Nicht einmal der Tequila, den er vorhin getrunken hat, brennt so sehr wie die Gedanken, die Erinnerungen und sterbenden Träume in seinem Kopf.
Er steht in der Dunkelheit, die gierig ihre langen Schattenfinger nach ihm ausstreckt und sich in sein Herz weben will, steht einfach nur da und denkt an das verstorbene Früher. Das verstorbene Früher ist jetzt schon lange her; alles, das ihm noch davon bleibt, sind der bittere Geschmack des Vermissens (bitter wie Asche) und das Explodieren der Feuerwerke, das Regnen von tausend Farbglitzerschauern über ihm (laut wie Stille.) Das verstorbene Früher haben Menschen mit ihm geteilt, die jetzt schon lange fort sind, obwohl er derjenige war, der gegangen ist. Das verstorbene Früher ist immer noch in dieser Stadt präsent, klebt an ihr wie Farbkleckse und hängt in der Luft wie Rauch.
Es ist keine hübsche Stadt, die Häuser alt und tot, die Menschen leer und traurig. Es ist keine hübsche Stadt, da ist zu viel grau, zu viele Gehsteige und Gebäude und Straßen und zu wenig grün, zu wenige Parks und Gärten und Bäume. Es ist keine hübsche Stadt, denn man wispert hier, man spricht nicht, man wispert - Gesprächsfetzen fliegen umher und vielleicht fängt man sie, aber dann hat man keinen Schmetterling in seinem Netz aus Neugier, sondern eine Motte. Sie wird sterben, weil hier jedes Gespräch stirbt, sie verhallen ungehört in dieser wisperleisen Stadt.
(Es ist keine hübsche Stadt, aber es ist der einzige Ort, den er je Zuhause nennen konnte.)
Sein Zuhause, das ist jetzt fort. Fort, fort, verschwunden wie all die Gespräche und das staubige alte Jahr, das die Feuerwerke über ihm verabschieden. Fort, fort, verschwunden, vielleicht für immer und er will es zurück. Will sie alle zurück, jede einzelne Person, aber eine, die ist am Wichtigsten. Es ist diejenige, seine kleine Schwester, die er ganz sicher nicht wiederbekommen wird.
(Als er weggezogen war, war es Silvester gewesen. Seine Schwester hatte die Feuerwerke, die den Himmel in Brand gesetzt hatten, mit ihrer zerstörten Zukunft verglichen und ihm in all den Jahren danach kein einziges Mal geschrieben.)
Und jetzt steht er da, der Mann, der innerlich noch immer der Junge von damals ist, steht in dieser Stadt, die nicht hübsch ist, aber ein Zuhause. Er steht da, beobachtet die Feuerwerke im Himmel (grün, rot, lila, blau, lila, grün...) und hofft, dass das neue Jahr besser wird als das alte.
Dass Menschen wiederkommen, die er verlassen hat.
Ein Mensch kommt schon, ein einziger. Eigentlich kommt die alte Dame nicht persönlich zu ihm, es öffnet sich aber eine Tür rechts neben ihm. Ziemlich weit rechts liegt sie, diese Tür, fast verborgen in all der Dunkelheit. In der nach Silvester und Abschied schmeckenden Luft klingt das Quietschen der Angeln wie eine Trauermelodie für das sterbende Jahr.
Er dreht sich um und für einen Moment kann er ins Innere des Hauses sehen, erkennt einen lichtdurchfluteten Raum, in dem ein Esstisch und Sessel stehen. Ein Kaminfeuer flackert dort drinnen und er wünscht sich, er könnte sich wärmen und all seine Erinnerungen und die sterbenden Träume vergessen.
(Das neue Jahr mit einem klaren Kopf, ohne Motten und ohne Feuerwerke beginnen.)
Die alte Dame hat eine Stimme, die selbst nach Wärme und Kaminfeuer und nach verstorbenem Früher klingt. Ihm wird warm, als er sie sprechen hört, warm in dieser kalten, kalten Nacht.
„Ist es nicht kalt da draußen? Meine Tür ist offen.” Der Satz ist begleitet von der kurzen Andeutung eines Lächelns und er kann nicht anders, er erwidert es.
„Danke.” Normalerweise würde er der Einladung nicht folgen, aber er ist einsam, seine Schwester ist nicht da und wird nicht kommen und im Inneren des Hauses wartet ein Feuer.
Er tritt durch die Tür, schließt sie hinter sich und sperrt damit den Countdown der letzten zwanzig Minuten aus, sperrt den Farbglitzerschauer aus, die lauten Rufe und die Erinnerung an seine Schwester.
(Das letzte Silvester, das sie miteinander gefeiert haben, möchte er sowieso vergessen.)
„Setz dich hin”, fordert die Dame ihn auf und er setzt sich auf einen Stuhl - er kann ignorieren, dass er unbequem ist - und richtet seinen Blick auf den kleinen, altmodischen Fernseher vor sich, in dem Dinner for One läuft. (Irgendwie erinnert es ihn an Zuhause.)
„Hier bitte. Ich trinke nicht, also gibt es keinen Alkohol”, reißt ihn ihre Stimme aus den Gedanken und vor ihm steht eine Tasse dampfender Tee. Vorsichtig nimmt er ihn, murmelt ein Danke.
Eine Weile ist es still und er vergisst, dass Silvester ist. Eine Weile ist es nur ein Zufall, dass Dinner for One im Fernsehen läuft, obwohl es solche Zufälle nicht gibt. Eine Weile ist er wieder ein Kind, seine Schwester sitzt neben ihm, sie beide in dieser grauen, grauen Stadt und alles ist gut.
„The same procedure as every year?”, sagt sie da und er wird aus seinen Gedanken gerissen. Er bemerkt, dass die Dame sich neben ihn gesetzt hat und ihn ansieht, dabei den Text mitspricht und er weiß, es ist eine Frage. Er nickt.
„Ich komme jedes Jahr hierher zurück, aus... vielleicht aus Reue. Es tut mir Leid, dass ich sie zurückgelassen habe, wissen Sie. Aber ich wollte weg und auf eigenen Beinen stehen. Es war nur schlechtes Timing, dass es ausgerechnet an Silvester war. Silvester war immer so magisch für sie.
Sie hat nie verstanden, wissen Sie, wie ein Jahr einfach so vorbei sein kann, aber sie war immer fasziniert von den Glücksbringern, den Süßigkeiten. Sie mochte das Bleigießen auch. Aber am liebsten hatte sie die Feuerwerke. Als wir Kinder waren, haben wir und vors Fenster gestellt und dem Spektakel zugesehen... so viele Farben, so laut, so fröhlich. Das war sie auch.
Ich habe sie damals sehr genossen, die Silvesterabende mit meiner kleinen Schwester. Und jetzt...”
„Sind sie noch nicht vorbei, die Silvesterabende”, unterbricht die alte Dame ihn, aber es entlockt ihm nur ein bitteres Lachen.
In dem Moment ertönt ein lauter Ruf, oder viele, viele vereinzelte Rufe und das durchdringende Schlagen einer Kirchuhr.
„Mitternacht. Das Jahr ist um”, flüstert er und vielleicht ist er sogar ein bisschen glücklich, denn er weiß, was er im neuen Jahr zu tun hat.
Sie beobachtet ihn, eine Hand auf den Tisch gelegt. Beobachtet ihn lange, aber in ihren Augen liegt Zuversichtlichkeit.
„Viel Glück. Das kann man im neuen Jahr gebrauchen”, sagt sie nur und vielleicht ist sie das Grün in dieser grauen Stadt. Er nickt, trinkt den Tee aus, ist zufrieden. Das erste Mal seit Längerem.
Das Gefühl des Glücks verschwindet, als er die Tür hinter sich zuzieht. Es wird aufgescheucht wie ein Schwarm Motten, der sich langsam in Richtung Nachthimmel bewegt und dort den Feuerwerken Gesellschaft leistet. Aber er kann sich davon nicht abhalten lassen. Das weiß er.
Und dann dreht er sich um und beginnt zu rennen.
Aber noch während er an all den Häusern vorbeihastet, die früher von Leuten bewohnt wurden, die ihm wichtig waren und die jetzt nur noch tote Riesen sind, weiß er, dass er nicht davonrennen kann. Nicht von den Gedanken, die in seinem Kopf Fanfaren blasen. Nicht vor den Erinnerungen, die in seiner Seele Schatten malen. Und schon gar nicht von den sterbenden Träumen, die um ihn verglühen und vom Himmel fallen wie Feuerwerke.
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Feuerwerke
Short StoryEin Silvesterabend, Feuerwerke und all die sterbenden Erinnerungen.
