Es hat geschneit. Wie eine weiße Decke überzieht der Schnee die Landschaft, rundet Kanten, nimmt den Dingen die Härte. Ich lasse die Gardine wieder vors Fenster fallen. Zeit zu gehen. In Mantel und Stiefeln, mit einem Extrapaar Strümpfen über der Strumpfhose trete ich ins Freie, die Tasche lose über die Schulter gehängt.
Ich spüre kaum, wie mir die Kälte unters Kleid kriecht. Zu sehr freue ich mich über die in Watte gepackte Welt, so still und friedlich, nur meine Schritte knirschen leise im Schnee. Von Schneeflocken bedeckte Äste glitzern in der Morgensonne, als wären sie aus Kristall. Ich muss einfach stehen bleiben, die Arme ausbreiten, all das umarmen, die Sonne, das Licht, die sanfte Schönheit des Winterzaubers.
Meine Schritte führen mich vom Wald zurück ins Dorf. Aus den Schornsteinen steigt schon Rauch, irgendwo kräht ein Hahn. Aber der Weg ist noch jungfräulich, meine Schritte hinterlassen die erste Spur im Schnee. Alles scheint wie frisch aus dem Ei gepellt.
Plötzlich springt eine Katze aus dem Gebüsch, läuft mit einer Amsel im Maul vor mir den Weg entlang. Beim Anblick des toten schwarzen Vogels kommt die Erinnerung wieder hoch. Wie ein Schwall Erbrochenes schwappt sie in mein Bewusstsein. Rot, Schwarz, Blut, Dunkelheit. Von Schwindel gepackt sinke ich auf einem Baumstumpf zusammen, hocke keuchend in der Märchenlandschaft, sende mit meinem Atem Rauchsignale.
Nur langsam beruhigt sich mein Puls wieder. Ängstlich blicke ich zurück zum Forsthaus, aber da ist nichts. Nur unberührte Natur im weißen Brautkleid. Mühsam nehme ich die Wanderung wieder auf.
Mein Vater, er ist der Urgrund dieser Pest. Vielleicht auch sein Vater oder dessen Vater, jedenfalls war es richtig, davon zu laufen. Ich muss dieses Dasein hinter mir lassen. Leider verfüge ich weder über Geld noch Fähigkeiten, mit denen ich auf dem Land meinen Lebensunterhalt verdienen könnte. Erst in der Stadt werde ich am Ziel sein, in den Webfabriken werden immer Frauen gesucht.
Verschneit wirkt das Dorf noch malerischer und abweisender als gestern Abend. Aus den Häusern höre ich geschäftige Stimmen, Kühe muhen in den Ställen, nur die Straße liegt wie ausgestorben da. Unbehelligt erreiche ich die Dorfschenke. Ein hölzerner Aufsteller, ein fröhlicher Saufkumpan mit roter Nase und jetzt auch mit weißer Mütze, winkt Gäste herein. Seit gestern Abend weiß ich, dass nur zahlungskräftige Gäste gemeint sind.
Als ich im Dorf ankam, hungrig und müde, bat ich in der Schenke um ein wenig Brot und Wasser, um einen Platz am Kamin, an dem ich die Nacht überstehen mochte. Der Wirt hatte ein gutmütiges rundes Gesicht und einen ebensolchen Bauch, ich hoffte inständig, auf ein weiches Herz zu treffen, das sich von meinen Bitten rühren ließ. Aber er blaffte mich nur rüde an, er sei nicht die Heilsarmee, und wenn ich essen und trinken wolle, dann müsse ich zahlen wie alle anderen auch.
In meiner Verzweiflung sank ich vor dem Tresen auf die Knie, bat ihn nur um ein wenig Wärme am Kamin, der Herrgott möge es ihm vergelten. Aber der Grobian zog mich mitleidslos wieder hoch. Ich rang mit ihm, er zerrte mich zum Ausgang. Ich nutzte das Durcheinander, um ihm in die Tasche zu greifen in der Hoffnung, wenigstens irgendetwas Nützliches zu erbeuten, aber als ich allein und frierend auf der Straße vor der Schenke stand, hielt ich nur sein Taschentuch mit eingesticktem Monogramm in Händen. Weder gegen Hunger noch gegen die Kälte der Nacht würde es helfen.
Mir war klar, dass ich erfrieren würde, sollte ich draußen einschlafen. Wenn in der Dorfschenke wenigstens ein Gast seine Stimme zu meinen Gunsten erhoben hätte, an jede Tür hätte ich geklopft, um irgendwo im Dorf unterschlüpfen zu können. So aber fehlte mir die Hoffnung, hier noch Aufnahme zu finden. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiter zu gehen, die Landstraße entlang zum nächsten Dorf, um dort womöglich auf verständigere Seelen zu treffen.
Ich schlug dieselbe Richtung ein, in die ich jetzt gehe, von der Schenke über die Querstraße zur Kirche. Kleine Fenster aus buntem Glas glänzen in der Morgensonne. Der Schnee lässt das gedrungene Gebäude leichter wirken, als zöge er die weißen Dachflächen himmelwärts. Trotzdem kommt mir die Kirche dumpf vor, einfältig in ihrer Schlichtheit. Ich frage mich, wie Menschen denken mögen, zu denen in solch trübseligem Bau täglich von Gott und Teufel gepredigt wird.
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Weiß wie Schnee
Storie breviEs wird Eiskalt... ❄️ Don't Like it, Don't read it. An alle anderen : Viel Spaß beim Lesen...
