~First~

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Unsanft wurde Shu aus seinem Schlaf gerissen. Er roch etwas. Oder wohl eher jemanden. Ein Mädchen. Dieser Geruch… er kannte ihn. Und er dachte, er würde ihm nie wieder in die Nase steigen. Es war mindestens drei Jahre her, seit er diesen Geruch das letzte Mal wahrgenommen hatte. Mit einem Ruck riss er sich die Kopfhörer aus den Ohren und lauschte. Federleichte Schritte waren aus der Empfangshalle zu hören. Sie waren schwerer als früher, dennoch machte sie kaum ein Geräusch, als sie langsam zur Treppe schritt und ihren Fuß auf die unterste Stufe setzte. Nach kurzem Zögern richtete er sich auf und teleportierte sich in in den Salon, wie Reiji ihn nannte. Dort warteten bereit seine Brüder. Alle samt. Sie sahen sich an, alle mit dem selben, verwirrten Gesichtsausdruck. Und sie alle waren besorgt. Yui schaute unruhig von einem zum anderen. Keiner hatte ihr gesagt, was los war. Und Shu würde sich auch ganz sicher nicht die Mühe dazu machen. Das war sie nicht wert. Sein Atem stockte kurz als das Mädchen nun auf die schwere Holztür zu lief. Ohne zu zögern trafen ihre Hände das Holz und stemmten sich dagegen. Die Tür schwang auf und das Mädchen, welches ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, stand im Türrahmen. Mit einem breiten Grinsen. Shu hatte sich nicht hingelegt. Das wollte er nicht. Er wollte eine genaue Sicht auf das Mädchen haben. Er scannte sie komplett ab. Vom Haaransatz bis zur Fußsohle. Sie war gewachsen, ungefähr sechs oder sieben Zentimeter. Sie war jetzt sogar größer als Kanato. Ihre Haare waren etwas dunkler geworden. Doch der Rest… er war geblieben, wie er war. Das blond ging jetzt eher in Gold über, doch ihre strahlend blauen Augen sahen ihn immer noch an, wie vor diesen drei Jahren. Die Form ihres Gesichts war immer noch herzförmig. Ihre Nase hatte immer noch eine klitzekleine Neigung nach rechts. Sie war so klein, dass ein Mensch sie nie sehen könnte. Ihre Haut war immer noch blass und sie steckte in etwas reiferen Klamotten. Eine schwarze Skinny Jeans betonte ihre Beine und zu Shu's Missmut sah man ganz deutlich ihre Hüftknochen hervor stechen. Das weinrote Oberteil sah man kaum, da sie ihre Jacke, die ebenfalls schwarz war, mit unter ihre Brust geschlossen hatte. Na schön.. da war noch eine Veränderung. Ihr Busen. Der war deutlich gewachsen. Die Schuhe waren schlichte Sneaker. Keine Ringe oder Ketten. Nichts an Schmuck war zu sehen. Und sie lächelte immer noch. Er konnte immer noch nicht glauben, dass sie wirklich hier war. Das einzige Mädchen, der einzige Mensch, das einzige Lebewesen, dass ihn verstand. Und das er wirklich gern hatte. Tief atmete er ein, genoss das leichte Brennen in seiner Kehle, dass der Geruch ihres Blutes auslöste. Und er hörte es. Ihr Herz. Dieses… dieses Geräusch war für ihn das wichtigste. Es zeigte ihm, dass dieses Mädchen noch lebte. Das sie noch da war. Shu glaubte nicht an Gott, doch er betete, dass dieses Herz niemals aufhören würde zu schlagen. Es war das Wichtigste in seinem Leben. Und das Wichtigste im Leben seiner Brüder.

                                                    Limara's Sicht

Grinsend stand ich im Türrahmen und starrte die Brüder vor mir an. Und sie starrten zurück. Ich kannte sie gut genug um zu wissen, was sie dachten. Sie suchten nach Verletzungen, nach neuen Narben oder nach Veränderungen, die schlecht sein könnten. Doch fanden sie nichts. Es ging mir gut. Ich hatte sie drei Jahre nicht gesehen. Nicht mehr, seit ihr Arsch von einem Vater mich gefunden und dann aus ihrem Leben verbannt hatte. Es war echt furchtbar anstrengend gewesen nach Japan zurück zu kehren. Doch das war es wert. Auf jeden Fall.
„Hi Jungs.“ flötete ich und musste beinahe Lachen, wie sie alle beim Klang meiner Stimme zusammen zuckten. Für Vampire war Zeit etwas so viel anderes, denn drei Jahre war für sie ein Wimpernschlag. Wenn es nicht um etwas ging, was ihnen furchtbar wichtig war. Dann nahmen sie die Zeit so war, wie sie war. Manchmal kam sie ihnen sogar länger vor. Und ich wusste, dass ich ihnen wichtig. Das mein schlagendes Herz das wichtigste Geräusch in ihrem Leben war, da es ihnen signalisierte, dass ich am Leben war. Vampire und ihre seltsame Symbolik! Das ist genau so wie mit dem Töten. Für Vampire war es der größte Liebesbeweis, jemanden zu töten. Ich wirklich eine gefühlte Ewigkeit gebraucht, ihnen klar zu machen, dass das für Menschen nicht galt.
Ich hatte es nicht gesehen. Nur den Windhauch gespürt. Und dann spürte ich eine kalte Brust, gegen die ich gedrückt wurde. Ich erkannte sofort, wer es war. Ayato. Ohne zu zögern schlang ich die Arme um ihn und drückte ihn an mich.
„Du hast mir gefehlt, Lima.“ flüsterte in mein Ohr. Ich schloss die Augen voller Genuss.
„Ich hab dich auch vermisst, Ayato. Und ich geh' nicht mehr weg. Nicht freiwillig. Das schwöre ich bei meinem Herzschlag.“ flüsterte ich zurück, wohl wissend, dass jeder von ihnen mich hören konnte.
Kaum hatte sich Ayato von mir gelöst, wurde ich am Handgelenk gepackt und weggezogen. Ich prallte gegen Subaru's Brust und schloss automatisch meine Arme um ihn. Sein einer Arm lag an meiner Taille, der andere stütze meinen Kopf. Als hätte er angst, mein Genick würde brechen, wenn er es nicht hielte. Dann trafen mich Shu's Arme, gefolgt von Laito's. Dann drückte Kanato mich an sich und ich wunderte mich doch, dass ich einfach so über seinen Kopf gucken konnte. Als er mich los ließ stand Reiji vor mir. Ich sah den Widerwillen in seinen Augen. Er war kein großer Umarmer, dass war keiner von ihnen. Doch das lag bei ihm daran, dass wirklich nie jemand ihn umarmt hatte. Nie. Und deswegen tat er sich schwer damit. Also setzte ich einen Schritt vor, schlang die Arme um ihn und vergrub mein Gesicht an seiner Brust. Zögerlich legte er mir seine Arme um die Schulter und ich musste lächeln, als er sich hinunter beugte und seine Lippen auf meinen Scheitel setzte.
Als wir uns von einander trennte, viel auf einmal auf, dass noch jemand anders im Raum war. Ich war so beschäftigt mit den Jungs gewesen, dass ich das blonde Mädchen gar nicht gesehen hatte. Ziemlich dumm von mir eigentlich. Schließlich stand sie genau dort, wo eben noch Ayato gestanden hatte. Nur… was mich am meisten wunderte, war, dass sie völlig geschockt aussah.
„Äh… Hi.“ sagte ich lahm und winkte ihr zu. Als sie nichts sagte, verzog Ayato neben mir wütend das Gesicht.
„Antworte ihr gefälligst, Flachbrust!“ Flachbrust, ehrlich? Ihr Busen war kaum kleiner als mein eigener, vielleicht ein halbes Körbchen oder so. Ich zog eine Augenbraue hoch.
„Ähm… Verzeihung. Ich… ich bin Yui Komori.“ stotterte sie und ließ ihren Blick auf meine Füße schweifen. Aha, das war dann vermutlich die Opferbraut. Ich seufzte leicht. Dann ging ich auf sie zu, legte eine Hand auf ihre Schulter. Verwundert hob sie den Kopf.
„Ich bin Limara Sylan. Deine Vorgängerin.“ jetzt sah sie noch geschockter aus, sah wie wild zwischen den Brüdern und mir hin und her und ich sah förmlich, dass ihr Schädel vor Fragen zu platzen drohte.
„Nun sag schon. Was willst du wisse. Und bitte,“ ich machte eine kurze Pause.
„Eine Frage nach der Anderen. Ich kann keine zehn Fragen gleichzeitig beantworten.“ Sie sah mich immer noch völlig verstört an, schielte zu Ayato rüber. Und ihr Blick wurde ängstlich.
„Ich..“ setzte sie an. Doch ich unterbrach sie.
„Schon gut. Du musst mich nichts fragen, wenn du denkst, dass sie dir dann weh tun.“ Ich konnte sie schließlich nicht dazu zwingen, etwas zu sagen, was ihr Tod sein könnte. Und ich konnte die Jungs auch nicht bitten, sie in Ruhe zu lassen. Denn sie waren, und würden immer Vampire sein. Und die waren nun mal Sadisten. Damit hatte ich mich schon vor langer Zeit abgefunden. Und ich hatte sie damals schon gebeten, einer Person nichts anzutun. Und sie hatten zugestimmt, wenn es bei dieser einen Person bleiben würde. Und so hatte ich meine beste Freundin beschützt. Vampire waren Vampire. Es lag in ihrer Natur, dass ihnen alles und jeder egal war. Wenn jetzt meine beste Freundin sterben würde, würde es sie nur aus einem Grund etwas kümmern. Weil es mir weh tat. Weil es mir dadurch schlecht ging. Ich würde niemals vergessen, wie ich es geschafft hatte, dass sie mir gegenüber menschlich wurden. Doch ich würde auch nie vergessen, was waren. Vampire. Mörder. Vergewaltiger. Nur mir gegenüber waren sie das nicht. Nicht mehr.
„Ich verstehe dich.“ sagte ich und ließ den Blick sinken.
„Ich war mal in deiner Situation. Das Spielzeug von sechs Vampiren, nur am Leben um ihnen etwas Spaß zu geben. Auf die eine oder andere Art.“ bei meinen Worten zuckte Laito zusammen. Ich wusste, was dieser Satz in ihm bewegte, an was er sich erinnerte. Ich erinnerte mich auch noch leibhaftig daran.

Flashback - Vor drei Jahren

„Nein, Laito, lass mich los!“ schrie ich, hatte es schon lange aufgegeben, die Tränen zu verstecken.
„Warum sollte ich? Der beste Teil fängt doch gerade erst an, Bitch-chan.“ säuselte er und fuhr mit seinen Händen unter meine Hose. Seine Erektion drückte sich gegen die Innenseite meines Schenkels.
„Bitte.“ wimmerte ich, unfähig mich auch nur ansatzweise zu bewegen. Ich hatte so stark an den Handschellen, die mich ans Bett fesselten, gezogen, dass meine Handgelenke bluteten.
„Ja.. weine mehr für mich. Das macht mich so an.“ stöhnte er und rieb sich an meinem Bein. Seine Hand war inzwischen zwischen meine Beine gedrungen und übte auf brutale Weise Druck aus. Ich hatte keine Chance, ich wollte nicht vergewaltigt werden. Also tat ich das Einzige, dass mir einfiel. Ich holte tief Luft um mich vorzubereiten. Dann zog ich mit einem Ruck und all meiner Kraft meine rechte Hand nach unten. Es gab ein widerliches Knack – Geräusch und der Schmerz war so stark, dass ich aufschrie. Laito hielt inne in seinem Vorhaben. Und das nutze ich. Ich biss die Zähne so stark zusammen, dass mein Kiefer knirschte und griff mit meiner Hand unter mein Kopfkissen. Dort hatte ich den Dolch hingelegt. Den Dolch, den Subaru mir gab. Mit Schwung holte ich aus, zielte auf Laito's Brust. Doch wurde meine Hand abgefangen. Und mit der spitze des Dolches an die Stelle gelegt, an dem Laito's Herz lag.
„Ach, hast du dir gerade den Daumen gebrochen, nur um mich zu töten. Du musst mich sehr lieben. Na los. Zeig mir deine Liebe.“ säuselte er. Er brach den Blickkontakt nicht ab. Und lächelte mich arrogant an. Er glaubte nicht, dass ich es tun würde. Ich sammelte all meine Kraft, wollte zustoßen, doch dann fiel mir wieder ein, was ich bisher herausgefunden hatte. Das… sein Vater nie da war. Seine Mutter immer nur mit Ayato beschäftigt war und ihn nur Nachts Beachtung schenkte. Dass sie mit ihm geschlafen hatte. Als Kind. All das hatte ich heraus gefunden. Doch noch fehlte etwas. Da fehlte ein Puzzle Stück, dass ich noch finden musste.
Dennoch sah ich den Kleinen Jungen vor mir, der keine Liebe von seinem Vater bekam, und die falsche Art von Liebe von seiner Mutter. Und ich sah dem Mann, der aus dieser Liebe geworden war. Natürlich verband Laito Sex und Tod mit Liebe.
Dann stieß ich ihm den Dolch in die Brust. Doch ich verfehlte sein Herz mit voller Absicht. Nur wenige Millimeter schrammte die Spitze an seinem Herz vorbei. Dann zog ich den Dolch aus seiner Brust. Blut ergoss sich auf mich und Laito sackte auf mir zusammen. Mit meinen Beinen und der freien Hand schob ich ihn so gut es ging von mir herunter und sabotierte dann die übriggebliebenen Handschellen mit dem Blutverschmierten Dolch. Als ich mich befreit hatte lief ich einfach los. Ich lief, bis ich bei diesem albernen See angekommen war, in den Ayato mich vergangene Woche geworfen hatte, Gut, dass ich schwimmen konnte. Hatte mir nur wenig genutzt, da er mir nach sprang um mich dann solange unterzutauchen, dass ich das Bewusstsein verloren hatte.
Am Rande des Sees ließ ich mich einfach auf den sandigen Boden fallen. Ich hatte mir nicht gestattet, meine Hand anzusehen, doch jetzt, wo ich alleine war, ließ ich langsam meinen Blick auf sie sinken. Mein Daumen war furchtbar eingeknickt, und lag in einem Winkel in dem er unmöglich von allein hätte kommen können. Und dann schrie ich. Ich schrie und schrie bis nur noch ein gequältes Jaulen aus mir heraus kam. Ich versiegte keine Träne. Denn ich hatte keine mehr übrig.

Flashback

Ich strich leicht über die Narbe, die mir die Aktion mit den Handschellen eingebracht hatte. Wir hatten keinen Arzt hier und mit Reiji verstand ich mich damals noch nicht. Also hatte ich mir den Daumen selbst gerichtet und die Wunde genäht, die deine entstanden war.
„Wenn du einen Rat von jemanden möchtest, der hier des öfteren fast gestorben wäre. Verstehe sie. Wenn du sie verstehst, ist alles anders.“ flüsterte ich und sah Laito dabei an. Er schaute mich so voller Schuld an, das es mir fast das Herz in zwei riss.
„Was- was meinst du damit?“ fragte Yui doch ich schüttelte bloß den Kopf. Ich würde nicht mehr sagen. Ich hatte es versprochen.
Ich fing an zu lächeln als ich auf Laito zutrat.
„Es tut mir so Leid.“ flüsterte er so leise, ich hätte es beinahe nicht gehört. Doch ich nahm ihm nur den Hut ab, setzte ihn mir auf den Kopf und fuhr durch seine weichen Haare.
„Muss es nicht. Ich habe dir schon vor Jahren vergeben.“ flüsterte ich zurück und zog seinen Kopf zu mir hinunter. Betete ihn in meine Schulter. Und Laito lehnte sich an mich. Sog meinen Geruch ein und küsste die Haut zwischen meinem Hals und der Schulter.
Ja, ich hatte ihm vergeben. Ich hatte ihnen alles vergeben. Weil ich sie verstand. Ich hatte mich hinter jede einzelne Geschichte gehängt, habe jede Einzelheit gesucht und zusammen gesetzt, bis ich endlich bei jedem von ihnen heraus fand, wieso sie so waren, wie sie waren. Warum Shu alles egal war. Warum Reiji immer alles kontrollieren wollte. Warum Ayato immer der Beste sein wollte. Warum Laito dachte, Liebe sei gleichzusetzen mit Sex. Warum Kanato von einer Sekunde auf die andere eine völlig andere Person sein konnte. Warum Subaru dachte, er wäre beschmutzt und unwürdig irgendwem ein Freund zu sein.
Ich verstand sie. Und auch wenn ich bei den Versuchen, das alles rauszufinden, mehr als einmal fast gestorben wäre, würde ich es jederzeit wieder tun. Immer.

I Understand UStories to obsess over. Discover now