Prolog: Dead One - Zerrissene Familie

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Du hörst das schaben von Fingernägeln hinter der Haustür, ein kehliges Röcheln und Stöhnen zerstört die abendliche Ruhe im Hause deiner Familie und lässt dich, deine Mutter und Vater, sowie deine kleine Schwester Antonella verwundert vom gemeinsamen Abendessen aufsehen. In deinen Ohren klingt es beinahe schon unheimlich. "Mami, was ist das?" , fragt die jüngste im Bunde und zupft leicht wimmernd an der Bluse deiner Mutter. "Es ist alles in Ordnung, mein Schatz. Wahrscheinlich ist es der Hund vom Nachbarn, der das Essen erschnuppert hatte." , beruhigt die junge Frau ihre Tochter lächelnd und streicht liebevoll durch das blonde Haar.

"Ich werde nachsehen." Du beobachtest wie dein Vater sich vom Stuhl erhebt, auf leisen Sohlen das Esszimmer verlässt und sich auf die Haustür zu bewegt. Du kannst es dir nicht genau erklären, und doch flüstert dir eine Innere Stimme zu, deinen Vater anzuflehen die Tür nicht zu öffnen. Macht ein Hund solche Geräusche?

"Dad ... " , warnst du leise, doch dein Vater hatte es trotz allem vernommen und hält in seinen Bewegungen inne. "Sei vorsichtig." Dein Vater lächelt fürsorglich über seine Schulter hinweg zu dir hinüber und nickt, bevor er aus deinem Sichtfeld verschwand. Du seufzt leise und trotz seinem tonlosem Zuspruch aufzupassen, spannen sich deine Gliedmaßen unweigerlich an und unruhig rutscht du auf deinem Stuhl hin und her, stocherst teilnahmslos im Kartoffelbrei auf deinem halbleeren Teller herum und horchst mit einem Ohr in den Flur hinein. Währenddessen ermahnt deine Mutter im Hintergrund Antonella ihr Gemüse zu vertilgen, sei es auch nur die Karotten, die sie normalerweise so gerne isst. Deine Schwester schüttelt jedoch bloß stur mit ihrem kleinen Köpfchen und schiebt beleidigt ihre Unterlippe hervor, als deine Mutter versucht ihr mit der vollen Gabeln sie zum weiter essen zu bewegen.

Du kannst dir ein Schmunzeln nicht verkneifen und für einen Moment vergisst du den Hund vor eurer Haustür, schiebst dir etwas von dem Kartoffelbrei deinerseits auf die Gabeln und isst, wenn auch langsamer als zuvor, dein Abendessen weiter. Gerade willst du dir ein Schluck Eistee genehmigen, als der schmerzerfüllte Schrei deines Vaters in deinen Ohren wiederhallt, heftig zusammen zuckst und nicht verhindern kannst, dass dir das Glas aus der Hand rutscht und auf dem Parkettboden zerspringt

Antonella hält sich erschrocken die Ohren zu, deine Mutter und du springen fast gleichzeitig vom Stuhl auf und rennen panisch aus dem Zimmer, hinein in den Hausflur. Ein spitzer Schrei seitens deiner Mutter lässt nun auch deine Ohren klingeln, doch auch du bist zu geschockt um auf das nun leise ziepen zu reagieren. Stattdessen beobachtest du aus schreckgeweiteten Augen das horrorartige Szenario vor dir und taumelst unter weichen Knien gegen die Wand. "Ivan ...! " , schreit deine Mutter unter aufkommenden Tränen und eilt deinem Vater zur Hilfe, der blutend auf dem Boden liegt und einen fremden Menschen unter höllischen Schmerzen versucht mit Händen und Füßen abzuwehren, der sich stöhnend auf ihn stürzt.

Du siehst von deiner Position aus, wie deine Mutter sich von hinten an den Angreifer heran wagt, ihn an den Schultern packt und kraftvoll von Ivan herunter zieht. Sie strauchelt unter dem Gezappel des Mannes, dennoch erscheint es dir, als würde er sich nicht zu wehren wissen und landet laut polternd vor der offen stehenden Haustür auf dem Boden, wo er zunächst liegen bleibt. "Oh mein Gott, Schatz. Geht es dir gut?" , beeilt sich deine Mutter zu fragen und setzt sich kniend neben ihren Mann, um ihn beim aufhelfen zu unterstützen. Ivan stöhnt auf, nachdem er einigermaßen eine aufrechte Sitzposition gefunden hatte, und hält sich seinen linken, stark blutenden Unterarm, den er vor sich geschoben hatte, als der fremde Mann sich nach dem öffnen der Haustüre plötzlich auf ihn gestürzt hatte und ihn ohne zu zögern ins Fleisch biss. Der Angriff geschah so plötzlich, so völlig unerwartet, dass er zu Boden ging und in aller letzter Sekunde einen weiteren Angriff mit seinem Fuß stoppen konnte, dennoch von den stumpfen Fingernägeln des Fremden an der rechten Wange gekratzt wurde.

Er sieht schlimm aus, denkst du dir völlig paralysiert und sammelst dich. Du willst auf deine Eltern zu gehen, jedoch weckt eine Bewegung aus dem Augenwinkel deine Aufmerksamkeit und aus einem Reflex heraus schlägst du deine Hand vor die Augen deiner kleinen Schwester, die unter Tränen aus dem Esszimmer geschritten kam. "Mami ... " schluchzt sie laut auf und wehrt sich gegen deinen Griff. Sie will zu deinen Eltern. Und doch hast du das Bedürfnis sie muss das Bild, mit dem vielen Blut, nicht sehen. Dafür ist sie mit ihren sechs Jahren viel zu jung und unschuldig. "Geh in dein Zimmer." , forderst du ein wenig zu schroff und schiebst sie ein Stückchen weit in die Richtung der Treppe, die in den nächsten Stock hinauf führt. "Nein, ich will nicht. Ich will zu Mami und Papi." , schreit die Kleine nun sehr ungeduldig und zerrt sich aus deinem eisernen Griff. "Antonella .. "

Deine Schwester schiebt sich unter deine Arme hindurch und rennt laut weinend auf deine Eltern zu, die zunächst aus großen Augen ihre kleine Tochter beobachten, bis Ivan zu schimpfen beginnt und Antonella zum Anhalten bewegt. "Bleib da!" "Bringe sie hinauf ins Zimmer." , fordert nun auch deine Mutter dich auf und du gehorchst relativ schnell. Schnellen Schrittes eilst du zu der Jüngsten im Bunde und schnappst ihre kleinen, zierlichen Ärmchen, hebst sie auf deine Arme und willst eigentlich zügig kehrt machen, als deiner Meinung nach der wahre Horror erst richtig anfängt.

Eine kalte, eisige Hand legt sich um dein Fußgelenk und zieht dir den Boden unter den Füßen weg. Du fällst gen Boden, deine kleine Schwester gleich mit und ihr beide keucht schmerzerfüllt auf, nachdem ihr hart aufschlägt. Die Zeit um sich zu fangen, bleibt euch beiden allerdings nicht, als sich ein schwerer Körper auf euch legt und eine hässliche Fratze sich in eure Sicht schiebt. Tote, gläserne Augen blicken auf euch hinab, Blut und Speichel trieft aus den Mundwinkeln des Mannes hinaus und bedeckt deine halbe Kleidung, sowie die deiner Schwester. "Nein ... " , hörst du im Hintergrund deine Eltern schreien, doch du bist viel zu erstarrt und befangen von diesem skurrilem Bild, um rechtzeitig zu reagieren, als die Zähne des Fremden in die Stelle, wo Hals und Schulter aufeinander treffen, deiner kleinen Schwester einschlagen. Ihr schmerzerfülltes Kreischen geht dir durch Mark und Bein und holt dich aus deiner Starre heraus. Blut spritzt dir ins aschfahl gewordene Gesicht, auf deinen Körper und dem Boden, bevor du mit deiner geballten Faust ausholst und dem Mann ins Gesicht schlägst.

Der Schlag tut dir wahrscheinlich mehr weh, als ihm, und doch reißen sich seine Zähne von Antonella los, unglücklicherweise sogar ein großes Stück ihrer Haut. Weitere Schreie ihrer Seits wecken die umliegende Nachbarschaft aus dem Schlaf.

Der Angreifer erholt sich viel zu schnell von deinem Schlag und setzt an dessen halb abgebrochene Zähne wieder in die unschuldige Antonella zu schlagen, als du aus dem Augenwinkel schemenhaft Ivan ausmachen kannst, der beinahe schon brutal an den Haaren des Mannes reißt und ihn in den Bauch tritt, somit auch runter von euch scheuchte. Du beobachtest wie dein Vater völlig dem Wahn verfallen auf den Angreifer einschlägt ... immer und immer wieder. Bis die Hände deines Vaters selbst blutig entstellt waren. Doch er hört nicht auf. Selbst dann nicht, als er anfängt selber zu schwitzen, zu husten und seine Hautfarbe mittlerweile nicht mehr gesund aussieht. So kränklich Blassgrün.

Währenddessen erscheint deine Mutter neben euch und nimmt dir Antonella mit zitternden Händen aus den Armen und schiebt der Kleinen blutige Haarsträhnen aus der Stirn, streicht über ihre kalt gewordene Haut und murmelt ihr Mut und Tapferkeit zu. Du erhebst dich im selben Augenblick und siehst deiner Schwester verzweifelt ins Gesicht. Sie rührt sich nicht mehr, die Augen waren geschwächt geschlossen, nur ihr flacher, röchelnder Atem verrät, dass sie noch lebt ... doch wie lange noch? Sie verliert Blut. Zu viel. Unter hohem Druck gesetzt presst du deine Hände auf die Wunde, doch das Blut quillt einfach zwischen deinen Fingern weiter hinaus. Es lässt sich einfach nicht stoppen. Ja selbst dein Hemd, welches du ausgezogen hattest, saugt sich schnell mit ihrem Blut voll.

Tränen lassen deine Sicht verschwimmen, auch deine Mutter verbirgt ihr Gesicht in ihren lockigen, blonden Haaren, während die Atmung von Antonella im Sekundentakt abnimmt. "Mami ... " , murmelt das Kind verängstigt und hebt ihre kleine, zitternde Hand. Sofort nimmt deine Mutter behutsam die ausgestreckten Finger entgegen und haucht mehrere Küsse auf ihre Knöchel. "Hab' keine Angst, ich bin doch da. Hilfe wird kommen. Du schaffst. ... " Die Stimme deiner Muter bricht ab und ein heftiges Schluchzen verlässt ihre trockene Kehle. Auch du kannst deine Tränen nicht mehr unterdrücken und laufen dir in Bächen über deine rot gewordene Wangen. Als Antonellas Hand in denen deiner Mutter erschlafft und ihre Atmung gänzlich ausbleibt, kommt dir deine Selbstbeherrschung abhanden.

Ein verzweifeltes, in große Trauer getränktes Schreien, erfüllt das Haus deiner Familie, du und deine Mutter weint bitterliche Tränen und seid nicht im Stande wirklich zu realisieren, wie ein harmlos begonnener Abend so ins Chaos stürzen konnte. In Bruchteil weniger Minuten ... . Wie konnte das passieren? Was ist wirklich geschehen?

Verdammt, sie war doch erst sechs Jahre jung. Unschuldig und naiv. Und trotz allem, sollte sie heute Abend aus dem Leben gerissen werden? Wieso ... ?

Du nimmst nur sehr vage zur Kenntnis, dass dein Vater sich zu euch gesellt, der Angreifer liegt bewegungslos einige Meter hinter eurer kleinen Gruppe und es scheint als würde er auch nicht mehr so schnell wieder aufstehen. Ivan nimmt seine tote Tochter aus den Armen deiner Mutter, zittert stark am ganzen Körper und keucht, als hätte er einen kilometerweiten Marathon hinter sich gebracht. Auch er vergräbt sein Gesicht in den lockigen Haaren von Antonella und schüttelt sich, seine Schultern beben. Du suchst währenddessen Trost in den Armen deiner Mutter, krallst deine Hände regelrecht in ihre Bluse, während sie in eine Art Schockzustand versinkt und die überlaufenden Emotionen sie erstarren lassen. Wie in Trance, starrt sie auf den Boden und scheint nichts mehr wahrzunehmen. Spuren ihrer Tränen brennen sich in ihre Wangen, das Make Up ist fast vollständig zerflossen. 

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