Der kleine, dünne Junge saß in seinem Krankenbett, die blütenweiße Decke zurückgeschlagen, in der Hand eine vergilbte Ausgabe von Erich Kästners "Lyrische Hausapotheke". Er war vollkommen vertieft in seine Lektüre, strich sich lediglich ab und an das dunkle Haar aus der Stirn. Das war eigentlich das einzige Lebenszeichen seinerseits, vermischt mit dem leichten Atem und dem raschelnden Umblättern der Seiten. Es klopfte kurz an der Tür, doch Claude nahm keine Notiz davon. Die Tür öffnete sich einen spaltbreit, sodass grade ein blitzendes Paar neugieriger Augen zu erkennen war. Die Person, der die Augen gehörten, trat in der Raum. Nun wurde auch eine nervöse Krankenschwester sichtbar, die ungeduldig an ihrer Schwesterntracht herumnestelte.
"Claude, mein Junge, gut, dass du da bist.", seufzte die Schwester erleichtert, während sie gleichzeitig zwei unglaublich schwer aussehende, wuchtige Koffer in das Zimmer schleppte.
" Darf ich vorstellen? ( sie schob den Jungen mit den neugierigen Augen noch mehr in den Raum) Das ist Ludo Kawren, ab heute dein Mitbewohner. Er wurde leider erst kurzfristig eingeliefert, deshalb ist alles ein bisschen plötzlich.", keuchte sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Claude verzog das Gesicht, warf einen flüchtigen Blick auf Ludo, und widmete sich wieder dem Buch in seinen filigranen Händen. Die Krankenschwester seufzte genervt, zupfte an der Decke des bis jetzt unbesetzten Bettes herum, strich sich eine Strähne des goldblonden Haares hinters Ohr und verabschiedete sich mit den Worten: " Claude, zum Abendessen sowie zur Therapiesitzung wirst du Ludo mitnehmen. Und sei gefälligst freundlich!", bevor die Tür zuknallte und die Blondine zu einer dringenden Operation in den OP-Saal huschte.
Die beiden Jungen musterten sich, bis die klackernden Schritte im Flur verhallten. Daraufhin verzog Claude sich wieder hinter dem Buch und Ludo sah peinlich berührt weg und entschloss sich, seine Klamotten in den dafür vorgesehenen Schrank zu räumen. Er öffnete nichtsahnend den Reißverschluss des ersten Koffers, als ein knallendes Geräusch ertönte, der Deckel des Koffers einen Hüpfer hinlegte, und eine gewaltige Klamottenflut sich auf dem Fußboden verteilte. Verlegen, mit heißen Wangen versuchte Ludo, die Klamotten auf einen Haufen zu bekommen, während Claude ihn geschockt anstarrte. Was zu Hölle hat diesen Trottel hergetrieben, wenn er nicht mal gescheit eine Koffer packen kann? Claude war einfach sprachlos.
Ludo hingegen hatte sich wieder gefasst und begann damit, die Wäsche einzuräumen. Erst leerte er den einen, dann den anderen Koffer. Und obwohl die Schränke normalerweise sehr geräumig waren und Ludo faltend versuchte, den Platz der Kleidungsstücke zu verringern, bekam er gen Ende den Schrank gerade noch zu. Erleichtert aufatmend lehnte er sich gegen die Schrankwand und sank zu Boden. Dort zog er seine Turnschuhe aus, sodass seine Socken sichtbar wurden ( sie waren knallgelb mit himmelblauen Fischen) und fischte aus den Taschen seines überdimensionalen Pullovers ein Smartphone mit froschgrüner Hülle und weißen Kopfhörern, die dem keltischen Knoten Konkurrenz machten. Betreten musterte Ludo das Kabelknäuel und versuchte, den riesigen Knoten zu lösen, was darin endete, dass er sich selbst verhedderte, versuchte loszukommen, was alles nur noch schlimmer machte. Halb genervt, halb belustigt beobachtete Claude ihn dabei, bis es ihm zu bunt wurde.
" Komm her ", murrte er Ludo zu, der sich umwandte und langsam dem Bett näherte. Die filigranen, bleichen Hände berührten die ebenfalls bleichen, allerdings narbendurchzogenen Hände mit den langen Fingern und begannen zupfend, den Knoten zu lösen, erst langsam und vorsichtig, dann immer schneller, bis das Kopfhörerpaar entknotet auf dem Schoß des Dunkelhaarigen lag . Dieser überreichte, vor sich hin schimpfend die Kopfhörer dem Hellbraunhaarigen, der sich erleichtert bedankte.
Eine Glocke ertönte, und Ludo warf einen fragenden Blick auf Claude. " Es gibt Abendessen.", brummte dieser und erhob sich aus seinem Bett, strich sich die blaue Jeans glatt und ergriff das Handgelenk seines Gegenübers. " Wir kommen noch zu spät, also beeil dich", rief Claude Ludo zu und die beiden eilten rasch durch die Flure in den Speisesaal.
Die Tür zum Speisesaal wurde gerade von einem Pfleger geöffnet, als sie dort eintrafen. Einige drängten sich schon in den Türrahmen, als Claude schnell den Griff um das Handgelenk des Anderen löste. Er und Ludo schlossen sich der wachsenden Masse an und drängten sich in den Saal, um einen guten Sitzplatz zu ergattern. Sie ließen sich an einem Tisch ganz außen am Fenster nieder, gossen sich Mineralwasser ( Claude) und Orangensaft ( Ludo) in ihre Gläser, bevor sie sich an der Schlange am Buffet einreihten. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie wieder an ihrem Tisch saßen, jetzt allerdings hungrig und müde. Sie verschlangen geradezu den Kartoffelbrei, das Rotkraut und die Knödel. Satt, müder als zuvor und zufrieden tranken sie ihre Gläser aus , standen langsam auf, räumten ihr Geschirr ab und verließen den Saal.
In ihrem Zimmer putzten sie sogleich ihre Zähne, zogen ihre Schlafanzüge an und fielen nur noch in ihre Betten.
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Am nächsten Morgen erwachte Ludo durch ein lautes Rumsen. Er schlug sofort die Augen auf, sprang aus dem Bett und suchte das Zimmer nach der Geräuschquelle ab. Bald wurde er auch fündig. Geschockt sah er auf den am Boden liegenden Claude, der anscheinend aus dem Bett gefallen war, anscheinend aber trotzdem weiterschlief. Das dunkle Haar war fürchterlich zerzaust , der Schlafanzug war zerknittert und sein Körper wirkte wie eine zerbrechliche Puppe, vollkommen leblos. Ludo musterte noch einige Sekunden lang die blasse Schönheit, wandte sich allerdings bald ab und entschloss sich, ein wenig Musik zu hören. Ach ja, ein wenig Kultur.
Er entschloss sich zu ein wenig electro swing, um schwungvoll und enthusiastisch in den Tag zu starten. Also steckte Ludo sich in freudiger Erwartung die Kopfhörer in die Ohren, ohne zu bemerken, dass der Ton auf die maximale Lautstärke aufgedreht war. Als die ersten Töne wummernd ihren Weg in sein Ohr fanden, zuckte er kurz erschrocken zusammen, dachte sich aber nichts mehr dabei und schob es darauf, dass er eben in letzter Zeit nicht viel Musik gehört hatte. Claude drehte sich auf dem Boden langsam um, erwachte allerdings noch nicht. Ludo wandte sich peinlich berührt um. Den Dunkelhaarigen auf dem Boden hatte er vollends vergessen. Nun aber mit gutem Willen beflügelt, nahm er den Kleineren kurzerhand in seine Arme und legte Claude auf seinem Bett ab.
Leere. Nichts als gähnende Leere. Und Dunkelheit. Schmatzende, brombeerfarbene Fäden begannen sich aus dem unendlichen Schwarz zu lösen und klatschten auf einen Grund. Risse bildeten sich im Nichts, Es regnete jetzt schleimende, klebrige, bunte Fäden, die versuchten, das Nichts zu zerstören, freundliches Lachen ertönte, es wurde immer wärmer, Schweißperlen liefen seine Stirn hinab und die bunten Stränge begannen zu dampfen. Es roch nach Plastik, Keksen und Schweiß. Es kristalisierten sich langsam Rutschen, Schaukeln, eine Hüpfburg und eine Wippe aus dem ganzen Chaos heraus. Dumpfe Schritte kamen in seine Richtung, Hände zerrten ihn Richtung Schaukel, er versuchte sich loszureißen, stolperte und-
riss die Augen auf. " Ah Claude, auch mal wach?"
Er wandte sich in Richtung Ludo. " Ja, hatte bloß einen total verückten Traum.", nuschelte Claude noch ganz verschlafen.
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So, das war's auch schon mit dem ersten Kapitel, ich hoffe es hat euch gefallen, falls nicht bitte ich um konstruktive Kritik, denn wenn ich mir keiner Fehler bewusst bin, werde ich sie wohl jedes Mal erneut wiederholen, was schade wäre.
Liebe Grüße, Askold :)
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Der Fall
Mystery / ThrillerDie fünf, die dazu bestimmt sind, zu fallen, werden diese Prophezeiung schneller erfüllen als ihnen lieb ist, denn den Krankenhauspatienten hilft jemand auf die Sprünge. Die hagere Vogelscheuche hat ihre Opfer sorgsam gewählt, die mit derselben Sorg...
