(an einem Dienstag um 13 Uhr)
Palim-Palim!
Einen wunderschönen guten Morgen Verehrteste und willkommen!
Ihrer verdutzten Miene entnehme ich Ihr Befremden ob der ungewöhnlichen Begrüßung, aber seien Sie beruhigt, ich bin verrückt.
Ach, herrlich!
Die erste Hürde ist überwunden, Sie stolpern nicht wieder rückwärts durch die Tür, Sie stehen noch vor mir; sogar, nachdem ich eben begeistert in die Hände klatschte! Sollte Sie die Angst lähmen und Ihre Knie aufweichen, keine Furcht und keine Sorge. Es ist nicht die gefährliche, bedrohliche Verrücktheit, keinesfalls. Aber ich bin doch recht wunderlich, gar verschroben und kauzig sowieso, du meine Güte, ja!
Vor allen anderen bin ich ganz und gar verrückt nach Büchern, welcher Art auch immer.
Nach Geschichten, den guten, den reinen, den feurigen.
Nach gewebten Texten.
Und immer nach Wörtern, ganz besonders nach Wörtern, ihrer Bedeutung, ihrem Klang, und die will ich haben, alle haben.
Um in ihnen zu schwimmen und zu tauchen.
Und das tue ich am liebsten!
Nein, nicht durch den Laden tanzen!
Den Wörtern auf den Grund gehen und ihre Tiefe ausloten.
Ein Sauerstoffgerät brauche ich nicht, verzeihen Sie meine Erheiterung! Nein, es beschwert mich und wozu auch! Raubt es mir doch immer wieder dem Atem. In diese mystischee Unterwasserwelt einzutauchen, sie zu erforschen, so geheimnisvoll, so anders, ja fremdartig und immer vertraut. Sie hat keinen Meeresboden, so wie der schäumende Ozean, nein. Aber so viele Gemeinsamkeiten!
Die ersten Entecker brachen auf zu neuen Ufern, ins Unbekannte, ja ohne die Gewissheit zu haben, etwas zu entdecken! Eine unendliche Weite über den Horizont hinaus, damals so unerforscht wie die Tiefsee es für uns noch immer ist. Nur verspricht sie Sicherheit.
Wörter dagegen haben Tiefe, so eine unendliche Tiefe, man kann ihnen nie auf den Grund gehen, oder? Der Rausch der Tiefe, grundlos wie so viele Gedanken. Und da, das gebe ich unumwunden zu, wird sie doch gefährlich, diese Verrücktheit.
Deshalb bin ich jetzt zum ersten Mal ernst, aber ich fürchte es wird nicht lange anhalten und, das schließe ich aus Ihrem Lächeln, es ist nicht all zu überzeugend. Aber einen feierlichen Ernst wollte ich schon zeigen, Teufel noch eins!
Ich bin kein guter Schauspieler und wahrscheinlich deshalb kein guter Verkäufer.
Ich bitte abermals um Verzeihung!
Also noch einmal:
Einen wunderschönen guten Morgen und ein herzliches Willkommen in meinem bescheidenen Antiquariat!
Irgendwo ist immer morgen und hier werden deren noch viele kommen, also bitte suchen Sie sich einen aus!
Wäre das mit der Tageszeit auch erledigt, ich komme gut voran, bin richtig in Schwung! Schon ein gutes Stück des Weges geschafft, dabei ist es noch Morgen, Eos sei Dank!
Wer ich bin?
Unhöflich, wie ich gerade finde.
Ich erbitte ein drittes Mal um Entschuldigung! Es wird nicht das letzte gewesen sein, also bitte zählen Sie nicht mit, so viele werden folgen, dafür jedes einzigartig, aufrichtig gemeint.
Komme ich nun Ihrer Bitte nach, von Herzen gern und stelle mich vor.
Alles erfahren Sie nicht von mir, wir stünden heute Abend noch hier und der Mittag ist auch nicht mehr fern, daher in aller Kürze mehr, mag dies vorerst genügen:
Teuerste ich bin
- klein und unscheinbar
- oft überschäumend! Stille Wasser brauchen keine Kohlensäure, ist doch heiße Luft
- der Welt schlimmster Fragensteller
- krankhaft offen für alles
- In meinen Briefen und Nachrichten sehr mitteilsam bis unfähig mich schriftlich kurz zu fassen
- auch befähigt, hochernste Aufsätze und Artikel und Essay zu schreiben
- seltsam, merkwürdig: merksam!
- belesen, im schönsten Sinne dieses Prädikats
- kein Quer- oder Um-die-Ecke-Denker; ein Labyrinth-Gedankengänger
- sehr still, in mir selbst ruhend
- viel, besonders bibliophil
Ich bin oft entzückt, manchmal auch sehr verrückt; aber immer entrückt.
Oder in den einfachen Worten, mit denen meine Mitmenschen all dies zusammenfassen:
Ich bin Julius, dieser alte Kauz!
