"Machen Sie bitte das Licht oben im Schlafzimmer an und aus, bevor sie gehen.", sagte der alte Mann." Natürlich.", antwortete Miriam, während sie ihrem Beruf nachging und den Alten in seinem Krankenbett bis zu den Schultern zudeckte. Das Bett schien zu modern für die antike Wohnzimmerausstattung der prächtig stilvollen Villa. Auch ihr Besitzer schien darin vollkommen fehl am Platz, obwohl sein Alter sichtbar war. Der erfolgreiche Herr hielt an seiner früheren Sicht der Welt fest und behielt eiserne Beherrschung. Er schaute sie nicht so kindlich oder wohlwollend an, wie der Rest ihrer Klienten. Sein Anker Stolz ließ seinen Mund eine ernste Linie ziehen, obwohl er nicht mehr wusste warum. Doch in seinen Augen konnte er trotz großem Bemühen nicht die übliche Niedergeschlagenheit seiner Altersschicht vollkommen verdrängen. Sein kläglicher Rest an Würde machte ihm zu schaffen. Davon konnte Miriam auch der steife, graue Anzug über dem Ankleidestuhl nicht ablenken, wenn er diesen am Tage trug. "Bis Morgen dann. Schlafen sie gut. Und sie wissen ja, das hier, für den Notfall, ein Toilettenstuhl steht.", sie wies auf die veränderte Sitzgelegenheit und drehte sich dann zum Gehen um." Sie wissen selbst, dass ich mich niemals auf dieses Teil setzten werde. Nicht, wenn nicht vorher eine Abrissbirne das Gästeklo zerstört hat." Mit warnend starrem Blick versuchte er seinen Standpunkt gestikulierend zu unterstreichen." Bis Morgen dann, Herr Pavo.", sagte seine Pflegerin und ging in Richtung Tür um ihr Lächeln zu verstecken. Archibald Pavo und sie hatten sich an ihrem ersten Aufeinandertreffen erst einmal um eine neue Auslaufschutz-hose kümmern müssen. Archi, wie sie ihn in Gedanken liebevoll nannte, war damals mit der vorigen Pflegerin einen Handel eingegangen: Er musste in dem "Bett für alte Nichtsnutze" schlafen, durfte aber so auf einen Urinsack verzichten und zumindest versuchen auf die normale Toilette im Untergeschoss zu gehen. Bereitwillig hatte Miriam dies weitergeführt, und nie etwas gesagt, wenn er mal wieder bepinkelt im Flur vor der Tür lag- auf halbem Weg zu seinem Ziel entkräftet. Die knarrenden Stufen mündeten in ein neues Stockwerk . Überall auf dem Boden lagen persische Teppiche, die nach dem Ächzen der Stufen eine fast schon zu unangenehme Ruhe schafften. Miriam schätzte seine Eigenheit, obwohl sie es nicht so gern sah, wie er versuchte seinen Mitmenschen den Perfekten vorzuspielen. Im Finden eines Tricks um die Leute hinters Licht zu führen war er ein Genie. Alles wurde von ihm lückenlos geplant, damit es so wirkte als könne er trotz Alters an seinen Grundfesten fest halten. Als wäre er immernoch der selbe stattliche Mann wie vor 47 Jahren. Obwohl sie ihn nun quasi bewunderte, hatte sie etwas gebraucht um ihn nicht endgültig als einen Verrückten abzustempeln und ihm zu sagen er bräuchte keine Pflegerin sondern eine Psychotherapeutin. Im Zimmer angekommen betrachtete sie die still da liegenden Schemen des Bettes und der riesigen Vorhänge der Fenster. Regungslos, aber nicht traurig lagen sie da. Als hätte der komplette Raum mit seinen Möbeln ihre Einsamkeit einstimmig akzeptiert. Licht an. Die verblichenen Blumen der alten Tapete schienen kurz erfreut zu strahlen. Dann verfielen sie wieder in eine Trance. Sie konnten sich genau wie ihr Herr eben auch nicht aussuchen, wie sie leben wollten. Licht aus.
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Herr Pavo
Short StoryIn der Kürze liegt die Würze(?)-> Es ist eine Kurzgeschichte, weshalb ich sie vielleicht beschreiben kann. In dem Text könnten ein paar meiner Annahmen bezüglich der Pflege/ des Verhaltens älterer Menschen falsch sein.
