"Ich liebe dich" tippte er Buchstabe für Buchstabe - den Blick ständig zwischen dem Handy und der Fahrbahn wechselnd - in die Tastatur ein, während er wegen einer Umleitung versuchte, den Weg nach Hause zu finden. Ein riskanter und nicht wirklich romantischer Weg, jemandem seine Liebe zu gestehen, das wusste er, doch er war zu feige für ein unmittelbares Geständnis, so von Mensch zu Mensch. Ja, dazu hatte er einfach nicht den Mut. Er war ja noch nie so wirklich mutig gewesen. Dafür hatte er immer zu viel Angst vor dem gehabt, was hätte schiefgehen können.
Ein lautes Hupen ließ ihn ruckartig aus den Gedanken fahren noch im selben Moment, in dem er auf "senden" drückte. Er warf sein Handy unwillkürlich auf den Beifahrersitz, griff mit beiden Händen nach dem Lenkrad und riss es zur Seite. Das anhaltende Hupen des anderen Fahrers klang noch einige Sekunden nach und er sah rücklinks über seine Schulter zurück zu dem Auto, das er fast gerammt hatte. Sein Atem stockte, als ihm klar wurde, was gerade geschehen war. Dann wandt er sich mit schnell schlagendem Herz wieder um.
Und plötzlich blieb die Zeit für ihn stehen in dem Augenblick, in dem er den Lkw vor sich erblickte. Seine Pupillen verengten sich schlagartig und er hatte das Gefühl, sein ganzes Leben ziehe an ihm vorbei. Ja, er konnte alles spüren - ganz deutlich. Er sah, hörte und fühlte alles, was er erlebt hatte, als geschehe es im Hier und Jetzt. Er nahm alles wahr:
Die ersten Schritte seiner Selbst, die er nach unzähligen gescheiterten Versuchen hinter sich gebracht hatte.
Das Lachen seiner Eltern, als sie mit ihm gescherzt, gespielt und sich um ihn gekümmert hatten.
Den viel zu frühen ersten Kuss im Kindergarten den er mit einem Mädchen, das ein Jahr älter als er war, gehabt hatte, von dem beide danach stolz ihren Freunden berichtet hatten.
Den Kuss, den er insgeheim jedoch eklig gefunden hatte. (Damals hatte er ja noch nicht die leisteste Ahnung gehabt.)
Den ersten Schultag, an dem er den Jungen kennengelernt hatte, den er schon in naher Zukunft als seinen besten Freund bezeichnen würde.
Die Pausen, in denen er sich immer aus Angst vor den anderen Kindern im Gebüsch versteckt und der andere Junge sich ständig zu ihm gesellt hatte, um ihm von den besten Verstecken in der Schule zu erzählen.
Die gemeinsamen Nachmittage, die er und der Andere miteinander verbracht, gespielt und ihr Wissen ausgetauscht hatten, als wären es Sammelkarten gewesen.
Die Eifersucht, die er empfunden hatte, als der Andere in der Zehnten seine erste Freundin bekommen und fortan keine Zeit mehr für ihn gehabt hatte.
Den Streit, den sie daraufhin geführt hatten, der ihn wieder zum alleinstehenden Außenseiter gemacht hatte.
Die Verzweiflung, die ihn dazu getrieben hatte, mit den falschen Leuten abzuhängen.
Die finsteren Blicke, die ihm der Andere jedes Mal zugeworfen hatte, als er in den Pausen mit seiner Freundin an ihm und den rauchenden und kiffenden Jugendlichen vorbeigelaufen war.
Die Zeit, die vergangen war, in der sich die beiden aus dem Weg gegangen waren.
Die Party in der Zwölften, auf der er mit dem
Anderen seit Langem das erste Mal wieder gesprochen hatte, als ausnahmslos jedem durch den Alkohol die Zungen gelockert worden waren.
Die Party auf der alle betrunken gewesen waren, auf der beim Flaschendrehen der Flaschenkopf auf ihn gezeigt und auf der er seinen ehemaligen besten Freund aufgrund der Herausforderung geküsst hatte.
Das Jubeln, das ausgebrochen war, als sie sich nach dem Kuss wieder voneinander gelöst hatten, was er jedoch alles nicht mehr wahrgenommen hatte, da sie sich so nahe gewesen waren und er nur noch den Anderen vor sich in Augenschein genommen hatte.
Die Scham, die er bis zum Mark empfunden hatte, weshalb er augenblicklich nach Hause verschwunden war.
Den nächsten Tag in der Schule, an dem er gesehen hatte, dass sein alter Freund nicht wie üblich mit seiner Freundin abseits der Raucherecke gestanden hatte, sondern allein, verlassen und einsam.
Die Verwunderung darüber, dass bei ihm zu Hause der Andere aufgetaucht war, um ihm von seiner Trennung zu berichten.
Das ehrlich gemeinte Mitleid, das er seinem Gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte.
Die Freundschaft, die dadurch erneut geknüpft worden war.
Das Beisammensein in seinem Zimmer, das die beiden miteinander genossen hatten.
Den Blick, den er noch nie bei seinem wiedergewonnenen Freund gesehen hatte.
Die Stillе, die geherrscht hatte, als sie sich näher gekommen waren.
Das Hochgefühl, das in ihm aufgekommen war, als ihm der Andere die Lippen auf die seinen gelegt und ihn damit absolut verzaubert hatte.
Die Gewissheit, dass er etwas für den Anderen empfand - dass der Andere etwas für ihn empfand.
Das Schweigen, das am nächsten Tag in der Schule zwischen ihnen geherrscht hatte, da beide die Wahrheit kannten und nicht zugeben wollten.
Wie in Zeitlupe raste er geradewegs auf die Seite des Lkws zu. Unfähig sich zu rühren, sah er den Wagen immer näher kommen. Die Haube seines Autos zerbarst schon langsam an der allmählich nachgebenden Flanke des anderen Fahrzeuges. Er hatte das Gefühl, sein Enden würde niemals vergehen. Da musste er an all jenes denken, was er noch nicht getan hatte. Wozu er niemals wieder die Gelegenheit haben würde.
Seiner Familie die Wahrheit zu erzählen.
Sich seiner Selbst öffentlich zu bekennen.
Dem Anderen in die Augen zu sehen.
Ihn in seiner Nähe zu wissen.
Sich von ihm zu verabschieden.
Ihm zu sagen, dass er ihn liebte. Von Mensch zu Mensch.
Seine Augen füllten sich mit Tränen der Hoffnungslosigkeit als er mit gebrochenem Herzen feststellen musste, dass die Zeit für all das nicht mehr reichte und in seinen Augen schon bald überhaupt nicht mehr war.
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Der Autounfall: Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei
NouvellesDie Liebe findet über etliche Umwege einen Weg in das Leben des Einen, doch das Schicksal hat andere Pläne mit ihm und zerschmettert seine Hoffnung auf die gemeinsame Zukunft mit dem Anderen. Eine tragische Kurzgeschichte über Freundschaft, Liebe un...
