Sie sah in den Spiegel und konnte den Anblick kaum ertragen. Was ist das für ein Monster? Wieso bin ich ein Monster? Gibt es noch mehr wie mich? Wie bin ich nur so geworden? Sie sah in ihre starren, grünen Augen, als gäbe es dort die Antwort. Sie blickten anklagend zurück. Du hast ein Monster aus mir gemacht, schrien sie stumm. Du hast uns zerstört, wir sind kaputt und können nicht mehr repariert werden. Aber du lebst noch. Du musst jetzt mit uns weiterleben. Viel Spaß, lachten sie noch höhnisch. Sie schrak zurück und fasste sich ins Gesicht: "Bitte! Es tut mir so leid! Bitte verzeiht mir!", doch die Augen verziehen nicht. Sie versanken nur in einem Meer aus Tränen. "NEEEEEEEIIIN!" schrie sie, "nein, bitte verzeiht mir!" Sie sank auf den Boden. Die Tränen rannen übers Gesicht, durchtränkten ihr T-Shirt, tropften auf den Boden. Sie krümmte sich wie unter Schmerzen und wimmerte: "Bitte! Ich wollte das nicht! Ich wollte das gar nicht! Ich wusste doch gar nicht was passieren würde! Es war nicht meine Schuld..."
Sie blickte wieder in den Spiegel. Ihre roten geschwollenen Augen blickten flehend zurück. Doch wieder verziehen sie nicht: "Es war deine Schuld. Das weißt du. Es war deine Entscheidung. Du hast dir diese Schuld ganz alleine aufgeladen. Entweder beginnst du sie abzutragen oder du versinkst weiter unter ihr, hinen ins Dunkel."
"Wie? Wie soll ich sie denn abtragen? Was soll ich denn tun?" schluchzte sie: "Es geht nicht... Ich kann nicht... Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht aufstehen. Ich kann nicht atmen!", erschrak sie. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Ein unsichtbares Band zog sich immer fester um ihren Hals, nahm ihr die Luft zum atmen. Panik kroch in ihre Glieder. Sie konnte sich nicht gegen ein imaginäres Band wehren. Es war nicht da, aber sie fühlte es doch! "HIIILFEEE!", schrie sie in Gedanken. "HILFE, PAPA, HILF MIR! ICH ERSTICKE!!!" Ihr rechtes Bein begann unter dem Sauerstoffmangel wild zu zucken. Ihr Herz schlug so schnell, dass man die einzelnen Schläge unmöglich mehr hätte zählen können. Jede einzelne Zelle ihres Körpers war bis zum Äußersten angespannt. Sie würden bald alle einfach zerreißen! "ICH STERBE!" schrie sie noch in ihren Kopf hinein, wo sie nur leider niemand hören konnte, außer sie selbst. Dann verschlang sie die Dunkelheit.
~
Rückblick.
Ein Jahr zuvor.
Sie war alleine.
Panisch durchkämmte sie ihr altes Zimmer: "Nein, nein, was mache ich denn jetzt? Nein, nein, ich kann nicht. Ich WILL nicht! Ich schaffe das einfach nicht!" Hektisch sah sie sich um, als hätte sich plötzlich irgendetwas in ihrem Zimmer verändert, zu etwas, das ihr helfen konnte. Doch es hatte sich nichts verändert. Alles war wie vorher.
Sie ging die Treppe hinunter, vielleicht gab es da etwas. Rein ins Wohnzimmer. Nein, scheiße, da ist auch nichts. Halt warte! Eine Weinflasche. Na gut, besser als gar nichts. Sie trank gierig aus der Flasche und ihr schlechtes Gewissen kam erst gar nicht auf. Das hatte schon vor längerer Zeit aufgegeben. Egal, besser so. Leider half der Wein nicht im geringsten ihr eigentliches Problem zu lösen. Es war immer noch da.
Seit Wochen tat sie nichts als über den morgigen Tag nachzudenken, doch sie hatte keine Lösung finden können. ES GAB EINFACH KEINE. Die einzige Lösung die sie hatte finden können, war das die Zeit zurück gedreht werden würde, und all die schrecklichen Dinge niemals passiert wären. Dann wäre es nämlich nicht dazu gekommen, dass dieser Tag bevorstand. Das alles hätte nie passieren dürfen, dessen war sie sich sicher. Es ist einfach alles viel zu schrecklich, als das es wahr sein könnte. Diese Hölle kann niemals meine Realität sein. Ich kann nichts daran ändern, ich kann es nicht ändern, dass der morgige Tag kommt. Nur die Zeit kann das ändern! Die Zeit muss sich zurückdrehen! Ich kann nur in der Vergangenheit etwas ändern! Aber jetzt ist es doch schon zu spät. Ich kann jetzt nichts mehr machen. Warum tut die Zeit denn nichts? Warum lässt sie mich so im Stich? Wie kann sie einfach immer weiter stur geradeaus laufen. Wieso tut sie mir das an? Sie muss wieder zurück laufen. Es ist doch ein Fehler passiert! Hat sie das denn nicht gemerkt? Ist sie, so stupide in ihrem Wahn nach Vergessenheit, einfach vor den Menschen davongelaufen, die sie doch so dringend brauchen. Bald wird sie ganz weg sein. Ich werde sie verlieren, aber sie auch mich. Dann haben wir uns gegenseitig vergessen.
Sie war wieder oben in ihrem Zimmer. Wie war sie dorthin gekommen? Hier gab es doch nichts. Oder doch? Sie zog nacheinander jede Schublade ihres Schrankes auf. Da! Sie hielt inne. Da war etwas. Ihre Medikamente. Antidepressiva, Neuroleptika, Benzodiazepine. Sie griff alle heraus. Schwach hörte sie ihren Psychiater sagen. "Sie müssen mir versprechen, nicht alle auf einmal zu nehmen. Damit kann man sich auch nicht suizidieren, müssen Sie wissen. Doch Sie können Folgeschäden an den Nerven verursachen. Eine Patientin von mir hat es versucht und..." Und was? Was war mit ihr passiert? Kann man sich wirklich nicht damit umbringen? "Ich verspreche es." hörte sie sich selbst zu. Dann erschien das Bild ihrer Lehrerin in ihrem Kopf. "Ich gebe Ihnen meine Privatnummer. Versprechen sie mir mich jederzeit anzurufen, wenn ihnen dumme Gedanken kommen?" sagte es. "Ich verspreche es." Sollte sie heute zwei Versprechen brechen? Sie dachte an ihre Eltern. Ihren Bruder, ihre Großeltern, den Kater, den Hund, ihre toten Großeltern, den toten Kater, den toten Hund... Ihre Eltern. Was war sie im Begriff ihnen für ein Verbrechen anzutun. Sie war doch keine Mörderin. Sie war doch das kleine Kind ihrer Eltern. Sie wollte ihren Eltern ein totes Kind antun. Das schlimmste was Eltern angetan werden kann. Und dann auch noch durch Suizid.
Es konnte kein schlimmeres Verbrechen auf der Welt geben. Den Eltern, die einem so viel Liebe geschenkt haben, eine Welt nur noch bestehend aus Schmerz und Trauer zufügen.
Zu so etwas kann doch kein Mensch fähig sein.
Ein Monster schon.
Es drückte die Tabletten aus allen Blistern heraus. Stopfte es in sich hinein, spülte sie mit dem Wein hinunter. Nahm die nächste Hand voll Tabletten in den Mund, spülte auch sie hinunter, dann die nächsten Dutzend Tabletten, der Wein, die Tabletten, Wein, Tabletten, Wei...
ENDE
