzen anzusehen, das ist wirklich nicht mehr gesund<<, riet ich ihr ehrlich, denn dann würde sie die Realität, in der wir hier leben, nicht so sehr enttäuschen.

>>Und du solltest dir lieber deinen Pessimismus abgewöhnen, bevor du suizidgefährdet wirst und beim Seelenklempner landest<<, schoss sie zurück und traf mich genau.

Mitten ins Herz.

Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, denn ich weiß, dass Tamara das scherzhaft meinte und nie so etwas sagen würde, wenn sie wüsste, was vor ungefähr einem Jahr passiert ist.

>> Wie oft soll ich dir noch erklären, dass ich eine Realistin bin? <<, rechtfertigte ich mich und verdrehte dabei die Augen. Manchmal glaube ich, dass Tamara nicht mal den Unterschied kennt.

>>Jaja, ich bin jedenfalls gespannt, ob es klappen wird<<

>>Und ich erst<<, gab ich ironisch zurück, hatte jedoch nicht die geringste Ahnung, was noch alles auf mich zukommen würde.

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