Ein Gespräch

22 3 2
                                        

Angenervt tippe ich mit einem bleiernen Stift auf einem Blatt Papier, durch welches ich mittlerweile fast schon die bläulich-grüne Farbe des Schreibtisches erspähen konnte. Ein stetiges Jucken in meinen Haaren, der fade Geschmack meines Instantkaffees noch auf der Zunge und die dröhnende Stille in meinen Ohren, nur gefüllt vom hölzernen Klacken des Bleistifts, fast so als ob jede empirische Möglichkeit ausgenutzt wird mir den letzten Nerv zu stehlen. Ich war planlos übers Schreiben, gereizt bis zum letzten Muskel als die Tür nun aufspringt und munter begeistert meine Gedanken, nennen wir sie der Einfachheit halber John, mit breitem Grinsen eintreten und ein leeres Glas sowie eine Kanne mit oranger Flüssigkeit, bei näherer Betrachtung Orangensaft, mir gegenüber auf den Tisch stellt. "Jetzt rate Mal was ich herausgefunden habe!" Seine Aufforderung wirkt fast schon bedrohlich freundlich, und so ergebe ich mich mit einem schweren Seufzen, rolle mit den Augen und lege meinen Bleistift nieder. "Na...". Ich versuche zumindest freundlich und interessiert zu klingen obwohl meine Stimme von einem gewissen Sarkasmus durchzogen scheint. John lässt sich davon nicht ablenken, hebt die Kanne und kippt das Glas bis zur Hälfte voll mit Orangensaft. Er stellt die Kanne ab und guckt mich an. "Wie voll ist das Glas?". Ich seufze noch schwerer als zuvor, fast schon beleidigt von der simplen philosophischen Frage die er hier anzubringen versucht. "Kommt auf die Perspektive an, manche mögen sagen es ist halb voll, andere werden sagen es ist halb leer... Worauf willst du hinaus?". Ich versuche freundlich zu bleiben, da Perspektive etwas zu einfaches ist um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. "Uns ist beiden bewusst, dass Menschen den Zustand dieses Glases unterschiedlich bezeichnen werden, jedoch im Kern ihrer Aussage richtig sind solange sie die jeweiligen 50% des Glases bezeichnen können.". Das Grinsen von John wird breiter, als er nun den Finger in die Kanne taucht und einen einzelnen Tropfen der orangen Flüssigkeit hinein fallen lässt. Wieder hebt sich seine Stimme "Wie voll ist das Glas?". Ich seufze. "Was willst du für eine Antwort? Zur Hälfte gefüllt? Zur Hälfte gefüllt + einen Tropfen? Es hat sich doch optisch nichts geändert... Also ist es richtig wenn ich sage dass das Glas immer noch zur Hälfte voll ist.". John schüttelt den Kopf. "Ich sage", und er spricht besonders theatralisch auf, "dass dieses Glas nie halb gefüllt oder geleert war.". Seine Art beginnt mich zu nerven, und um eine schnelle abnickbare Erklärung zu kriegen frage ich lediglich: "Und warum dass nicht?". Seine Antwort ist plump. "Nun, stell dir mal vor das Glas wäre mathematisch betrachtet 2.". Ich nicke. "Und die Hälfte von 2 ist 1, das wissen wir ja. Also ist alles was größer und was kleiner ist von 1 nicht mehr die Hälfte von zwei, auch wenn es 1,000001 ist. Das heißt die Wahrscheinlichkeit dass ich das Glas wirklich bis zur Hälfte gefüllt habe ist laut Mathematik unendlich klein, da es eine Wahrscheinlichkeit von 1 zu unendlich darstellt.". "Mathematisch hast du da sicher Recht, aber was bringt dir das jetzt?". "Wer hat sich die Mathematik ausgedacht? Wer hat entschieden das 1 + 1 nun 2 ist? Ich meine, das ist ja nicht einfach so.". Ich schaue ihn an, stutzig wie er zu dieser These gekommen ist. "Und? Wir wissen es ja, weil es so ist wie es ist, wir wissen einfach das 1 + 1 = 2 ist, weil wir es beweisen können.". Ich male zwei Striche auf mein Blatt. "Es ist, was real ist.". "Das sagen wir, als Menschen. Jetzt stelle dir vor es gibt keine Menschen, es gäbe niemanden der zählen könnte, und es gäbe niemanden der das Glas sieht. Was ist nun real?". Die Gedanken ignorierend, dass es ohne Menschen vermutlich nie zu Orangensaft gekommen wäre zucke ich mit den Schultern. "Ich schätze es wäre halt einfach... da?", sage ich mit leicht fragendem Unterton. "Du verstehst die Frage falsch. Es geht nicht darum ob der Orangensaft ist oder nicht. Er wird definitiv noch existieren, da kann Schrödinger mich jetzt mal konsequent.". John schnaubt aus, die Arme vor der Brust verschränkend. "Es geht darum, wer sagt, dass etwas ist wie es ist. Ohne jemanden der es verarbeitet, gibt es auch niemanden der sagen kann wann etwas richtig ist oder wann etwas falsch ist, weil es ja kein festgesetztes Falsch und Richtig gibt, was bedeuten soll, dass alles was wir als Richtig und Falsch ansehen lediglich von uns gedacht wird, und wir denken, dass etwas Richtig oder Falsch ist anhand Dingen die wir uns wieder als Richtig und Falsch schon gedacht haben. Es haben also eigentlich immer alle Recht und Unrecht.". Ich lehne mich zurück und schlage die Beine übereinander. "Wenn ich dich richtig verstehe möchtest du damit sagen, dass alle immer Recht haben wenn sie sagen, dass das Glas halb gefüllt ist, da der Zustand der halben Füllung wiederum etwas ist, dass wir Menschen uns ausgedacht haben, und das selbst der mathematische Fakt, dass etwas exakt 50 Prozent sein MUSS nicht die endgültige Entscheidung bringt, da auch Mathematik lediglich etwas ist, dass wir Menschen uns ausgedacht haben und dementsprechend nur eine subjektive Wahrnehmung darstellt, statt einen klaren Fakt?". John nickt. "Das klingt fast schon nihilistisch... Außerdem würdest du mit deiner Aussage gerade ALLEN Extremen gleichermaßen zustimmen und dementsprechend widersprechen... Weißt du wie absurd das klingt?". "Aber es ist so, oder hast du etwas von dem du behaupten kannst dass es so ist wie es ist ohne dass wir Menschen es wahrnehmen mussten, beziehungsweise seinen Zustand benennen ohne ein von uns erschaffenes System zu nutzen?". Ich zucke mit den Schultern. "Wie denn, spätestens wenn ich anfange über dies Nachzudenken bedeutet es, dass die Begründung nur wahr ist, weil ich sie gedacht habe, sie würde ja nicht existieren, wenn ich nicht existiere. Trotzdem glaube ich, dass wir, für uns als Menschen Dinge als richtig und falsch identifizieren können... auch wenn es nur für uns ist.". John nickt wieder nur kurz. "Aber weißt du was das bedeutet? Dass Realität subjektiv ist und nicht existiert, sondern lediglich ein Konstrukt ist welches wir bewerten und subjektiv bezeichnen können, auch wenn unsere Ketten von Mathematik und anderen Wissenschaften noch so logisch scheinen, sind sie im Gesamtbild nur Das, ausgedacht.". Ich kippe mir ein Glas des Saftes ein. "Doch wir sind Menschen, und das was wir machen ist für uns Realität, und solange wir existieren, hat alles ein Richtig und ein Falsch, aus jeder Perspektive, und es liegt an uns selbst zu entscheiden wie wir etwas bewerten wollen.". Ich leere mein Glas in einem Zug. "Und deshalb sage ich, dass alles was ich vorhin empirisch wahrgenommen habe nervig war, und das ist für mich die Wahrheit, aber ja, ich werde es vermutlich im Kopf behalten wenn ich das nächste Mal diskutiere, dass die Realität nur dass ist, was wir aus ihr machen, egal ob bewusst oder unbewusst, und ich also nicht wütend zu sein habe, wenn jemand anderes eine andere Meinung vertritt, schließlich ist er in meiner Realität dafür objektiv dumm, in seiner Realität aber objektiv richtig.". John nimmt seine Kanne zur Hand und grinst, wendet und verlässt den Raum etwas beschwingter. Er hat Recht... und nicht.

Über ein Glas Orangensaft, dass nie halb warHistorias para obsesionarse. Descúbrelo ahora