„Alea, Nein!!", schrie ich so laut ich konnte gegen den Sturm an, aber es war umsonst. Durch den Regenschleier stiessen drei Gestalten in hohem Tempo auf meine Freundin zu und meine Stimme kam nicht im Geringsten gegen das Heulen des tobenden Unwetters an. Ich stiess einen verzweifelten Schrei aus, als die beiden Soldaten Alea packten. Es war zu spät!
Von unbändiger Wut gepackt, rannte ich los. Der Sturm peitschte mir die Regentropfen wie Hagelkörner ins Gesicht und der Wind liess mich zurück taumeln. Verdammt! Der Regen war viel zu stark! Ich stemmte mich gegen den Sturm und stiess meine Fersen in den aufgewühlten Boden. Bis zu den Knien gebückt, mit eingezogenem Kopf, kämpfte ich mich schnellstmöglich voran. Vergeblich. Mein dünnes Leinenhemd klebte mir klatschnass und eiskalt am Körper und mit jeder Windböe, die mir entgegen blies, fing ich mehr an zu zittern.
Einer meiner Stiefel blieb im Schlamm stecken, ich humpelte weiter. Nur wenige Schritte später verlor ich auch den Zweiten.
Hektisch sah ich durch die Regenwand nach vorne, die Soldaten bestiegen gerade ihre Pferde. Alea sass bereits auf dem Grössten der drei Tiere. Ich versuchte einen letzten verzweifelten Sprint auf sie zu. Eine Sturmböe erfasste mich und nahm mir die Luft. Der Wind umschloss mich, drückte von allen Seiten auf mich ein und liess mich vor Kälte erstarren. Ich sackte zusammen und landete im Matsch.
Als ich zu mir kam war ich am ganzen Körper taub vor Kälte.
Ich lag starr da und starrte in die aufziehende Morgendämmerung am Himmel.
Ein Tag zuvor
Ich hörte Schritte.
Dann begann sich der Türriegel zu bewegen.
Sekunden später stand sie in der Tür.
Ich rannte wie in Trance auf sie zu.
Alea!
Ihre rotgeschminkten Lippen waren verschmiert, das Kleid war ihr über die Schulter gerutscht.
Sie hatte Tränen in den Augen.
Ich umarmte sie fest, drückte meinen müden Kopf an ihre Schulter.
Viel zu schnell befreite sie sich sachte aus unserer Umarmung.
„Wir müssen gehe, Jetzt! Folg' mir leise."
Wir traten aus der Zelle und folgten dem langen Gang. Ein Mann lag zusammengesackt quer über den unteren Stufen des Treppenaufganges.
Ich starrte ihn erschrocken an und meine Hand schloss sich fester um die Ihre.
„Keine Sorge", sie schien meine Gedanken lesen zu können, „er schläft nur."
Ich warf ihr einen verwirrten Blick zu, als sie schon vorwärts steuerte.
An die Wand gedrängt erklommen wir die Stufen.
Am oberen Treppenabsatz sass ein weiterer Wächter zusammengesunken an die Wand gelehnt.
Hatte nicht der andere schon eine verrutschte Uniform gehabt?
Wir traten ins Freie, die Nacht war stockfinster.
Über den Innenhof gelangten wir zur Eingangspforte.
Ich hatte schon das gewohnte Bild zweier weitere schlafender Männer vor Augen, aber da waren keine Soldaten.
Mein verwirrter Kopf machte das langsam nicht mehr mit!
Und endlich, nach einer erdrückend langen Zeit, liessen wir den Torbogen hinter uns und steuerten in schnellem Schritt den nördlichen Waldrand an.
Der Mond kam hinter einer Wolkenbank hervor, als schien er unsere Flucht insgeheim unterstützen zu wollen.
Im Schutz der Bäume atmeten wir auf. Aber für eine Rast war es immer noch viel zu früh.
Für berittenen Soldaten wäre es ein leichtes gwesen, uns hier aufzuspüren.
Uns blieb keine Wahl, wir mussten weiter: je schneller wir flohen, desto grösser war unsere Chance tatsächlich den Gardesoldaten zu entkommen.
Wir rannten so schnell zwischen den eng stehenden Bäumen hindurch, dass diese nur wie Schatten an uns vorbei glitten. Immer wieder verhängten sich unsere Kleider in den tiefhängenden Ästen und Dornen der Büsche. Mein dünnes Hemd war zerrissen, meine Arme zerkratzt und der gefrorene Boden stiess mir eisige Pfeile in die nackten Fusssohlen. Ich versuchte meinen Atem zu kontrollieren. Aber meine Lunge brannte wie Feuer und ich schnappte wie ein Fisch nach Luft.
Vor uns erhob sich ein steiler Hang. Die Bäume waren meistenteils verkümmert und milchige Nebelschwaden umzogen die verkrüppelten Baumstämme.
Ich nahm alle meine Kräfte zusammen und spurtete mit letzter Kraft los. Ohne Anlauf hätte ich nicht die geringste Chance auch nur die Hälfte des Hügels zu erklimmen.
Hinter uns waren die Hufe eines sich nähernden Pferdes zu hören. Mein Kopf fing an zu rasen und ich wollte vor Verzweiflung aufschreien.
Ruckartig riss mich Alea zu Boden. Der Grund war abschüssig und rutschig, vom Laub des letzten Herbstes. Wir befanden uns schon höher am Hang, als ich erwartet hatte. Ein Reiter erschien zwischen den Bäumen am Anfang des Hügels. Alea drückte mich in den Schlamm. „Lieg still und sag' kein Wort."
Sie drehte sich um und setzte sich in einer unterwürfigen Pose neben mich auf den Boden. Das Laub raschelte leise, als der Soldat von seinem Reittier sprang. Mit herrschaftlichen Schritten kam er auf uns zu.
Als er vor uns zum Stehen kam, fing Alea an zu sprechen. Sie senkte den Kopf und ihre stimme nahm einen reumütigen Klang an.
„Wir ergeben uns, Soldat. Wir wissen, dass wir im Unrecht sind und werden auch nicht protestiert oder versuchen zu fliehen."
Sie drehte sich zu mir und umklammerte meine Hand.
„Bitte helfen sie meiner Freundin, das ist alles was ich verlange. Sie hat ein schlimmes Fieber und ist total entkräftet. Ich wollte sie nur befreien, um sie zu heilen."
Der Gardemann veränderte seine Haltung kaum merklich. Seine Schultern sanken herab und ich meinte Mitleide in seinen Augen aufblitzen zu sehen.
Alea fing erneut an zu sprechen.
„Sie schafft es keinesfalls mehr den Abhang hinunter, sonst bricht sie uns hier auf der Stelle ohnmächtig zusammen."
Ich hoffte meine zweifelhaften Schauspielkünste reichten aus, dass der Mann uns glaubte.
Aber wahrscheinlich waren es eher meine zerkratzten Arme und mein abgemagerter Körper, der in überzeugten.
Er ging in die Knie und beugte sich über mich. Plötzlich sackte er direkt über mir zusammen und mit einem schmerzerfüllten Stöhnen sank sein Kopf auf meine Brust. Alea stand ruckartig auf und wischte sich einen kleinen Dolch an ihrem Rock ab.
Ich starrte sie entsetzt an und konnte nicht glauben, was gerade passiert war.
Meine beste Freundin war eine Mörderin.
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Tizianrot
FantasyTizianrot Smaragd und Gold, Magentas Schein. Bernstein und Purpur, Tizians Feuer. Lapislazuli und Obsidian, Indigos Schönheit.
