Anfang der Kurzgeschichte

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Er hatte in seinem Leben Schreckliches gesehen: eine Leiche, die offensichtlich sehr lange im Wasser gelegen hatte; ein Unfallopfer, eingeklemmt in einem Mini zwischen zwei Lastwagen; eine junge Mutter, die um ihr Baby trauerte, das sie zuvor erstickt hatte; einen blutverschmierten Mann, über seine Ehefrau gebeugt, deren Körper er gerade in tupperdosengerechte Stücke zerteilte. Aber keine Erfahrung seiner beruflichen Laufbahn hatte ihn auch nur ansatzweise auf die Gefühle vorbereitet, die ihn beim Betreten des hell erleuchteten Hauses durchfluteten.

„Sie liegt im Wohnzimmer, Inspektor Walder“, meinte der Beamte der Wiener Polizei neben der Tür, doch Walder ignorierte den Mann.

Walder spürte einen Druck in seinem Magen, der sich in leichte Übelkeit verwandelte und schließlich zu einem Brennen in seinem Hals wurde. Unweinbare Tränen lähmten seine Stimmbänder. Aufmerksam sah er sich im Vorraum um und betrachtete die Jacken an der Garderobe, die Schuhe darunter, die Umzugskartons daneben. Der Anblick eines in Vollendung begriffenen Umzugs.

Nur eine Spur aus Bluttropfen, beginnend knapp nach der Wohnzimmertür, störten das harmlose Bild. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass der Abend so verlaufen würde.

Mit bedächtigen Schritten durchquerte er den Vorraum und betrat den Ort des Geschehens. Im Wohnzimmer herrschte ein heilloses Durcheinander. Die Stühle des Esstisches waren umgeworfen worden. Eine Stehlampe und ein Leselicht, beide noch eingeschaltet, lagen auf dem Boden. Notizen und Dokumente waren im ganzen Zimmer verstreut.

Walder entdeckte Lisa in der Mitte des Raumes auf dem Rücken liegend. Blut hatte sich unter ihr gesammelt und bildete eine bräunliche, zähe Pfütze, die fast bis zu den kurzen, brünetten Haaren reichte. Dort, wo das Messer wiederholt in ihren Bauch gedrungen war, war ihr bis zum Slip hochgerutschtes Kleid rot durchtränkt. Hellblau, registrierte Walder, seine Lieblingsfarbe. Wieso hatte noch niemand den Anstand besessen, sie zu bedecken?

„Ihr Name ist Lisa Sand, 27 Jahre alt, alleinstehend“, berichtete Fritz neben ihm. Der Frischling arbeitete seit knapp einem Jahr mit ihm zusammen und war bemühter als ein unausgelasteter Schuhverkäufer.

„Das weiß ich“, fuhr Walder seinen Kollegen an. Er erschrak über seine eigene Aggression und räusperte sich. „Diese Informationen habe ich bereits erhalten“, schwächte er seine Worte ab.

Fritz fuhr mit seinem Vortrag fort, doch Walder hörte nicht zu.

Walder zupfte am Kragen seines türkisfarbenen Hemdes. Er war nicht erst in seine Standarduniform - T-Shirt und Jeans – geschlüpft, sondern hatte einfach nur eine Jacke über das neue Oberteil geworfen.

Der Würgereiz kehrte zurück, und dieses Mal hatte Walder Schwierigkeiten, die zum Albtraum gehörenden Gefühle hinunterzuschlucken. Lisas leere Augen waren an die Decke gerichtet. Walder hatte dennoch das Gefühl, als starre sie ihn vorwurfsvoll an, weil er ihr nicht geholfen hatte. Weil er zu spät gekommen war.

Er zwang sich, tief durchzuatmen und den Geruch nach Tod zu ignorieren, der wie ein aufdringliches Parfum in der Luft lag. Üblicherweise hatte er kein Problem mit den Ausdünstungen von Leichen. Das hier war unzweifelhaft etwas Anderes.

[...]

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⏰ Last updated: Oct 22, 2014 ⏰

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