Pilot

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„Und vergiss die Decke nicht. Du darfst meinetwegen alles vergessen, nur nicht die Decke." Sichtlich gestresst fuhr sich Maman durch die hellen Haare. „Und Ivies Teddy. Wo ist denn noch mal die Liste? Ich will noch mal drauf schauen. Pippa?" „Brett." Ohne Aufzuschauen zeigte ich auf die Pinnwand. Hastig riss Maman die Liste ab und studierte sie. „Bär, Kopfhörer, Badehose...", murmelte sie und nickte dabei.

Vertieft saß ich an meiner eigenen Liste. Zwei Sonnenbrillen dürften schon reichen, oder? Runzelnd strich ich die zwei durch und schrieb eine drei hin. Sollte eine kaputt gehen, hätte ich nur noch eine. Das würde nicht reichen. Sicher ist sicher.

„Und du schaffst es wirklich?" Maman hatte sich vor mir positioniert und schaute mich fragend an. „Ja!!! Zum zwanzigsten Mal. Mach dir ein schönes Wochenende, wir sehen uns dann schon zwei Tage später." Entnervt blickte ich hoch.

„Hätten Papa und ich es nicht organisiert, wären wir natürlich mit euch geflogen. Aber..."
„Maman, es ist wirklich kein Problem! Ich habe schon vorletztes Wochenende auf Caius aufgepasst. Und Ivie ist ein Engel, wenn Caleb sie beschäftigt. Das wird echt easy."

Maman nickte langsam. So richtig konnte sie mir aber nicht glauben, das las ich in ihrem Gesicht. Ermunternd lächelte ich sie an.
„Ich geh jetzt hoch und packe den Rest. Und mach dir keine Gedanken. Wir bekommen das hin."

Ich entfernte mich aus der Küche und ging hoch in mein Zimmer. Dort angekommen schnappte ich mir mein Handy und warf mich aufs Bett.

______________📱💭 ______________

Marie: Ich freu mich so! 😍

Ich: Und ich mich erst:) aber Maman ist gerade mega gestresst und macht mir dadurch auch Stress 🙄

Marie: Oh man, Eltern können so nervig sein

Ich: Wem sagst du das 😒 Ich hoffe bei dir ist es entspannter!

Marie: Leider nicht 😩😩 Meine Mama findet einen ihrer Tennisröcke nicht und bei Papa ist gerade der Reißverschluss vom Koffer kaputt gegangen 😂

Ich: 😂😂

Marie: Hast du deine Packliste schon fertig?

Ich: Ne, noch nicht 🤐 Aber ich sollte mich da echt mal dransetzen. Und genau das mach ich jetzt, bis später :)

Marie: 👍

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Nach einer guten halben Stunde war die Liste endlich fertig. Nun musste ich mein Zeug nur noch in den Koffer quetschen. Der Koffer war zwar groß, meine Liste aber auch sehr lang.

„Pippa?" Maman stand an meiner Zimmertür und lächelte mich an. Im Vergleich zu sonst machte sie einen wachen und frischen Eindruck und das ohne Make-up.

Ihr anstrengender Beruf als Radiologin und die Erziehung eines Kleinkindes und eines Säuglings machten sich sonst auf ihrem Gesicht bemerkbar.

Ohne einen Kaffee und Schminke an hektischen Tagen  sah meine Mama älter aus als sie war und leider war fast jeder ihrer Tage hektisch.

Ihre blauen Augen, die sie meinem kleinen Bruder und mir weiter vererbt hatte, zeigten mehr Lebensfreude als sonst und strahlten.

„Ich bin dir wirklich sehr dankbar."
Sie gab mir eine liebevolle Umarmung und einen Kuss auf die Wange.

„Du bist jetzt meine Große, das ist unglaublich. Caleb ist zwar der Älteste, aber Männer werden ja bekanntlich nicht älter als zwölf. Ich bin echt froh, dass ich dir vertrauen kann, mein Schatz."

Ich lächelte sie an. Normalerweise war Maman nicht so emotional. Auch wenn ihre Worte gut taten, war mir das etwas zu viel. Am liebsten würde ich gehen und sagen: ‚Sorry, zu viele Gefühle!', aber ich wusste, dass es sie verletzten würde.

Ich lächelte weiter - wohl etwas krampfhaft - und dachte darüber nach, dass ich nicht bereit war, die Älteste zu sein.

Erst letzten Samstag hatte ich etwas über meinen Durst getrunken und musste mich im Gebüsch vorm Club übergeben, während Marie noch schnell meine Haare aus dem Gesicht hielt. Leider konnte nicht alles gerettet werden und frage mich echt, wie ich noch in den Club reingekommen bin. So erwachsen war ich also.

Aber Gott sei Dank erlöste mein kleiner Bruder Cajus mich, in dem er lauthals anfing zu schreien. Entschuldigend schaute meine Mutter mich an und ging zu seinem Kinderbett.

Erleichtert machte ich mich in mein Zimmer auf und öffnete nochmal meinen Koffer, um den Inhalt mit meiner Packliste abzugleichen. Währenddessen  dachte ich darüber nach, ob ich mir ein Leben, wie das meiner Mutter, vorstellen könnte.

Direkt nach dem Abitur begann meine Mutter ihr Medizinstudium. In einem Praktikum lernte sie meinen Vater, einen 13 Jahre älteren Oberarzt, kennen und ein Jahr später war ich dann da.

Als ich zwei war, setzte sie ihr Medizinstudium fort und spezialisierte sich auf Radiologie. Fachärztin mit 31 und mit 33 kam dann die zweite Tochter zur Welt. Mit 36 dann der erste Sohn. Jetzt ist Maman 38, hat drei Kinder (und eins so halb; Papa hat einen Sohn aus einer früheren Ehe) und fängt nach dem Urlaub wieder in der Praxis an zu arbeiten, die sie und Maries Papa leiten.

Ein Medizinstudium ist so schon hart. Ein Kind nebenbei aufzuziehen, ist die Oberhärte. Und dass dein Partner noch ein Kind aus einer früheren Ehe hatte, macht es kein Stück leichter.

Aber Caleb und Maman verstanden sich prächtig. Seine Mutter Freya war Modedesignerin und da er größtenteils bei ihr wohnte, nahm sie ihn überall hin mit. Er hatte schon in Mailand, New York, Mumbai und London gelebt; den Hauptwohnsitz hatte seine Mutter jedoch stets in Paris.
Freya rauchte wie ein Schlot, sah immer sehr extravagant aus und schmückte ihre Erzählungen immer so mystisch aus, dass ich danach immer darüber grübelte, was davon tatsächlich der Wahrheit entsprach.

Während Maman Caleb sehr liebte, hegte sie keine Sympathien Freya gegenüber. Als wahrhaftige Kreativitätsauslebende gab es bei ihr auch viele Zeiten der Unsicherheiten - sowohl seelisch als auch finanziell.

Nicht selten stand Freya überraschend mit Caleb vor unserer Tür und musste für drei Wochen ins Ausland. Papa war als damaliger Alleinfinanzierer wenig zu Hause und so musste meine Mutter neben ihrem Studium gleich zwei Kinder unterstützen.

Und auch wenn Papa Caleb finanziell mehr als ausreichend unterstütze, musste er nicht selten die vollständige Miete von Freyas überteuerter Pariswohnung (so wie alle Wohnungen in Paris überteuert sind) zahlen, was meiner Mutter so gar nicht gefiel.

Mit Ende vierzig war Freya jetzt aber finanziell sehr gut gestellt und hatte mittlerweile die Wohnung (die sie aber dann gekauft hatte) gegen ein schönes Haus ein einem Pariser Nobelviertel ausgetauscht.
Ihr Modelabel      FREYA    hatte es mittlerweile in Paris geschafft und wer es nach Paris geschafft hatte, hatte überall in der Modewelt Zutritt.

Aber ihr Leben wollte ich nicht haben. 

Und wenn ich so darüber nachdachte...


Das Leben meiner Mutter auch nicht.

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