Veränderungen

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Ich war schon immer ein sehr aufbrausender Mensch gewesen. Kurzschlussreaktionen gehörten nach wie vor zu meinem Alltag und nachdem ich die ganze Fahrt von der Schreibwerkstatt nachhause weinend verbracht hatte ‚ich will nicht nachhause, da bin ich wieder so alleine, alle ignorieren mich' wusste ich, dass ich eine Veränderung brauchte. Dringend. Noch am Vortag hatte ich mit meiner Freundin, welche mich sowieso nur noch genervt hatte, Schluss gemacht. Und nun war es Zeit für eine äußerliche Veränderung. Ich hatte auch schon ganz genau im Kopf was ich wollte. Ich wollte wieder so blond sein wie in der Volksschule, da war alles noch so einfach gewesen.

Die Haarfarbe stank unheimlich, irgendwie nach den Kopfkissen in der Schreibwerkstatt. Und sie brannte in der Nase und in den Augen. Alles was ich hörte war das knistern von der Alufolie wenn Farbe auf die Strähnen gestrichen wurde, die am offenen Fenster vorbeifahrenden Autos und die Gespräche zwischen zwei der Frisörinnen von denen eine scheinbar eine Operation am Bauch gehabt hatte. Aber das konnte ich nur nach ihren Gesten erahnen, da sie sich in einem Mischmasch aus Türkisch und Deutsch unterhielten.

Zehn Minuten warten, was sollte ich denn jetzt tun? Ich wurde fast von dem Wind der durch das Fenster kam weggeweht. Die Haare die nicht gebleicht wurden, welche bereits überall in meinem Gesicht verteilt waren, machten scheinbar den Anfang. Eine lustige Vorstellung, vom Wind herumgeweht zu werden. Ich musste schmunzeln.

Ich schloss meine Augen, dachte an sie. Sie war mir auf der Schreibwerkstattbegegnet und ich fürchtete, dass sie mich in ein verliebtes Wrack verwandelt hatte. Noch eine Veränderung in dieser Woche, davor war ich das nämlich definitiv nicht gewesen. Sie beeindruckte mich einfach, ich wusste nicht genau was es war. Und sie verließ meine Gedanken kaum, sie war mit ein Grund warum ich in der Nach so gut schlafen konnte, trotz der unbequemen Matratzen. Sie praktisch neben mir zu wissen war fast schon beruhigend. Auch jetzt, als ich an sie dachte schlug mein Herz schneller und ein Lächeln machte sich auf meinem Gesicht breit. Es war auf eine gewisse Weise beschämend, ich wusste doch, dass sie vergeben war, schon seit dem ersten Abend wusste ich das, da hatte sie es erzählt. Und doch konnte ich diese Gefühle entwickeln. Und es war schrecklich. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen als die Frisörin mir sagte, dass ich schon zum Haarwaschbecken gehen konnte, die zehn Minuten waren vorbei.

Nachdem meine Haare gewaschen worden waren, ich hatte ehrlich gesagt nicht ganz begriffen was alles mit ihnen gemacht wurde, musste ich wieder zehn Minuten warten. Es waren mehr, ich hatte auf die Uhr geschaut. In der Zwischenzeit schloss ich die Augen und dachte an den Vortag. Also an den Abend, um genau zu sein, nach der Lesung in der Schreibwerkstatt. Sie war von ihrer Mutter abgeholt worden, ich wollte nicht, dass sie schon ging. Ich würde sie so vermissen. So lange ich konnte hatte ich mich an sie geklammert, gezittert, mein Herz hatte schneller als es sollte geklopft, es hätte mich nicht gewundert wenn sie das bemerkt hätte. Ich war den restlichen Abend ungewöhnlich still gewesen, aber das kannte ich schon von mir. Immer die Traurigkeit überspielen, bis ich dann im Bett zu weinen begonnen hatte. Sie war weg, ob ich sie wieder sehen würde?

Ich sah in den Spiegel, meine Haare waren noch nass aber man konnte den Unterschied deutlich erkennen. ‚Alles ist anders'. Und es fühlte sich toll an, ich strahlte in mein Spiegelbild, so glücklich hatte ich mich schon lange nicht mehr gesehen. Ich war wie vor dem Gymnasium. Klein, naiv und blond. Und genauso würde ich zurückkommen. Anders, als ich gegangen war.


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