"Ja, ich rieche nach Pferd! - Aber das ist mir schnuppe!" So ähnlich könnte ich klingen, obwohl ich angewidert die Nase rümpfe, wenn ich einen ungeduschten Landwirt in der Supermarktkasse vor mir stehen habe, der nach dem Stall nur mal eben ein Brot holt. Pferdegeruch stinkt nicht! Das ist schon mal das erste ungeschriebene Dogma, worin sich Pferdemenschen einig sind. Alle anderen Tiere stinken nämlich. Katzen und Hunde stinken barbarisch (ich meine ihre Ausscheidungen)! Schweine stinken zum Himmel! Rinder stinken besonders dann, wenn sie mit Sojaprotein-Kraftfutter/Tiermehlmantsche gemästet werden und die dementsprechend breiigen Exkremente mit Pisse vermischt auf Felder und Wiesen gespritzt werden, wo diese dann unsere ach so wunderbar duftende Landluft verpesten. Das musste mal gesagt werden. Und wehe, einer behauptet, Pferde stinken. So ein Mensch leidet ganz offensichtlich an Geschmacksverirrung oder er hat ein Problem mit seinem Riechsinn. Es ist ungelogen: als ich mit dem Reiten anfing, damals war ich 9 Jahre alt, waren meine Eltern etwas knapp bei Kasse (das haben sie jedenfalls mir gegenüber behauptet, und ich hab es geglaubt). Anfangs durfte ich nämlich wöchentlich zur Reitstunde, die 10 DM gekostet hat, dann nach einer Weile nur noch alle zwei Wochen. "Weil die Stunden so teuer sind..." Wenn die wüssten, was sie mir durch die Reitstundenreduzierung angetan haben, sie hätten heute noch ein schlechtes Gewissen. Jedenfalls war es so, dass ich mir nach der Reitstunde geweigert habe, die Hände zu waschen. Diesen unglaublich erdigen, kraftvollen, pferdeschweißigen Geruch wollte ich möglichst lange an den Händen haben. Denn ich inhalierte das Aroma indem ich beide ungewaschenen Reiterhände vors Gesicht hielt und tief einatmete. So ähnlich mache ich es heute noch, wenn die Gummibärchentüte leer ist. Der fruchtige Duft, der am Ende noch aus der Tüte strömt an der ich schnüffle, ist fast so, als wären noch ein paar Fruchtgummis drin - ein Nachtisch für die Nase, sozusagen. Inzwischen wasche ich mir die Hände natürlich. Aber ich habe auch keine zweiwöchigen Pferdeabstinenzen, die ich überleben muss. Inzwischen habe ich eigene Pferde - und zwar seit über 20 Jahren, die ich täglich mindestens zweimal besuche, zwecks Stallarbeit, Fütterung, Koppelpflege, Reitplatzpflege, Reparaturen, Wasser holen, Mäusebekämpfung, Koppelzaun richten, Mistentsorgung, Sattelpflege...was war da noch? Ach ja, Reiten...
Pferdemenschen finden nicht nur Pferdegeruch gut. Pferdemenschen finden auch Pferdeklamotten gut. Während sich meine Schwester, die mit Pferden nichts am Hut hat, nobel ins Bürokostüm schält, trage ich Hoodies von namhaften Reitsportlabels, Jeans, die für den Stall taugen und Jodpurstiefel, die meine Schwester seit neuestem allerdings auch trägt, weil solche Schuhe plötzlich auch in der Modeszene hip geworden sind...und ich freue mich, hier als Trendsetterin ihr was vorgemacht zu haben! So richtig feine Robe besitze ich gar nicht. Ich bräuchte so was auch viel zu selten. Da müsste ich schon auf eine Hochzeit eingeladen werden oder zu einem außerordentlich wichtigen Event mit Dresscode. Kommt so gut wie nie vor...ein paar Sachen hab ich schon, die sind jahrealt und nur ein paar mal getragen. Tja, ich gebe mein Geld statt für Kleidung lieber für die Pferde aus. Da bin ich wie alle Pferdemenschen. Die ticken einfach anders.
Was macht Pferdemenschen noch aus? Da muss man gar nicht lange überlegen. Sie haben ein wichtiges Gesprächsthema. Dieses brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. Es ist ja klar. Oftmals habe ich mich schon ertappt, wie ich auf einmal ins Schwärmen geraten bin, als mich jemand auf meine Pferde angesprochen hat. Ich fange dann gerne mal ausschweifend an zu erzählen, die Augen beginnen zu leuchten und erst wenn ich merke, dass mein Gegenüber ungeduldig schaut oder zur Tür drängt, fällt mit erst auf, dass ich es ja nicht mit einem Pferdemenschen zu tun habe. Ein solcher kann meine Begeisterung und den daraus quellenden Redefluss überhaupt nicht nachvollziehen. So mancher hat vielleicht schon bereut, mich auf meine Pferde angesprochen zu haben. Ich bin da schon vorsichtiger geworden. Wenn ich es nicht mit einem Pferdemenschen zu tun habe, versuche ich mich zu bändigen und kurz zu halten, denn ich will ja nicht als Fanatische gelten. Anders sieht es natürlich aus, trifft ein Pferdemensch auf einen Pferdemenschen. Oh, da kann stundenlang gefachsimpelt werden. Ist das bei anderen Hobbys eigentlich genauso? Nun, wessen Herz voll ist, dessen Mund geht über. Diese Weisheit findet man schon in der Bibel. Auch wenn diese Weisheit eigentlich auf Christen gemünzt ist, die von ihrem Herrn reden, weil sie ihm so viel zu verdanken haben, ist sie eine Wahrheit, die auf alle anderen Bereiche anwendbar ist.
Ein weiteres Merkmal von Pferdemenschen ist, dass sie ihre Pferde als Personen sehen. Das heißt nicht, dass sie sie vermenschlichen, obwohl es da sicher auch Negativbeispiele gibt, nein, sie sehen ihre Pferde als Partner, denen mit Respekt und Pferdewürde begegnet wird. Das Pferd wird in seiner Natur und Sprache ernst genommen. Das ist auch sehr wichtig, denn ohne diese Mensch/Pferd-Beziehung, in der zweifelsohne teilweise hochwertig kommuniziert wird, ist das Pferd nur ein Tier wie jedes andere. Doch für Pferdemenschen sind ihre Pferde mehr als gewöhnliche Tiere. Sie sind Familienmitglieder. Es ist so ähnlich wie mit einem Hund, der in der Familie, die er als sein Rudel sieht, lebt und einfach dazu gehört. Obwohl die Pferde meistens nicht direkt im Garten stehen, sondern der Stall außerhalb von normalen Wohngebieten angesiedelt liegt und längst nicht alle Pferdemenschen eines der höchste Erdenglücke haben, ihre Vierbeiner direkt am Wohnhaus zu halten, sind die Tiere dennoch Mitglieder der Familie, die einfach dazu gehören. Als ich noch keine Kinder hatte, nannte ich meine Pferde immer "Kinder". Wirklich! Mir fiel erst auf, wie albern das vielleicht auf so manchen Normalo gewirkt haben musste, als ich selbst meinen ersten Sohn bekam. Da dachte ich, es gibt ja doch einen Unterschied zwischen dem Pferd und dem Kind. Fortan nenne ich meine Pferde "Freunde", allerdings rutscht mir "Kinder" auch ab und an heraus. Das nehmen mit meine inzwischen erwachsenen respektive jugendlichen Kinder, drei an der Zahl, aber nicht übel.
Es ist, denke ich, angebracht, an dieser Stelle eines klarzustellen: Jene Pferdemenschen, von denen hier die ganze Zeit die Rede ist, sind nicht diejenigen, die ihr Pferd in einem Münchner-Vorort-Reitstall in einer noblen, vielleicht sogar geräumigen Box parken und wenn es genehm ist raus (aus der Stadt) fahren, "aufs Land", zum edlen Ross, um in der lichtdurchfluteten, mit Luxussand belegten Reithalle ihre Runden zu drehen, gestylt mit den angesagtesten Reitdresses. Leider wird Reitsport noch immer als Sport der Betuchten und besseren Gesellschaft angesehen, ähnlich wie Golf. Das Pferd, das in der Regel den Leuten ein mittleres Vermögen gekostet hat, die Stallmiete locker höher sein kann, als Wohnmieten in Plattenbauten, die Ausstattung des edlen Tieres in die Tausende geht, verkommt da leicht zum Prestigeobjekt oder, falls die Reitenden sportliche Ambitionen haben, zum Sportgerät. Nein, diese Menschen sind selten echte Pferdemenschen. Denn eines spricht dagegen: Sie haben zu wenig Zeit für ihr Pferd, weil sie ja mit Geld verdienen beschäftigt sein müssen, um sich das teure Hobby leisten zu können. Auch in dieser abgehobenen Reiterszene gibt es gewiss wundersame Ausnahmen, doch in der Regel haben solche Leute zu wenig Beziehung zu ihrem Pferd, um echte Pferdemenschen werden zu können.
Selbstverständlich gibt es Pferdemenschen, die keinen eigenen Stall wie ich besitzen, ihr Pferd in einem Reitstall oder privat einstellen müssen, aber eben trotzdem richtige Pferdemenschen sind! Ganz klar! Die hängen halt jede freie Minute, die sie aufbringen können, im Stall herum, fachsimpeln mit den Stallkolleginnen, lesen Pferdebücher und Fachzeitschriften, machen zusätzlich online-Reitstunden zu den echten Reitstunden, die sie sich nicht nur wegen des eigenen Reitstils, sondern hauptsächlich zum Wohl und der Gesunderhaltung des Reitpferds gönnen, tragen auch in der Freizeit Stall- und Reitklamotten und riechen ab und an auch mal nach Pferd. Aber das ist denen schnuppe!
YOU ARE READING
Familienmitglieder auf Hufen
Non-FictionFreud und Leid, Begegnungen, Erlebnisse und Schicksalsschläge - Wer mit Pferden lebt hat viel zu erzählen. Ich beschreibe in kurzen Geschichten und Anekdoten, was ich mit meinen behuften Familienmitgliedern in über 20 Jahren erlebt habe.
