Müsli - Teil 1 von 1

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Fuck. Das war mein letzter Gedanke, als ich in die grellen Scheinwerfer des Lkws blickte. Ich wollte eigentlich niemandem die Schuld für diese ausgesprochen aussichtslose Situation geben, aber ich muss sagen, dass 09:12 Uhr eine äußerst ungeeignete Uhrzeit zum Verspeisen eines Gemisches aus Milch und Haferflocken, unter anderem auch Müsli genannt, ist. Der Grund? 09:12 Uhr war die Uhrzeit, zu der ich an solch einem Tag, einem Mittwoch, eigentlich auf dem Weg zum Bahnhof sein sollte, um meiner überaus geliebten, herzensguten Tante Gertrud einen Besuch abzustatten. Spaß beiseite. Sie war ein Biest. Zum Beispiel goss sie die Milch immer vor dem Müsli in die Schüssel. Aber das tut nichts zur Sache. Familienbesuche müssen nun einmal sein. Zurück zu 09:12 Uhr. Ich war an diesem Tag etwas später als sonst aus meinem friedlichen Schlaf erwacht. Um genau zu sein zwei Stunden. Denn leider Gottes - ich bin Atheist - hatte ich am Vortag, einem sonnigen Dienstag, an welchem mich mein Wecker noch mit überaus unmelodischem Gebimmel aus dem Bett gelockt hatte, eben diesen mit mächtiger morgendlicher Euphorie meiner pfirsichfarben gestrichenen Wand vorgestellt. Diese Begegnung hatte er leider nicht überlebt. Auf Grund jenes tragischen Todes konnte ich am heutigen Tag endlich mal wieder ausschlafen. Ob dies meinem, wie bereits erwähnt, herzallerliebsten Tantchen Gertrud, die sehr viel Wert auf Tugenden, wie Pünktlichkeit und Manieren, legte, gefallen würde, kann ich leider nicht sagen. Als ich also an diesem einen Mittwoch meine Augen mühsam auftat und nach meinem Handy, dessen Bildschirm heller strahlte als die Sonne es jemals könnte, griff, um die Uhrzeit meines Erwachens in Erfahrung zu bringen, musste ich leider feststellen, dass ich meinen Wecker doch ein wenig vermisste. Schließlich hatte dieser mich zwar immer höchst unsanft aus dem Bett gerissen, jedoch war er bei seiner Tätigkeit sehr zuverlässig. Nicht so mein Handy, das mir einzig "08:59 Uhr" entgegen strahlte. Fuck. Ich stand also sehr unter Zeitdruck, als ich halb schlafend in meine Hose gehüpft war und mit wehendem Hemd in die Küche stürmte, um wenigstens noch ein kleines Frühstück zu mir zu nehmen. Ich nahm mir eine blaue Schüssel und das Müsli aus dem Schrank, einen Löffel aus der Schublade und die Milch aus dem Kühlschrank. Nachdem ich alles auf dem Küchentisch platziert hatte, ließ ich mich auf dem beistehenden Stuhl nieder. Ich nahm die Müslipackung in beide Hände und ließ den Inhalt in die Schüssel rieseln. Dabei verschüttete ich zwar gut die Hälfte der Haferflocken, aber das war mir in jenem Moment recht schnurz. Denn immerhin war es bereits 09:08 Uhr und mein Zug würde in einer Viertelstunde den lokalen Bahnhof verlassen. Ich gab Milch zu den Haferflocken und fing an zu essen. Als ich erneut einen Blick auf die Uhr warf, musste ich erschreckenderweise feststellen, dass es nun 09:12 Uhr war. Könnte ich mich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, wäre diese Tatsache kein großes Problem gewesen, doch da ich diese Fähigkeit leider nicht besaß und regulär zehn Minuten zu Fuß benötigte um zum Bahnhof zu gelangen, musste ich mich nun tragischer Weise von meinem heiß geliebten Müsli trennen. Ich stürmte aus meiner Wohnung im sechsten Stock. Nun stellte sich mir die Frage, ob ich die Treppe oder den Aufzug nehmen sollte. Da ich mich nicht noch mehr hetzen wollte, fiel meine Wahl auf den Aufzug. Ich drückte auf den Knopf, worauf sich die Tür zu meiner Verwunderung auch schon öffnete. Würde das Glück heute doch noch auf meiner Seite sein? Als sich der Aufzug jedoch statt nach unten nach oben bewegte, verwarf ich diese Vorstellung schnell wieder. Oben angekommen, trat auch schon der Übeltäter, eine äußerst gut gelaunte Dame mittleren Alters, zu mir. Da ich heute anscheinend nicht schon genug Pech hatte, war die gute Frau sehr gesprächig. Nach einer langen Fahrt ins Erdgeschoss verließ ich nun mit dem Wissen, dass der Neffe der Frau ein begnadeter Klavierspieler und sie auf dem Weg zu einer Runde Bingo mit ihren sogenannten "Mädels" war, den Fahrstuhl. Ein weiterer Blick auf mein Smartphone verriet mir, dass mich der Weg ins Erdgeschoss nochmal vier Minuten gekostet hatte. Das hieß, ich hatte noch sechs Minuten Zeit, um rechtzeitig den Bahnhof zu erreichen und zu meiner geliebten Tante zu fahren. Ich sprintete also los und ließ meine plappernde Nachbarin zurück. Da meine Ausdauer aber doch sehr zu wünschen übrig ließ, war mein Sprinten schon bald nicht mehr als ein von Hecheln und Keuchen begleitetes, gemäßigtes Schritttempo. Ich schlurfte erschöpft um die letzte Ecke, die mich noch vom Bahnhof trennte und sah dort - unglücklicherweise - meinen Zug stehen. Mein Ziel nicht aus den Augen lassend, vergaß ich meine Erschöpfung und nahm meine Beine in die Hand. Zu meinem Bedauern hatte ich vergessen, dass zwischen meinem derzeitigen Standpunkt und dem Bahnhof noch eine Straße existierte. Kaum war ich ein paar Meter gerannt, vernahm ich ein ohrenbetäubendes Hupen zu meiner Linken. Mein Blick schnellte in jene Richtung des erklungenen Lautes und sah einen überaus großen Lastkraftwagen, welcher sich mit beunruhigend scheller Geschwindigkeit auf mich zubewegte. Meine Muskeln verkrampften und ich starrte in die grellen Scheinwerfer. Mit letzter Kraft kniff ich meine Augen zusammen, mich auf meinen letzten Atemzug vorbereitend. Nun würde ich wohl ohne wenn und aber meinen Zug verpassen, nie wieder Müsli genießen können und - das größte Übel - Tante Gertrud wohl niemals wieder sehen. Arrivederci Tantchen. Arrivederci nicht gegessenes Müsli. Arrivederci junges Leben. Ich bin noch Jungfrau. Fuck.

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