Kapitel 1

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Vorsichtig schlich er die Straße entlang. Die Abenddämmerung war ihm ein vertrauter Freund geworden. Weniger Plünderer, die umherstreiften.
Hinter einem hohen Busch hielt er inne, spähte langsam hervor. Seine Sinne waren geschärft, denn das war überlebenswichtig. Die Luft war warm und ihm hing der Geruch von Rauch in der Nase. Als er sah, dass niemand in der Nähe war, lief er schnell über die Straße und drückte sich an die kühle Hauswand. Er war sehr bedacht darauf, kein lautes Geräusch zu verursachen. Um ihn herum war es sehr still.
Sein Atem zitterte ein wenig, als er die Wohngegend überprüfte. Die Häuser, die zum Großteil verlassen waren, ließen ihren Putz auf die Erde regnen und sahen nur noch traurig aus. Früher war es hier so schön gewesen. Ein ruhiges Wohngebiet mit jungen Familien. Kinder die auf der Straße spielten, Mütter die mit ihren Kinderwägen spazieren gingen und Väter, die ihren Zöglingen das Fahrradfahren beibrachten.
Nichts mehr war davon übrig geblieben.
Überall Müll, Autos, die zurückgelassen und ausgeschlachtet wurden, das meiste Grün verdorrte. Der Beton auf den Wegen war aufgeplatzt.
Er atmete tief ein und lief geduckt an der Hauswand entlang. Er sprang durch Löcher in den Hecken, rannte durch die verwitterten Gärten der ehemaligen Bewohner und machte halt, als er schnelle Schritte auf ihn zukommen hörte.
War es eine dieser Kreaturen?
Er erinnerte sich noch genau: Vor zwei Jahren waren auf einmal Portale aufgetaucht. Die Nachrichtensender überschlugen sich, denn in der ganzen Welt wurden sie gesichtet.
Anfangs kamen menschenähnliche Wesen durch sie hindurch. Viele dachten, es seien Aliens. Doch als dann auch diese Kreaturen durch die Portale traten, waren einige der Meinung, die Hölle hätte sich aufgetan. Um die Menschheit zu bestrafen.
Er selbst hatte erst eine Kreatur zu Gesicht bekommen. Das war auch gut so. Denn die meisten Menschen überlebten derartige Begegnungen in aller Regel nicht. Ein gewaltiges Wesen mit einem riesigen Maul und scharfen Zähnen war es gewesen. Es hatte Hörner am Kopf und Stacheln am Rücken. Der Gedanke an die mächtigen Krallen der Kreatur ließ ihn jetzt noch schaudern.
Es zerfetzte ein paar Leute, die gegen es antreten wollten. Er selbst hatte sich, schlau wie er war, bedeckt gehalten.
Die galoppierenden Schritte kamen immer näher. Er konnte bereits das Schnauben hören. Er hielt den Atem an, starrte gebannt in die Richtung, aus welcher die Geräusche kamen. In seinem von Schweiß benetzten Nacken wurde es ganz kühl, als der leichte Wind ihn umspielte.
Das Rascheln der Laubblätter wurde lauter. Das Gebüsch begann zu zittern.
All die Anspannung fiel von ihm ab, als er sah, dass es ein hellbrauner Hund war, der sich durch das Gestrüpp drückte.
Glück gehabt.
Erleichtert atmete er aus, als der Hund ihn neugierig ansah.
„Ich tu' dir nichts", flüsterte er sanft und ging langsam in die Hocke. Der Hund kam vorsichtig näher, schnüffelte an der Hand, die der Junge ausgestreckt hatte.
Gerade, als der Junge ihm hinter dem linken Ohr kraulen wollte, ertönte ein lauter Knall. Der Hund legte die Ohren an und machte sich schnell davon.
Er richtete sich wieder auf und atmete tief ein. Etwas gab es noch zu erledigen.
Es wurde langsam dunkel, was es ihm einfacher machte, unentdeckt durch die Straßen zu huschen.
Bald erreichte er ein Lager. Er kannte die Lagerplätze der Plünderer in der Gegend mittlerweile sehr gut. Wusste, wann sie auf Streife gingen und andere ausraubten oder Schlimmeres taten.
Zu seinem Glück wurde dieses Lager meist ohne Wachmann gelassen. Sie hatten zwar Minen zum Schutz ausgelegt, doch der Junge wusste längst, wo er hintreten konnte. Er hätte praktisch die Augen schließen und einfach durchmarschieren können.
Ganz leise kroch er näher an den verlassenen Einkaufsladen heran. Er blieb einen Moment stehen um die Minen zu zählen, die auf dem Parkplatz verteilt waren. 
...Fünfzehn, sechszehn, siebzehn.
Er nickte sich selbst zu, atmete tief ein und setzte sich in Bewegung. Mit gezielten Schritten lief er quer über den dunklen Asphalt bis zu dem schwarzen SUV, der nahe der Ladentüre geparkt war. Dort lagerten sie schmutziges Wasser und Konserven. Seine Schritte knirschten, als er nur noch ein paar Meter von dem Auto entfernt war. Er war über verkohltes Holz gelaufen, das von einer ausgebrannten Feuerstelle übrig war.
Hektisch zog er eine Stofftasche aus seiner Hosentasche und entfaltete sie. Er stopfe so viele Konserven hinein, wie er gerade so tragen konnte, ohne dass das Gewicht der Tasche ihn beim Fortlaufen hindern könnte.
Als er tiefe Stimmen rufen und lachen hörte, erstarrte er und lauschte.
Sie kamen zurück.
Er nahm sich nochmals zwei Dosen und sprintete los. Elegant hüpfte er über die Minen und schlüpfte auf der anderen Straßenseite durch ein Gebüsch hindurch. Dann setzte er sich hin, gab seinem Herz einen Moment, sich wieder zu beruhigen. Sie hatten ihn nicht gehört.
Zufrieden setzte er seinen Nachhauseweg fort. Es war nun schon recht dunkel geworden. Die Straßenlaternen schalteten sich bereits seit einer Weile nicht mehr ein.
Gerade wollte er die Gärten hinter sich lassen, als er Schreie hörte. Er ging neben der rauen Hauswand in die Hocke und wartete. Im Schutz der Dunkelheit sah er drei Männer fluchend die Straße vor ihm entlang rennen.
Bloß nicht bewegen, sagte er sich im Stillen. Falls jemand, oder etwas, hinterhergerannt kam, würde das das Ende sein.
Ein paar Minuten blieb er sitzen, bis wieder bedrohliche Stille eingekehrt war.
Nicht mehr weit. Über die Straße, den Gehweg eine halbe Minute hoch und in den Hof.
Vorsichtig erhob er sich, bedacht darauf, die Dosen nicht klappern zu lassen. Neugierig streckte er den Kopf an einem Busch vorbei. Leere. Soweit er jedenfalls sehen konnte.
Entschlossen lief er los, immer von Baum zu Baum, von Gebüsch zu Auto.
Der Innenhof des Grundstücks war sicher eingezäunt. Das Tor war ausgehängt, jedoch übernahmen spitzige Holzpfahle, die schief in den Boden gerammt waren, dessen Funktion.
Der Junge bückte sich, schob die Tasche durch eine Lücke auf die andere Seite und kroch danach selbst hindurch.

„Du warst lange weg. Wir haben uns schon Sorgen gemacht, dass...", sagte die von den Jahren gezeichnete Frau und brach ab, um den Tränen zu entgehen.
„Tut mir leid, Mum", sagte der Junge und legte die Konserventasche auf den Esstisch. Die altaussehende Frau schüttelte den Kopf und lächelte. „Schon gut. Hauptsache du bist hier und unverletzt."
„Mensch Matthew, das ist ja besser als ein Sechser im Lotto", sagte der ältere Mann, als er die Konserven auspackte.
Matthew grinste und setzte sich an den Tisch. „Super, oder? Tomaten, Erbsen und Möhren und sogar Nudeln mit Bolognese", sagte er stolz.
Mit einem großen Lächeln ging der Mann um den Tisch herum in Richtung Küche. Er humpelte etwas. Der Knochenschwund machte ihm zu schaffen, doch er wollte sich nichts anmerken lassen.
Erfreut nahm Matthews Mutter die Bolognese-Konserve in die Hand und folgte ihrem Mann in die Küche. „Heute gibt es ein Festessen!", rief sie aus – gefolgt von einem Husten.

Der Junge versuchte, einen Kloß hinunter zu schlucken.
Seine Mutter hatte ihm sein ganzes Leben lang Warmherzigkeit gepriesen. Dass es jedes Lebewesen zu schützen galt. Dass es wichtig war, aufeinander aufzupassen.
Und nun?
Nun bekämpften sich die Menschen gegenseitig.
Sein Vater hatte ihm in den letzten Jahren gezeigt, wie man sich gut verstecken konnte. Er hatte ihm eingebläut, dass es besser war, sich nicht mit den bewaffneten Männern und Wesen aus anderen Welten anzulegen. Den Wall vor dem Innenhof hatten sie gemeinsam aufgebaut und er hatte ihm wertvolle Tipps gegeben, worauf es ankam, wenn er alleine unterwegs war.
Am Anfang waren sie gemeinsam auf Streifzug gewesen.
Doch die Schmerzen seines Vaters wurden von Tag zu Tag schlimmer. Manchmal konnte er sich kaum bewegen.
Matthew starrte ins Leere. Der Kloß war immer noch da.
Sie wurden alt. Alt und krank.
Und er war schwach. Er konnte sich nicht verteidigen. Wenn es darauf ankam, würde man ihn einfach umbringen.
Er dachte schon eine Weile darüber nach... Nein. Sie hatten ihn gewarnt. Niemals, hatten sie gesagt, niemals darfst du das in Betracht ziehen. Doch gab es denn eine andere Möglichkeit?
Unmerklich schüttelte er den Kopf, während er darüber nachdachte.
Morgen.
In der Früh würde er losgehen.
Er musste etwas unternehmen.

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