Kapitel 1

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"Die Nadel ist spitz, pass auf " Zwei blaue Knopfaugen schauen mich an. En Nicken, ein Lächeln und geschickte ,kleine Hände grapschen nach dem Nadelkissen in meinem Schoß.
Ein rosige Zungenspitze lugt aus seinem Mundwinkel hervor und plumpe Fingerchen suchen emsig nach dem Anfang des Garn. Schon beim ersten Versuch findet der Faden den Weg durch das winzige Nadelöhr und er macht sich konzentriert an die ersten Stiche.
Die Nard wird fein werden. Er hat Talent.

Ich lehne mich in meinem Sessel zurück und lasse meinen Blick durch die Nähstube schweifen. Draußen vorm Fenster leuchten die Baumwipfel wie Rost und Feuer vor einem cremig-blauen Himmel und das goldene Licht des Herbsts lässt die alten holz Dielen zu meinen Füßen wie Honigwaben schimmern. Die bunten Wollkneule auf den Regalen werfen lange Schatten und die Nadeln glänzend silbrig auf dem Tisch. "Baumhöhle" das Wort scheint in meinem Kopf auf als ich die morsche Holzverkleidung mustere. Eine neue Lackschicht könnte nicht schaden. Ein kleiner, runder Raum mit einem hohen Fenster, ohne Strom oder fließendem Wasser in einer pinken, verlassenen Villa. Was haben sich die Leute nicht das Maul zerrissen als ich mit meinem Sohn das Zimmer gemietet habe. Ganz allein. Ohne Mann. Eine Näherin, die sich wie eine alte Jungfer in Einsamkeit hüllt. Eine Jungfer bin ich nicht und die Einsamkeit ist nicht meine Begleiterin. Mein Junge ist der Grund für beides." Gebt mir eine Nähmaschine", hab ich damals gesagt „und ich mache diesen Ort zu einem Paradies der Stoffe und Gewänder.". Seit jenem Tag kleide ich den ganzen Ort mit meinen Stücken ein aber ihr Vertrauen haben sie mir nie geschenkt.

Ein Tier rekelt sich auf der Fensterbank. „Teufelsvieh" nennen es die Bewohner des Orts. Mein Sohn sagt „Kater" zu ihm. Das seidige Fell des Tieres ist pechschwarz, ganz anders als die goldenen Locken des Jungen zu meinen Füßen. "Das musst du machen", mein Sohn reckt mir die selbstgenähte Stoffpuppe entgegen und drückt mir zwei hell blaue Knöpfe in die Hand.
„Jungen spielen nicht mit Puppen" haben mir die Bewohner des Orts erklärt. Ich habe gesagt sie sollen sich zum Teufel scheren.
Ich nehme die Puppe entgegen. Der Stoff für die Hülle war teuer aber er fühlt sich weich und samtig unter meinen Fingern an und der helle Porzellanton passt perfekt zu der Blässe des Vorbilds für das Spielzeug. Feine Nähte, zarte Farben und Haare die einzeln, Strähne für Strähne an der Kopfhaut angebracht sind. Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Ich bin Stolz auf meine Arbeit und meinen Sohn, der geduldig jede Arbeitsstunde an meiner Seite ausgeharrt hat. Ein paar Handgriffe und die Puppe wirft mir einen schelmischen Blick zu. Ich reiche ihm das fertige Spielzeug. Seine Augen glänzen wie die Knöpfe seines kleinen Ichs, das er wie einen Schatz in Händen hält. Die Umarmung kommt unerwartet und ist so stürmisch, dass ich mich völlig überrumpelt seinen Liebkosungen ergebe. Ich spüre sein Herz, wie es in seiner Brust pocht und die kleinen Pausbäckchen rosig färb und ich spüre das meinige, wie es kraft voll und voller Liebe schlägt. Das ist mein Kind. Ich habe diesen Jungen in die Welt gesetzt. Strahle ich? Manchmal wird der Stolz zu viel und sickert durch die Poren nach außen, wo er wie die Sonne leuchtet und einen wie ein Heiligenschein umgibt.
Sollen die Anderen doch reden. Die falschen Kakerlaken, die ihr Leben lang am Boden kriechen, verzweifelt darauf wartend, ihr Glück in Geld und Macht zu finden und die jene in den Dreck ziehen, die sich aus der Masse erheben um sich an ihrem Scheitern zu laben. Ich habe mein Glück gefunden und ich finde es jeden Tag aufs Neue, wenn ich in diese Augen schaue. Sollen die Lästwanzen doch verrecken.
Meinen Schatz gebe ich nie wieder her.

Die Blätter rauschen und der Wind zupft an meinem Haarband. Farben überall, die Welt versinkt in rot, braun und okker Tönen. Alles ist in Bewegung, die Bäume, das Gras der Himmel und natürlich mein kleiner Wirbelwind, der jauchzent durch den Wald saust. Sein bunt-geringelter Schal flattert wie eine Fahne hinter ihm her und die braunen Blätter zu seinen Füßen nehmen vor seinen springenden Schritten reiß aus. Er dreht sich um. Sein Atem zieht in kleinen Dunstwölkchen zum grauen Himmel empor und sein Gesicht leuchtet zu mir herüber, krebs rot vor Anstrengung und Kälte. Lächelnd hebe ich die Hand. Grinsend winkt er zurück und hopst weiter wie ein junger Rehbock zwischen den Bäumen herum. Der Wind pfeift mir ins Genick und schiebt mich weiter vorwärts, immer tiefer hinein in das Farbenspiel des Herbstes. Ich höre die Bäume vor mir rascheln und immer wieder springt mein Junge wie ein Aufziehteufelchen mit Gebrüll hinter ihnen hervor. Jedes Mal greife ich mir theatralisch an die Brust und stoße einen spitzen Schrei aus. „Dass du mich ja nie wieder so erschreckst mein Lieber!" Eine drohende Geste oder ein erhobener Zeigefinger dazu und das Spiel kann wieder weiter gehen. Glockenhell ist unser Lachen und wohlig warm sind unsere Umarmungen, wenn er sich mir ganz plötzlich an den Hals wirft.
Jetzt ist er schon länger im Dickicht verschwunden. Ich komme mir vor wie ein junges Mädchen, wie ich da so zwischen den Baumstämmen umherschleiche, mit einem Grinsen im Gesicht und in Erwartung eines Überraschungsangriffs, da sehe ich etwas am Boden liegen, verdeckt von aufgewirbelten Blättern und Geäst. Ich will schon darüber hinweg steigen, völlig gefangen in dem Nervenkitzel des Spiels, als mein Blick an dem Ding hängen bleibt. Ich spüre einen Stich in der Brust und mein Magen vollführt eine Drehung.
Dort unterm Laub liegt ein Körper. Erdklumpen hängen in den goldenen Locken, das bleiche Gesicht, den Baumkronen zu gewannt, ist mit Dreck verschmiert und die zerbrechlichen Gliedmaßen des zarten Körpers liegen seltsam verdreht auf dem harten Waldboden. Ich gehe in die Knie. Nein. Das kann nicht sein. Bitte! Der Klos in meinem Hals schnürt mir die Luft ab. Vorsichtig hebe ich ihn hoch, meine Augen sind blind hinter dem Schleier aus Tränen.
Ein Knopf fehlt.
Ich halte die Puppe in meiner Hand und starre auf die vielen Makeln und Flecken, die sich in den Stoff gefressen haben. Mein Kopf dröhnt. Wie kann er nur? Ein Rascheln. Hastig lasse ich den geschundenen Körper in meine Manteltasche gleiten. „Hab dich!" Wie unbekümmert seine Stimme ist. Als mache es ihm gar nichts aus, das Herz seiner Mutter entzwei zu schlagen. Ich erschrecke nicht als sein Kopf plötzlich aus einem Busch auftaucht. Ich starre ihn nur an. Wortlos hohle ich das Spielzeug hervor. Mit einem Luftsprung kommt auch der Rest des Jungens aus den Blättern hervor. „Du bist ja eine Zauberin Mama! Du hast meine Puppe wieder gefunden!", lacht er. Kichernd will er nach seinem kleinen Ebenbild greifen aber ich ziehe die Hand zurück. Mitten in der Bewegung hält er inne und starrt mich mit ungläubiger Mine an. Ich habe ihm noch nie etwas weggenommen. Er grinst verunsichert, als erkenne er den Scherz dahinter nicht, doch ein Blick von mir wischt ihm das Grinsen aus dem Gesicht. "Du hast sie in den Dreck geworfen", die Worte klingen tonlos und stumpf in meinen Ohren, "Einfach so. In den Dreck." Seine Augen weiten sich ängstlich. Fieberhaft flitzen seine Pupillen umher, als suchten sie etwas in meinem Gesicht, das dort verborgen liegt. Ich sehe Tränen glänzen. Auch in meinen Augen sammeln sie sich. „Du hast sie nicht lieb." Meine Stimme bricht. Sag etwas. Irgendetwas. Alles in mir Schreit. Wut, Trauer, Enttäuschung. Mein eigener Sohn...
Die Stille fährt mir in die Knochen. Ich will das nicht. Ich will ihn Lachen sehn, ich will mit ihm lachen, herumtoben und Spiele spielen. Ich will nicht die Böse sein. Ich KANN nicht die böse sein aber der Splitter sitzt tief in meinem Herzen. Er sitzt tief und ist unglaublich giftig.
Ich kann nicht mehr. Es tut weh. Es tut weh ihn so zu sehen. Ohne Worte mit einem Ausdruck, der nichts auf seinem Gesicht zu suchen hat. Ja die Wunden sind tief aber sie ziehen sich durch ein Herz, das aus liebe zu diesem Jungen schlägt. Ich falle ihm um den Hals. Mein Wall ist endgültig gebrochen.
Er stößt mich weg. „Du lügst!" hysterisch schleudert er mir die Worte entgegen und sie treffen mich wie eine Ohrfeige. Rotz läuft ihm aus der Nase und Wut und Verzweiflung brechen wie eine Flutwelle über das verzehrte Gesichtchen herein. Ich erstarre. Er reißt mir die Puppe aus der Hand dreht, sich um und prescht wie ein Wahnsinniger davon, hinein in den Schutz des Unterholzes. Meine Hand ist krampfhaft in der Position verharrt, als wäre sie noch immer fest um den schmutzigen Stoff geschlossen. Mein Engel! Alles fühlt sich so leer an. Mit einem Mal sind alle Gedanken und all der Schmerz aus meinem Kopf gewichen. Alles hat Platz gemacht für diese zwei kleinen Wörter. Meine Füße setzen sich in Bewegung. Äste zerkratzen mir das Gesicht. Ich bin weder klein noch wendig und die Zweige zerreissen mir Mantel und Kleid als ich durch das Dickicht stürme. Weder Wunden noch Buschwerk lassen mich abbremsen. Ich muss ihn finden! Mein ein und alles!
Etwas kracht. Zersplittertes Holz bohrt sich in meine Fesseln. Ganz plötzlich fehlt mir der Boden unter den Füßen. Der Wald um mich herum ist verschwunden. Ein letzter roter Schimmer über mir, dann ist alles schwarz. Men Magen ist schwerelos. Ich falle.


Coraline/   A beldames StoryHistorias para obsesionarse. Descúbrelo ahora