Ich wusste nicht wie lange ich schon hier war.
Ich wusste auch nicht wo oder wer ich war.
Ich wusste nicht wer die Menschen in den weißen Kitteln waren, nur, dass mit mir irgendetwas nicht stimmte. Dass mit niemandem hier etwas stimmte. Die beiden Mädchen, gegenüber und links von mir, kamen mir seltsam Vertraut vor, aber ich wusste nicht woher. Einmal am Tag kam ein alter Mann, der mir dann Fragen stellte. Viele Fragen. Wenn er ging, wurde bei mir das Licht ausgeschaltet und der weiße, leere Raum wurde dunkel. Dann ging ich schlafen, träumte von meiner Vergangenheit, so glaubte ich, und wachte dann mit einem Schrecken auf. Ich fing an hin und her zu tigern, bis der Mann mit der ersten Mahlzeit kam. In dieser Zeit dachte ich über meine Träume nach. Analysierte sie, stellte sie in Frage. Aber nach dem Essen vergaß ich sie und alles was dazu gehörte. Ich versuchte nie das Essen zu verweigern, weil ich damit etwas verband was Schmerz bedeutete. Und ich wollte keinen Schmerz fühlen. Allein auf meinen Händen hatte ich unglaublich viele Narben. Einmal pro Woche holte man uns aus einer Zelle und führte Versuche mit uns durch. Es war nicht schön, zu sehen, wie die Jungen und Mädchen vor mir reingerufen wurden. Denn ich wusste was da drinnen passierte. Wir bekamen Betäubungsmittel und dann wurde ein Chip der in unseren Schultern eingenäht war überprüft. Wer sich in der Woche daneben benommen hatte, bekam kein Betäubungsmittel. Man starb fast wenn das passierte, denn der Schmerz, wenn die kaum verheilte Wunde an der Schulter aufgerissen wurde und dann ein Doktor zwei Finger reinsteckte, war unerträglich. Die anderen Jungen und Mädchen traf ich fast nie, und wenn, dann durften wir uns nicht unterhalten. Das war eins der Gesetze die wir unablässig eingetrichtert bekamen. Ein anderes war, verweigert unter keinen Umständen das Essen. Wer es versuchte wurde bestraft. Womit wusste ich nicht, denn ich hatte es nie versucht. Manchmal träumte ich so deutlich, dass ich mit dem Geschmack von Blut im Mund aufwachte. Und sehr selten kam es vor, dass meine Wangen feucht waren und dieses Wasser schmeckte nach Salz. Irgendwo hatte ich mal aufgeschnappt das man diese Flüssigkeit Tränen nannte. Man konnte sie wohl aus Freude, sowie aber auch aus Traurigkeit vergießen. Und das, obwohl ich eigentlich nicht fühlte. Nie!
Als ich heute aufwachte, war es scheinbar noch sehr früh, da der Mond noch in meinem Fenster stand. Auch jetzt war wieder so ein Moment in dem meine Wangen nass waren und ich hatte ein dumpfes Gefühl in der Brust. Vor meinem inneren Auge stiegen die Bilder von neun Mädchen in ungefähr meinem Alter auf. Zwei von ihnen kannte ich. Es waren die von gegenüber und von links. Sie lösten ein Gefühl von Gemeinsamkeit aus. Mit einem Ruck setzte ich mich auf. Talita und Sarena! Das waren ihre Namen! So hießen sie. Blieben nur noch die anderen sieben aus meinem Traum. Ich sprang aus dem Bett und klappte die Matratze hoch. Hier versteckte ich Papier und Stifte. Ich weiß nicht mehr woher ich die hatte, aber sie waren dort. Heute würden sie mal zu was brauchbarem eingesetzt werden. Ich nahm mir einen Bleistift und einen Stapel Blatt Papier, klappte die Matratze wieder runter und setzte mich auf das Bett. Ich schrieb die Namen der neun Mädchen nieder und notierte meine dazugehörigen Gefühle.
Talita: Gemeinsamkeit; Schwester o.
vielleicht sehr gute Freundin
Sarena: s.O.
Stefanie: Zorn, Enttäuschung; Verrat?
Sarah, Vera, Yui, Luisa, Alex, Xenia: Trauer
Wärend ich das aufschrieb kochte in mir ein brodelnder, nie da gewesener Zorn hoch, der mich in Versuchung brachte gegen alle Regeln zu verstoßen. Alles zu Zerstören. Dieser Gedanke lockte ein grausames Grinsen auf meine Lippen. So wie früher, dachte ich, auch wenn ich nicht wusste aus welcher dunklen Nische dieser Gedanke gekrochen war. Ich fasste einen Entschluss. Ich würde das Essen nicht anrühren bis ich mich nicht an alles erinnert und es aufgeschrieben hatte. Dieser Entschluss setzte sich eisern in meinem weich gekochten Gehirn fest. Ich würde das durchziehen! Da gab es kein Pardon. Ich war grausam, eiskalt und das auch zu mir selbst. Selbst wenn ich drei Wochen hungern müsste, ich würde das durchhalten! Wie immer.
YOU ARE READING
Phsychopathen auf freiem Fuß
Short StoryHoch oben, auf einer Klippe direkt über dem Meer, da steht eine Anstalt. Drei Schwestern (oder vielleicht doch vier?) versuchen zu fliehen und zeigen uns, Familie ist nicht immer perfekt.
