Kapitel 1 - Charlet

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(Charlet's Sicht)

,,Charlet, kommst du bitte Essen?'', rief mein Vater aus der Küche. Ich verdrehte Augen, da ich schon den ganzen Tag über genervt von alles und jedem war. ,,Ich habe keinen Hunger'', gab ich als Antwort zurück. Keine Minute später stand mein Vater dann auch schon in der Tür, in seiner rechten Hand ein Teller dampfender Gemüselasange. ,,Kommt nicht in Frage, du isst jetzt was. Ich habe nicht umsonst dein Lieblingsgericht gekocht.'', sagte er tadelnd und stellte den Teller neben mir ab. Der Geruch des Essens stieg mir in die Nase weswegen es mir sehr schwer viel standhaft zu bleiben. Vorsichtig liebäugelte ich mit der Köstlichkeit was meinem Vater natürlich nicht entging. ,,Dachte ich es mir doch.'', sagte er schmunzelnd und verließ dann wieder mein Zimmer. Das liebte ich so an ihm. Er wusste wie er mich aufmuntern konnte, aber erkannte gleichzeitig auch wenn ich meine Ruhe haben wollte. Gerade war ich dabei einen neuen Song zu schreiben, doch damit das leckere Essen nicht kalt werden würde legte ich mein Songbook erstmal bei Seite. Unter anderem auch deswegen weil ich unter allen Umständen vermeiden wollte das etwas an dieses Buch dran kommt. Es war ein braunes in Leder gebundenes Notizbuch welches einmal meiner Mutter gehört hatte.

Meine Mutter ... der Gedanke an sie machte mich zur Zeit wahnsinnig traurig. Ich war mittlerweile 23 Jahre alt und eigentlich überhaupt nicht nah am Wasser gebaut, aber sobald ich an sie dachte empfand ich nichts als Trauer. Dabei kannte ich sie überhaupt nicht. Lediglich durch die wenigen Erzählungen meines Vaters die ich zugelassen hatte, machte er sie ein bisschen lebendig. Ja ... lebendig, das trifft es ganz gut. Ich hatte leider nie die Chance bekommen meine Mutter kennenzulernen, denn sie war bei meiner Geburt verstorben, verblutet um genau zu sein. Das Einzige was mir von ihr blieb waren ein paar Fotos und eben dieses Notizbuch, wo sie ebenfalls ein paar Gedanken reingeschrieben hatte. Mein Vater hatte es vor ein paar Monaten bei ihren Sachen gefunden und mir geschenkt in der Hoffnung es würde mich aufmuntern, denn auf dieses Thema war ich nicht wirklich gut zu sprechen.

Das war aber auch das Einzige, denn ansonsten hatten mein Vater und ich ein ziemlich gutes Verhältnis zueinander. Er war trotz seines Jobs als Bankkaufmann immer total locker drauf, weswegen mich viele meiner Freundinnen beneideten, da ihre Eltern eher von der strengen Sorte waren. Mein Vater war da wirklich das komplette Gegenteil und ich konnte mit ihm wirklich über alles reden, nur eben nicht über meine Mutter, aber das war ganz alleine meine Entscheidung gewesen. Er hatte oft genug versucht mir von ihr zu erzählen, was ich jedoch immer abblockte, da es einfach zu sehr weh tat. Ich machte mir seitdem ich denken konnte und wusste was bei meiner Geburt passiert war unglaublich viele Vorwürfe. In meinen Augen hatte ich meine Mutter auf dem Gewissen und das war ein Punkt mit dem ich wohl niemals klar kommen würde, weswegen ich versuchte alles so gut es eben ging zu verdrängen und mich diesbezüglich zu verschließen. Bis jetzt kam ich damit auch ganz gut durchs Leben und ändern wollte ich daran vorerst auch nichts.

Am meisten Verständins dafür hatte meine beste Freundin Cailee, wobei das eher daran lag das sie sich dafür auch einfach nicht interessierte und deswegen auch noch nie nachgefragt hatte. Aktuell gab es nämlich nur ein Thema zwischen uns Beiden. Meine Karriere als Sängerin. Cailee war immer die Erste die meine Songs hörte und mir half sie zu verbessern. Es war zudem ihre Idee gewesen das Ganze als Demo aufzunehmen und an einige Plattenlabel zu schicken. Diese Demo CD war vor 2 ½ Wochen fertig geworden. Darauf zu hören waren ein paar meiner selbstgeschriebenen Songs die meiner Meinung nach am überzeugensten waren. Bis jetzt hatte ich jedoch noch keine Rückmeldung erhalten, was nicht gerade zu meiner Laune beitrug.

Ausschlaggebend für meine bescheidene Laune war jedoch mein Freund Henry. Ich hatte ihn vor knapp 2 Jahren auf einer Firmenfeier, zu der mein Vater mich mitgeschleppt hatte, kennengelernt. Es war die Feier der Bank wo mein Vater arbeitete, demnach war Henry ebenfalls Bankkaufmann und zudem schon 28 Jahre alt, sprich ganze 5 Jahre älter als ich. Das tat allerdings recht wenig zur Sache, denn erstens war er erfolgreich in seinem Beruf, sah unheimlich gut aus und verstand sich prächtig mit meinem Vater. In Streit Situationen war das allerdings nicht wirklich von Vorteil, denn wenn mein Vater das mitbekam nahm er ihn immer in Schutz und so kam es dann auch jedes Mal dazu das ich klein bei gab und wir uns wieder vertrugen. ,,So hab ich meine Charlet gern.'', sagte Henry dann immer und schaute dabei jedes mal siegessicher. Ein Nachteil seines Erfolges war seine dadurch stetig wachsende Überheblichkeit, aber wenn ich ehrlich war stumpfte mich das mit der Zeit extrem ab. So auch dieses Mal, denn wir hatten mal wieder Streit wegen einer Kleinigkeit, oder auch nicht.

Er war einfach komplett dagegen das ich Sängerin werden wollte und nachdem nun schon 2 Wochen keine Rückmeldung von den Plattenfirmen kam war dies natürlich für ihn mehr als eine Genugtuung. ,,Manche Träume werden wohl nie in Erfüllung gehen. Mach dir nichts draus, du hast ja mich.'', hallten seine Worte in meinem Kopf nach woraufhin ich verächtlich schnaubte. Es machte mich so wütend das er mich in dieser Sache nicht unterstützte und meine Musik ins Lächerliche zog.

Die Musik war für mich mein einziger Rückzugsort. Der Moment wo ich einfach nur ich sein konnte. Doch bis auf meinen Vater schien das keinen zu interessieren. Cailee sah nur den Erfolg der hoffentlich bald kommen würde und Henry war explizit dagegen, da es seiner Meinung nach Zeitverschwendung war.

Wobei da gab es tatsächlich noch jemanden der meine Musik liebte. Meine Tante Sophia. Sie war die Schwester meiner Mutter und vom Aussehen her gleichten sich die beiden ungemein. Auf Bildern wo beide noch jung waren konnte man gar nicht genau sagen wer von den Beiden jetzt wer war. Insgesamt lagen jedoch 4 Jahre zwischen ihnen. Mittlerweile waren es jedoch mehr, denn meine Tante war 39 Jahre alt, wohingegen meine Mutter nur 21 Jahre alt geworden war. Wenn ich meine Tante also heute so ansah dann konnte ich eigentlich nicht genau sagen ob sie das Ebenbild meiner Mutter war, aber zumindest in meiner Vorstellung stellte ich sie mir so vor.

Währendich so meinen Gedanken nachhing begann ich nebenbei zu essen, als plötzlichmein Laptop neben mir anzeigte das ich eine E-Mail erhalten hatte. Neugierigging ich drauf und konnte meinen Augen kaum trauen.

- BETWEEN THE LINES - (pausiert)Where stories live. Discover now