DER RAUCHER

33 1 1
                                        

Am Anfang war er nur einer von vielen gewesen. Einer der Jungs, die ihre Schwester mit nach Hause brachte. Einer der Jungs, die kamen und gingen. Es waren so viele, dass ihre Gesichter irgendwann zu einem verschwammen und sie in Noas Erinnerung alle gleich aussahen. Im Nachhinein war ihr peinlich gewesen, dass sie nicht direkt als anders erkannt hatte. Manchmal erzählte sie sogar, dass er ihr natürlich direkt aufgefallen war, als er zum ersten Mal vor ihr stand. In Wirklichkeit hatte sie die Augen verdreht, als er zusammen mit ein paar anderen vor der Haustür gestanden und nach ihrer Schwester gefragt hatte und war ohne einen zweiten Blick in ihr Zimmer verschwunden. An diesem Abend hatte sie bereut mit ihrer Schwester die Abmachung getroffen zu haben, dass ihr Besuch auf Noas Balkon rauchen durfte, wenn ihrer Schwester dafür die Klos putzte.

Sie kamen, als sie gerade Hausaufgaben machte. Laut durchquerten sie den Raum, manche schon mit einer Zigarette im Mundwinkel. So viele waren es noch nie gewesen. Vier Jungs, zwei Mädchen. Zum Glück war es schon dunkel, wodurch sie durch das Fenster, das genau auf den Balkon heraus zeigte und vor dem ihr Schreibtisch stand, nur ihr eigenes Spiegelbild sehen konnte. Hören konnte sie sie trotzdem. Und riechen. Sie hatten die Balkontür nur angelehnt. Genervt stand sie auf und drückte sie richtig zu. Den Hebel drehte sie nicht nach unten, so gemein war sie nicht, denn dann kam man von draußen nicht mehr hinein. Etwas was sie dank ihrer Schwester schon oft am eigenen Leib hatte erfahren dürfen. Nach ein paar Minuten, sah Noa ein, dass sie bei den lauten Gesprächen unmöglich weiter arbeiten konnte und wandte sich stattdessen ihrem Handy zu.

Sie kamen wieder hinein, als sie gerade mit ihren Freundinnen diskutiere, ob es sich lohnte das Arrangement wieder zu lösen, wo sie doch Klo putzen so hasste. Die Mädchen bedankten sich und die Jungs hoben wenigstens die Hand, während sie den Raum verließen. Natürlich hatten sie die Balkontür sperrangelweit offen gelassen. Sie seufzte, stand erneut auf und schloss sie, diesmal richtig, mit Riegel.

Matteo fing an dieser Stelle immer an von Schicksal zu sprechen, wenn er jemanden erzählte, wie sie sich kennengelernt hatten. Schicksal, das sie vorher nicht nochmal nach draußen geschaut hatte oder gemerkt hatte das nur drei Jungs das Zimmer verlassen hatten. Noa schnaubte dann immer und verdrehte die Augen.

„Sie hat mich einfach ausgesperrt."

„Es war dunkel, du warst still und ich war im Kopf schon wieder bei meinem Politikaufsatz!", verteidigte sie sich jedes Mal und jedes Mal zog er sie an dieser Stelle noch ein bisschen näher zu sich und umarmte sie.

Sie hasste Politik fast so sehr wie sie Englisch hasste. In beiden Fächern musste sie alle Texte immer dreimal lesen, bevor sie ihnen einen Sinn entlocken konnte. Dementsprechend war sie völlig auf den Aufsatz konzentriert, der am nächsten Tag dem Lehrer abgegeben werden musste. Und dementsprechend heftig zuckte sie zusammen als auf einmal jemand von außen an die Fensterscheibe klopfte.

Matteo liebte es ihr überraschtes Gesicht in seinen Erzählungen mit blümeranten Adjektiven zu beschreiben, wenn er bei dieser Stelle war.

„Sie hat ein bisschen ausgesehen wie ein erschrockenes Reh!"

„Höchstens für ne Sekunde. Dann bin ich aufgestanden, hab dich rein gelassen und wollte mich wieder meinem Aufsatz zuwenden, aber du.."

„Ich wollte dir noch ein bisschen Gesellschaft leisten!"

„Das war die schlechteste Note, die ich jemals auf einen Aufsatz bekommen habe!"

„Du hast dein Abi trotzdem bestanden und die Welt ist nicht untergegangen. Ganz im Gegenteil, du hast mich kennengelernt, das muss eine große Bereicherung für deine Welt gewesen sein."

Noa würde nie zugeben, dass sie es fast genauso sehr genoss wie er, diese Geschichte zu erzählen und wie sehr sie es genoss ihm dabei zu zu hören.

„Natürlich hast du meine Welt bereichert. Mit schlechten Physikwitzen, dreckigen Socken und zu wenig Platz in meinem eigenen Bett!"

Das war sein Stichwort ihr Kinn zu nehmen, sie zu küssen und ihr irgendwas ins Ohr zu flüstern. Das führte dazu, dass ihre Freunde die Augen verdrehten und ältere Leute seufzten.

Noa war glücklich, wenn Matteo diese Geschichte erzählte.

Der RaucherWhere stories live. Discover now